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Der Zusammenbruch der innerstaatlichen Solidarität oder wie Spanien sich selbst ein Bein stellt

Rechtsstaat gegen Demokratie

Die Situation in Spanien wird immer komplizierter. Der katalanische Präsident Puigdemont steht mittlerweile mit dem Rücken zur Wand und gerät für seine Entscheidung, die Unabhängigkeit direkt nach der Verkündung auszusetzen, gleich von mehreren Seiten unter Beschuss. In den sozialen Medien macht der Treppenwitz die Runde, dass Katalonien mit nur 8 Sekunden Dauer nun die kürzeste Existenzdauer eines souveränen Staates in der Geschichte innehabe.

Ein Beitrag der AG Außen- und Sicherheitspolitik der Piratenpartei Deutschland

Der Zentralstaat Spanien bleibt hart

Der spanische Ministerpräsident Rajoy bleibt gegenüber dem Wunsch nach Unabhängigkeit der Katalanen hart. Tatsächlich kann er nicht anders als hart zu bleiben gegenüber einem Schritt, der laut spanischer Verfassung illegal ist. Daher gibt es wenig Spielraum für Gespräche oder Verhandlungen. Bestenfalls würde aus staatsrechtlicher Sicht eine Verfassungänderung helfen können, wie sie die spanischen Sozialisten ins Spiel gebracht haben. Für Madrid würde dies allerdings dem sprichwörtlichen Öffnen der Büchse der Pandora gleichkommen. Ein wenig Zurückweichen gegenüber dem katalanischen Streben würde aus Sicht der spanischen Zentralregierung bereits eine Ermutigung für andere separatistische Kräfte im Land sein. Seien es die Basken, die Andalusier, die Nordspanier oder eben die Katalanen. Sie alle wollen sich von der zentralistischen Regierung in Madrid lossagen und ihr eigenes Glück versuchen.

Ihr Wille zur Unabhängigkeit, auf ein eigenes Territorium und auf einen eigenen Haushalt, sowie Steuern könnte den spanischen Staat, immerhin ein großes und wichtiges EU-Mitglied, letztlich zerreißen. Unterdessen wird auch auf wirtschaftlicher Ebene Druck gegen das Projekt Unabhängigkeit Kataloniens ausgeübt, in dem mehrere spanische Banken und Unternehmen angekündigt haben, sich aus Katalonien zurückzuziehen oder ihre Zentralen bereits abgezogen haben. Der Schaden hinsichtlich verfügbarer Arbeitsplätze und letztlich der Wirtschaftskraft, aber auch innerhalb der Gesellschaft, dürfte immens sein. Vor allem aber ist es ein deutliches Zeichen der katalanischen Wirtschaft, dass nicht alle Menschen in Katalonien hinter dem Wunsch nach Unabhängigkeit stehen.

Dieser Umstand zeigt sich auch in der mangelnden Wahlbeteiligung bei dem Unabhängigkeitsreferendum von nur 42 Prozent. Inwieweit die niedrige Wahlbeteiligung auch mit den massiven, hochproblematischen Störmaßnahmen der Polizei zu tun hatte, kann man nicht sagen. Unstrittig ist, dass sich Madrid ohne Not eines Vergehens gegen die Meinungsfreiheit und gegen die Menschenrechte schuldig gemacht hat, indem sie ihre Polizei unnötig brutal gegen die Ausführung einer illegalen Wahl vorgehen ließ. Dennoch lässt auch die sehr niedrige Wahlbeteiligung den Wunsch der katalanischen Bevölkerung fragwürdig erscheinen. Gerade angesichts der sich immer stärker zuspitzenden Ereignisse und dem Aufflammen von nicht hinnehmbarer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung von Seiten der spanischen Zentralregierung ist ein gewisses Fingerspitzengefühl gefragt. Die sich nach Unabhängigkeit sehnenden Katalanen hoffen auch, dass sich die Europäische Union einschaltet, um sie in ihrem Streben nach Freiheit und freien Wahlen zu unterstützen.

Die Rolle der EU

Vertreter der Europäischen Union haben sich aus dem Streit um die katalanische Unabhängigkeit lange herausgehalten. Man ließ verkünden, dass die EU das Thema als eine interne Angelegenheit Spaniens betrachten würde, in die man sich nicht einzumischen gedenke. Für die Europäische Union ist das katalanische Streben jedoch ebenso gefährlich, wie für Spanien selber. Wie auch in Spanien, so gibt es quer durch die EU andere Regionen, die sich nach mehr Autonomie und eine stärkere Würdigung der eigenen, kulturellen Identität sehnen. Ein einzelnes, erfolgreiches Unabhängigkeitstreben einer Region könnte ein Stein des Anstoßes sein, der eine Kette von weiteren Referenden nach sich ziehen könnte. Da aber mit der Erklärung der Unabhängigkeit die betroffene Region aus der EU ausscheiden würde, könnte aus dem europäischen Binnenmarkt und dem Schengenraum schnell ein Flickenteppich werden. Einige der wichtigsten Errungenschaften der Union stehen für Brüssel also auf dem Spiel. Diese Ansicht hat letztlich wohl dazu geführt, dass sich Brüssel, als der katalanische Wunsch nach einem Mediator von Seiten der EU aufkam, klar für die Haltung der Regierung in Madrid aussprach.

Unabhängigkeit – zu welchem Preis?

Auf die katalanische Bevölkerung hingegen kommen ganz andere, praktischere Probleme im Alltag zu. Die Unabhängigkeit von Spanien würde für Katalonien auch den Verlust der EU-Mitgliedschaft bedeuten. Neben wirtschaftlichen Einbußen, die dadurch folgen würden und durchaus mit denen des britischen Brexit vergleichbar wären, müsste auch eine alternative Währung eingeführt werden, die den derzeit üblichen Euro ersetzt. Außerdem müsste die gesamte Bevölkerung neue Pässe beantragen und Visa, um Freunde oder Verwandte in anderen Regionen Spaniens oder anderen europäischen Nationen zu besuchen. Auch müsste eine unabhängige katalanische Regierung erst einmal neue Visavereinbarungen mit den Staaten der EU und weltweit treffen.

Dies wiederum wird erst dann möglich sein, sollte die neue katalanische Republik auch von diesen Staaten anerkannt werden. Das steht aber noch in den Sternen. Auf die Bevölkerung käme also eine Periode einer allgemeinen Unsicherheit zu. Es steht zu befürchten, dass die wenigsten Katalanen sich schon mit den möglichen Folgen der Unabhängigkeit beschäftigt haben. Man fühlt sich zunehmend an das Referendum über den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union („Brexit“) erinnert, dessen Initiator, der britische Premierminister David Cameron, selbst nicht mit dessen Erfolg rechnete und dieses als politisches Manöver zu mißbrauchen versuchte. Dies mißlang bekanntermaßen gänzlich und kostete ihn zunächst sein Amt und anschließend seine politische Zukunft.

Eine populistische Debatte

In der Folge steht die getäuschte Bevölkerung jetzt vor einer in vielen Bereichen ungewissen Zukunft. Nach dem Erfolg des Referendums schossen, wie gemeldet wurde, die britischen Anfragen bezüglich der Natur der EU auf Google in die Höhe. Im Fall einer potentiellen Unabhängigkeit Kataloniens waren die realen Folgen ebenso nicht Gegenstand der öffentlichen Debatte wie im Falle des Brexits. Die Debatten werden zunehmend populistisch geführt. Die Aufbegehrenden zwingen dem Rest der katalanischen Gesellschaft ihre recht unkonstruktive Spielart des politischen Streits auf. Für die von westlichen Medien und einem weitgehend liberal orientierten Nachrichtennetzwerk erzogene europäische Bevölkerung ist die Bewertung der katalanischen Pläne eine zweischneidige Angelegenheit. Man hat gelernt, dass Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit (in autokratischen Systemen) immer gut und unterstützenswert ist. Mit solcher Argumentation hat man in Syrien, Lybien und Afghanistan erfolgreich Steuergeld von verschiedenen europäischen Nationen verbrannt und die Zielstaaten destabilisiert.

Aber im Fall von Katalonien ist die Ausgangsbasis eine gänzlich andere. Katalonien genießt bereits eine große Autonomie im spanischen Zentralstaat, der zwar eine autoritäre, aber dennoch westlich geprägte Demokratie ist. Es verfügt über ein eigenes Parlament, mitsamt eines Präsidenten. Man fragt sich zwangsläufig, wogegen sich die Katalanen eigentlich auflehnen. Die Ursachen sind einerseits in einer historischen Niederlage zu suchen, anderseits (und wesentlich aktueller) in der wirtschaftlichen Ungleichheit der spanischen Regionen.

Das reiche Katalonien und die fehlende innerstaatliche Solidarität

Schaut man auf die wirtschaftliche Potenz der spanischen Regionen, dann ahnt man schnell, was ein zusätzlicher und sehr gewichtiger Grund dafür sein könnte, dass Spanien eine Unabhängigkeit Kataloniens nicht zulassen kann: Katalonien stellt ein Fünftel der spanischen Wirtschaftskraft. Von dieser massiven Wirtschaftsmacht und ihrem Gewinn muss die Region milliardenschwere Transferleistungen für die ärmeren, spanischen Regionen, wie Andalusien oder Extremadura aufbringen. Eine Regelung, die dem deutschen „Soli“ ähnelt. In der Ablehnung dieser Transferzahlungen findet man daher auch ein Hauptargument der Unabhängigkeitsbefürworter. Man möchte nicht mehr zahlen, sondern die Vorteile des eigenen Wohlstandes genießen. Aber nur ein Teil der katalanischen Bevölkerung wünscht sich die Loslösung vom zentralistischen Mutterstaat. Zwar sprachen sich in dem Referendum rund 90 Prozent der wahlberechtigten Katalanen für die Unabhängikeit aus, aber es stimmten nur 42 Prozent ab. Demzufolge fehlt Präsident Puigdemont im eigenen Land eigentlich eine legitimierende Mehrheit.

Mit ziemlicher Sicherheit dürfte der sich zu Spanien bekennende Bevölkerungsteil Kataloniens die illegalen Wahlen weitgehend boykottiert haben. Zu einer zukunftsträchtigen Unabhängigkeit fehlt dem katalanischen Präsidenten also ein entsprechend stabiles Mandat durch die Bevölkerung. Dies dürfte auch ein Grund für sein zaghaftes Agieren in den letzten Tagen sein. Für ihn und auch für Katalonien ist es eine historische Zeit. Ein falscher Schritt kann Puigdemont alles kosten und zu Neuwahlen in Katalonien führen, bei denen das Rajoy-Lager vermutlich stärker abschneiden würde.

Präsident Puigdemont setzt mittlerweile auf Deeskalation und hat die verkündete Unabhängigkeit vorübergehend ausgesetzt, um auf Gespräche und eine Einigung mit Madrid zu hoffen. Diese Hoffnung dürfte allemal überzogen sein, denn Rajoy hat überhaupt keinen Spielraum für Gespräche. Ganz im Gegenteil hat der spanische Ministerpräsident dem katalonischen Präsidenten ein Ultimatum bis zum 16. Oktober gesetzt, bis zu dem er erklären soll, ob er nun die Unabhängigkeit erklärt hat oder nicht. Der Fall der Loslösung eines Teils vom Mutterland ist in der Verfassung von Spanien gar nicht existent. Und gewünscht ist er aus spanischer Sicht sowieso nicht. Immerhin konnte Puigdemont die theoretisch drohende Zwangsverwaltung, die Rajoy nach Artikel 155 der spanischen Verfassung verhängen könnte, durch das Aussetzen der Unabhängigkeit noch einmal abwenden. Zumindest für einige Tage. Ob er damit etwas gewonnen hat, ist fraglich. Durch den Versuch, einen Mittelweg zu finden, hat der katalanische Präsident Unterstützer und Gegner gleichermaßen vor den Kopf gestoßen. Vor allem die antikapitalistische CUP, auf die Puigdemont sich in seiner Regierungskoalition stützen muss, wittert Verrat seitens des Präsidenten. Ohne die Unterstützung der CUP wäre seine Regierung allerdings am Ende. Das gleiche gilt, wenn Rajoy aufgrund einer geltenden Unabhängigkeitserklärung die Zwangsverwaltung Kataloniens beschließt. Ob dies in dem gespaltenen Verhältnis zwischen den Katalanen und dem Mutterland hilfreich ist, darf bezweifelt werden.

Politische Instabilität Spaniens

Man könnte den Geist der Unabhängigkeit, der Präsident Puigdemont, dessen Verbündete und deren Wähler beseelt, als revolutionär bezeichnen. Revolution ist in unserem Sprachgebrauch mehrheitlich positiv besetzt. Es schwingt dabei etwas von Auflehnung gegen die Unterdrückung mit. Die Lesart, sich gegen vermeintliche Unterdrückung aufzulehnen und sich das eigene Land zurückzuholen, findet man heutzutage aber auch bei den rechtpopulistischen Bewegungen jeglicher Art wieder, die in den letzten Jahren europa- und sogar weltweit wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Manchen dieser Bewegungen wird dabei eine starke Nähe zum Kreml nachgesagt, die sich beispielsweise auch in der Gewährung von großzügigen Krediten niederschlagen, wie im Fall des französischen Front National nachgewiesen werden konnte. Das Ziel dieser Bewegungen scheint vor allem eine Spaltung der Gesellschaften zu sein, um die betroffenen Staaten von innen heraus zu schwächen.

Aber selbst, wenn man Puigdemont keine Nähe zum Kreml und seinen Millionen nachsagen möchte (auf die es auch gar keine Hinweise gibt), so ist doch das Ziel, dass der katalanische Präsident erreichen wird, das gleiche: Die Spaltung der spanischen, wie auch der katalanischen Gesellschaft und damit eine Schwächung des spanischen Staates. Somit stellt das katalanische Unabhängigkeitsstreben letztlich nicht nur einen illegalen Akt dar, der sich gegen den spanischen Rechtsstaat auflehnt, sondern – und das trotz gänzlich andersartiger Zuschreibungen – einen antidemokratischen Prozess. So wie in Deutschland ein kleiner Teil des Staatsvolkes sich als „das Volk“ gebärdet und dadurch versucht, nicht mehrheitstaugliche Ansichten salonfähig zu machen, so möchte hier ein relevanter Teil Spaniens (Katalonien ist mit 7,5 Millionen Einwohnern die zweitbevölkerungsreichste Region Spaniens) nicht mehr Teil des Staatsvolkes sein. Dabei wird die gemeinsame Verfassung, die Basis der spanischen Demokratie, ignoriert und ein illegales Referendum abgehalten, dessen nicht wirklich legitimationstaugliches Ergebnis als Basis für die Unabhängigkeitserklärung benutzt wird.

Die Autonomie wird aufs Spiel gesetzt

Dies lässt zum Einen ein erschütterndes und eher populistisch wirkendes Demokratie- und Rechtsverständnis der Beteiligten in den politischen Rängen erahnen. Zum Anderen ist dies der beste Weg, um wirklich jedes Vertrauen zwischen der Autonomieregion und Madrid zu erodieren. Tatsächlich setzt Puigdemont mit diesem Vorgehen nicht nur den Wunsch der Katalanen nach mehr Unabhängigkeit von der Autorität Madrids aufs Spiel, sondern vor allem den bisher erreichten Grad an Autonomie. Das würde noch mehr Unzufriedenheit schüren und eventuell einige radikale Gruppen zur Gewalt verleiten. Wohin dieser Weg führt, haben Jahre des ETA-Terrors im Baskenland gezeigt. Leiden tun in der Regel die Unschuldigen. Der Wunsch nach Separation ist daher nicht per se demokratisch und unterstützenswert. Manchmal ist es schlicht und ergreifend einfach Verrat, wenn man versucht, etwas mit aller Macht durchzusetzen. Am Ende könnten die Katalanen, sowohl im Falle des Erfolgs, als auch des Mißerfolges, für ihre Hoffnungen einen sehr viel höheren Preis bezahlen, als sie vorher auch nur ahnen konnten.

Knüppel und Zensur sind keine Hilfe

Auch die spanische Zentralregierung hat mit der aggressiven Art und Weise des Umgangs in dieser Situation nicht geholfen, die Situation zu entspannen. Der Einsatz der spanischen Polizei gegen die eigene Bevölkerung war völlig überzogen und folgt einem besorgniserregenden Trend, den es auch in Deutschland zu geben scheint, wo bei dem Gipfeltreffen der zwanzig stärksten Volkswirtschaften der Welt (G20) in Hamburg die Polizei auf eine ähnlich ungestüme Art und Weise eingesetzt worden ist. Noch immer beschäftigen die Vorfälle von Hamburg deutsche Gerichte. Das Gleiche dürfte für Spanien gelten. Es ist im höchsten Maße bedenklich, wenn eine demokratische Regierung ihre Polizeikräfte, die letztlich auch Bürger sind, gewaltsam gegen Mitbürger einsetzt, die sich friedlich an einer Wahl beteiligen, sei diese nun staatsrechtlich illegal, oder nicht.

Unabhängig davon hat Ministerpräsident Rajoy Spanien damit keinen großen Gefallen getan, hat doch die Polizeigewalt die Kluft zwischen Katalonien und Madrid nur noch vertieft. Der Einheit des Landes ist damit nicht geholfen. Bei den Hardlinern mag Rajoy mit seiner starren Haltung punkten. Auch seinen künftigen Wahlergebnissen dürfte es helfen. Aber Lösungen werden heutzutage am Verhandlungstisch erzielt und nicht mit den Knüppeln der Staatsmacht auf der Straße, die auch noch dazu gedient hat, eine demokratische Abstimmung zu unterbinden. Rajoy hätte besser daran getan, großmütig die Katalanen ihre Abstimmung durchspielen zu lassen und danach die Ergebnisse schlichtweg als unrechtmäßig abzuschmettern. Dann wären dadurch beide Seiten in einer guten Position gewesen, sich an einen Tisch zu setzen und über eine Ausweitung der katalanischen Autonomie zu reden. Rajoy zündelt mit seiner demonstrativen Unnachgiebigkeit ebenso am Status Quo, genau wie es sein Gegenspieler Puigdemont ebenfalls tut.

Es bleibt abzuwarten, ob das Tischtuch zwischen Spanien und Katalonien endgültig zerschnitten ist. Oder ob beide Seiten zur Vernunft zurückkehren und sich einigen können. Letzteres wäre für Europa die bessere Lösung.

 

  1. Auch wenn es tausendmal behauptet wird, dass es ein Automatissmus sei, dass mit der Unabhängigkeit der Kataloniens, Katalonien aus der EU draußen wäre, ist dies falsch. Wäre dem so hätte Grönland wie auch Algerien niemals den Austritt erklären müssen. Sowohl Grönland als auch Algerien waren über Dänemark und Frankreich bereits Teil der EU und mussten ihren Austritt erklären. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber für Katalonien, wenn der Austritt nicht erklärt wird bleibt Katalonien Mitglied.

    Die eigentliche Katastrophe der derzeitigen Politik sehe ich aber in der Kurzsichtigkeit. http://arnold-schiller.de/friedliche-katalanen/ „Es ist nicht auszuschließen, dass ein Enkel einer geprügelten Oma, in der Ohnmacht, da ja demokratische und friedliche Mittel nichts helfen, irgendwann dann doch zur Gewalt greift.“ Es spielt eigentlich keine Rolle ob es nur 90 Prozent der 42 Prozent der Wahlberechtigten sind, die wirklich die Unabhängigkeit wollen. Der eigentlich Fakt ist, dass es ein so großer Bevölkerungsanteil ist, der nicht ignoriert werden darf. Wird er ignoriert, wird er sich radikalisieren und diese Form ist schädlich für jede demokratische Gesellschaft. Wenn nur 1 Prozent der Unabhängigkeitsbefürworter zur Gewalt übergeht, dann ist das ein Brandherd der die nächsten 30 Jahre nicht gelöscht werden kann.

  2. Die Forderungen der Katalanen, Basken, Schotten etc. und der „Rechtspopulisten“, wie : wir wollen selbst über uns bestimmen, wir wollen unsere Kultur bewahren, wir wollen selbst bestimmen wer hier leben darf, wir wollen nicht für andere bezahlen usw. sind legitim und können / müssen in Demokratien offen Diskutiert werden. Sind Drohungen der Zentralstaaten bzw. der EU ( Zölle, raus aus dem Euro, Einschränkungen der Reisefreiheit etc.) oder der Konzerne auch legitim ? Ja, sind sie. Sie spiegeln andere Interessen wieder, die auch legitim sind. Wie „gut“ sind Staaten, Gesellschaften die durch Zwang zusammengehalten werden müssen ? Ist es sinnvoll ein einheitliches, auf Zwang begründetes Europa zu schaffen, das Abweichler, (z.B. Visegrad Staaten) oder Nachbarn (z.B. Schweiz) unter Druck setzt ? Warum kann man nicht eine gemeinsame Außenpolitik betreiben, eine gemeinsame Verteidigungspolitik warum muss man Rumänen Vorschriften über ihren traditionellen Frischkäse machen ? Warum müssen Polen / Ungarn gegen den Willen der Bevölkerung, arabische Flüchtlinge aufnehmen und versorgen ? Warum kann man nicht Handel betreiben ohne den ärmeren Handelspartner finanziell unterstützen zu müssen ? Warum kann England (oder das nicht EU Mitglied Schweiz) nicht sagen : wir möchten erst mal keine weitere Zuwanderung aus anderen EU Ländern ? Wir treffen auch Freihandelsabkommen mit anderen Staaten (China, USA usw.) ohne das dies Personenfreizügigkeit beinhaltet. Das Zarenreich und KuK Österreich / Ungarn galten mal als „Völkergefängnisse“. Was z.B. aus der UdSSR und Jugoslawien geworden ist wissen wir. Also : bitte etwas flexibler, liberaler dann wird es auch was mit der Akzeptanz von „Europa“.

    • Hallo @derfla

      Du stellst ja viele Fragen die ich gerne beantworte.

      [f1] Wie „gut“ sind Staaten, Gesellschaften die durch Zwang zusammengehalten werden müssen? [/f1]

      Tatsache ist, dass jedes Kollektiv, Familie, Clan, Partei, Staat, Gesellschaften. usw. durch Zwang zusammengehalten wird.
      Nur die Anarchie, die Ordnung ohne Herrschaft, erlaubt eine selbstbestimmte Entfaltung des Individuums.
      Da Anarchie das Gesellschaftsmodell der Zukunft ist wird auch die nächsten Jahrzehnte unsere gesellschaftspolitische Ordnung nicht ohne Zwänge auskommen.
      Ergo die Frage ist nicht ob solche durch Zwang zusammengehaltenen Staaten gut oder schlecht sind sondern ob sie unter Betrachtung der aktuellen globalen Gesamtentwicklung mehr oder weniger Zwang für den Einzelnen bedeuten.

      • Hallo Schoko…
        „Tatsache ist, das jedes Kollektiv durch zwang……….zusammengehalten wird“. Nöh. Wird z.B. jemand gezwungen in der Piratenpartei zu sein ? Bitte melden…..Den Meisten Kollektiven denen ich angehöre gehöre ich aus Liebe, Solidarität an…z.B. meiner Familie.
        „Da die Anarchie das Gesellschaftsmodell der Zukunft ist…..“.kennst Du auch die Lottozahlen von morgen ?

    • Hallo @derfla

      [f2] Ist es sinnvoll ein einheitliches, auf Zwang begründetes Europa zu schaffen, das Abweichler, (z.B. Visegrad Staaten) oder Nachbarn (z.B. Schweiz) unter Druck setzt? [/f2]

      Hier zäumst du das Pferd von hinten auf. Die europäische Entwicklung basierte ja nicht auf dem Wunsch zwangsweiser Vereinigung. Ziel war es in erster Linie das Zusammenleben der Menschen (auf diesem Kontinent) zu erleichtern. Dazu ist die organisatorische Vereinheitlichung eine wichtige Voraussetzung. Die gegenseitige Anerkennung von Führerscheinen, die Vereinheitlichung der Verkehrszeichen, usw. basieren nicht auf Zwang, sondern auf Verhandlungen zwischen den Nationalstaaten. So sind Schritt für Schritt die nationalen Grenzen durchlässiger geworden. Heute sind sie innerhalb der EU kaum mehr spürbar.
      Ein Neumitglied, das ja an diesem langwierigen Verhandlungsprozess der Vereinheitlichung nicht Teil hatte sondern sich weitestgehend den erzielten Ergebnissen unterordnen muss, kann sich hier durchaus in der einen oder anderen Frage genötigt fühlen. Das ändert aber eben nicht das Faktum, dass nämlich die gegenwärtige Ordnung nicht von außen aufgesetzt wurde sondern aus dem inneren der Staaten demokratisch gewachsen ist.

      • Lies doch bitte nochmal Deinen vorherigen Beitrag zum Thema Zwang…..möglicherweise bemerkst Du dann Wiedersprüche….
        MfG
        Blanca Spott

    • Hallo @derfla

      [f3] Warum kann man nicht eine gemeinsame Außenpolitik betreiben, eine gemeinsame Verteidigungspolitik warum muss man Rumänen Vorschriften über ihren traditionellen Frischkäse machen?[/f3]

      Solche Fragen sind Widersprüche in sich. Denn jede gemeinsame Absprache beinhaltet ja Einschränkungen der individuellen Entscheidungsfreiheit.
      Und bezüglich des traditionellen rumänischen Frischkäses solltest du dir das hier mal durchlesen
      https://ec.europa.eu/germany/eu60/regionale_koestlichkeiten_de
      Prinzipiell ist es richtig, dass auf dem europäischen Markt gehandelte Waren den ökologischen, arbeits- und verbraucherschutzrechtlichen Anforderungen genügen müssen.

      [f4] Warum müssen Polen / Ungarn gegen den Willen der Bevölkerung, arabische Flüchtlinge aufnehmen und versorgen? [/f4]

      Im Rahmen einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik versteht sich das von selbst.
      Deiner Frage unterstellt aber auch, dass Menschen per se versorgt werden müssten, dass sie also nicht in der Lage seien, sich -Dank ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft- selbst zu versorgen. Das ist m.E. Unsinn. Hier lastest du den ohnehin schon vom Leben gestraften auch noch die strukturellen Probleme unserer in Auflösung befindlichen nationalstaatlich organisierten Gesellschaften an.
      Warum dürfen Polen und Ungarn keine Minderheiten diskriminieren? Nun, weil im Rahmen der europäischen Freizügigkeit jede Europäerin, gleich welche sexuelle Vorliebe, religiöse Überzeugung oder physiologisches Erscheinungsbild sie hat auch durch Polen reisen können müssen darf ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.

      • Hallo Schoko
        „…gemeinsame .Außenpolitik…..rumänischer Frischkäse….aufnahme von Flüchtlingen.“ erstaunlich was für Folgen eine abgestimmte / gemeinsame Außenpoltik zwangsläufig hat……hast Du noch mehr Beispiele ?
        „….Flüchtlinge nicht zwangsläufig versorgt werden müssen…“ klar…da hast Du recht, ergibt sich aus der gemeinsamen Außenpoltik , wie auch das Recht, ach nee das Unrecht…äh nee…Quatsch…also trotz gemeinsamer Außenpolitik und Zwang in jedem Kollektiv..oder so……aber doch mit oder ohne sexuellen Vorlieben frei…durch Polen…..klar….und Ungarn ? Da auch ?
        MfG
        Rainer Hohn

    • Hallo @derfla

      [f5] Warum kann man nicht Handel betreiben ohne den ärmeren Handelspartner finanziell unterstützen zu müssen? [/f5]

      Diese Frage versteckt ihre Problematik im Wörtchen „man“.
      Wenn ich bei der Bäckerin ein Brötchen kaufe, erwarte ich ja nicht, dass sie mir das Geld dafür vorher in die Tasche steckt.
      In dieser isolierten Betrachtung einer Handelsbeziehung erscheint so eine Handlung absurd.
      Dennoch ist es so, dass die Bäckerin über ihre Steuern und Abgaben die staatliche Transferleistung für einige ihrer Kunden mitfinanziert, sie also mit dem Brötchengeld ausstattet.

      Also:
      Bezieht sich das „man“ auf reale Handelspartnerinnen und deren individuellen Handelsbeziehungen erscheint eine finanzielle Unterstützung absurd.
      Bezieht sich das „man“ dagegen auf die Summe aller individuellen Handelsbeziehungen zwischen zwei Staaten, also die Außenhandelsbilanzen kann eine finanzielle Unterstützung durchaus auch sinnvoll, angebracht oder sogar notwendig sein.

      • Hallo Schoko,
        brilliant wie Du die Frage analysierst und ökonomisch durchdacht beantwortest……
        Wenn die Bäckerin so klug wäre wie Du würde sie gern mehr Steuern zahlen…aber eher nicht für ihre Kunden….sondern eher für ….sagen wir Griechen … oder Afrika ? Klingt in sich schlüssig…richtig toll…..
        MfG
        Blanca Spott

    • Hallo @derfla

      [F6]Warum kann England (oder das nicht EU Mitglied Schweiz) nicht sagen: wir möchten erst mal keine weitere Zuwanderung aus anderen EU Ländern? [/F6]

      Diese Frage hat sicher eine gewisse Berechtigung. Aber warum soll z.B. Berlin nicht auch sagen dürfen, wir wollen keine Engländer, Französinnen oder Österreicherinnen mehr?
      Die Frage ist einfach zu beantworten. Strukturpolitik lässt sich nicht durch Diskriminierung ersetzen.
      Wir sollten strukturelle Probleme des europäischen Binnenmarktes sozial- und wirtschaftspolitisch lösen. Ziel müsste sein, die Bedingungen für die individuelle Entfaltung in allen europäischen Regionen auf hohem Niveau anzugleichen. Nur so ist es langfristig zu verhindern das die Menschen mit den Füßen abstimmen.

      [f7] Wir treffen auch Freihandelsabkommen mit anderen Staaten (China, USA usw.) ohne das dies Personenfreizügigkeit beinhaltet. [/f7]

      Im Gegensatz zu den anderen Freihandelsabkommen, die sicher als erstes Schrittchen zu einer globalem Verschmelzung aller Ordnungen zu betrachten sind, ist die europäische Integration um einige Schritte weiter. Die Grenzen sind auf, man kann (ohne Pass) von Lissabon nach Warschau reisen. Wir haben eine gemeinsame Währung, wir haben ein harmonisiertes Bildungssystem mit Anerkennung der Abschlüsse, wir können mit Waren und Dienstleistungen über Grenzen hinweg handeln usw.

    • Hallo @derfla

      [f8] Das Zarenreich und KuK Österreich / Ungarn galten mal als „Völkergefängnisse“. [/f8]

      Solche Rückblenden machen nur Sinn wenn sie im Kontext ihrer historischen Entwicklung stehen.
      Während sich das „galten mal“ auf die Epoche der Blütezeit der nationalstaatlich organisierten Weltgemeinschaft bezieht. Stehen wir heute dem Zerfall dieser Ordnung gegenüber. Die gegenwärtige Entwicklung in Spanien zeigt das Nationalstaaten künstliche Gebilde sind die verschiedene „Völker“ zwangsweise vereinen.

      Ein Europa der Regionen wäre z.B. frei von alten nationalstaatlichen Klammern. Wirtschaftliche und strukturelle Probleme bestimmter von Gott und Natur vernachlässigter Regionen würden in ihm durch gemeinsame Anstrengung aller europäischen Regionen gelöst werden können.

      [f9] Was z.B. aus der UdSSR und Jugoslawien geworden ist wissen wir. [/f9]
      Der Weg hin zu einer neuen globalen Ordnung, in deren Fokus nicht in erster Linie nationale Interessen stehen sondern die Entfaltungsmöglichkeiten eines jeden Menschen, der Erhalt unserer Ressourcen, der Schutz der Natur usw. muss von den heute lebenden Menschen beschritten werden. Und wir kennen erstmal nur den Nationalstaat. Die Zukunft ist eine Unbekannte

      Die nationalstaatliche Organisation der Erdgemeinschaft, führt nun leider dazu dass die unterschiedlichen jeweils egoistischen nationalen Interessen in jeden rechtsfreien Raum eindringen und dort ihr Unwesen treiben. Jeder Nationalstaat mit einer vorübergehenden schwächelnden Regierung wird daher leichtes Opfer seiner im Plündern erfahrenen Nachbarn.

      [f10] Also : bitte etwas flexibler, liberaler dann wird es auch was mit der Akzeptanz von „Europa“.[/f10]

      Die Flexibilität würde ja durch ein europäisches Band, das die nationalen Klammern ersetzt erheblich erhöht werden können.
      Wenn den Menschen innerhalb Europas gestatte ist sich frei zu bewegen, nun dann sollte eben auch die gesellschaftliche Organisation bzw. Verwaltung den neuen Möglichkeiten angepasst werden. Flache Hierarchie bedeutet daher nicht Stärkung der ehemaligen Nationalstaaten, sondern einerseits Stärkung der Regionen und andererseits der alle europäischen Regionen umfassenden europäischen Ebene. Für den Nationalstaat alter Prägung ist da kein Platz mehr.

      363 der letzte Pirat.

  3. Danke für die umfassende objektive Einschätzung !
    Zum vorstehenden Kommentar von @derfla wäre noch viel zu sagen, mir fällt im ersten Moment dazu nur ein:
    Ich denke nicht, dass es eine Ermessensfrage der einzelnen Länder sein kann, ob sie Flüchtlinge aufnehmen und versorgen wollen, solange diese Länder die Situation in den Ländern, aus denen geflohen wird, mit zu verantworten haben.
    Und: Die Bestrebungen sollten sich mehr darauf konzentrieren, dass „ärmere Regionen“ der EU die Möglichkeiten der eigenen Entwicklung bekommen anstatt abhängig zu bleiben. Das war / ist m. E. nach eins der Hauptziele der EU

    • “ Zum Kommentar von derfla wäre noch viel zu sagen……“ nur zu.
      „…..Ich denke nicht, dass es eine Ermessensfrage der einzelnen Länder sein kann, ob sie Flüchtlinge aufnehmen und versorgen wollen….“ In wessen Ermessen soll es denn liegen ob die “ einzelnen Länder Flüchtlinge aufnehmen und versorgen wollen “ ??
      Wodurch haben z.B. Polen, Ungarn die Slowaken “ die Situation in den Ländern, aus denen geflohen wird, mit zu verantworten …?“ Haben “ die Menschen “ die Situation / Fluchtgründe in ihren Ländern nicht hauptsächlich selbst zu verantworten ?
      „..die ärmeren Regionen der der EU die Möglichkeiten der eigenen Entwicklung…..“ Genau. Packt es an, bleibt nicht abhängig, ihr Andalusier, Sizilianer, Griechen usw…. krempelt die Ärmel auf…legt los…..wie die Leute in NRW, Bremen, Berlin usw. ..z.B..Top Bildungssystem durch eine in Jahrzehnten bewährte fortschrittliche Politik.
      MfG

  4. Gehört jetzt nicht direkt zum Thema, aber wieso kann man nicht auf der Internetseite des Bundesverbands und jedes Landesverbands links oder rechts oben an prominenter Stelle das ganze Jahr über einen Hinweis platzieren, daß man als kleine Partei für die nächste Wahl auf bis zu 2000 Unterstützerunterschriften angewiesen ist. Dann wissen die Wähler, und Leute, die mit uns sympathisieren, daß sie einige Wochen vor der Wahl irgendwo für die Piraten unterschreiben müssen. Wenn alle Bundesländer das geschafft hätten, wäre die Piratenpartei ganz bestimmt über 0,5% und damit wieder in den Genuß der staatlichen Parteienfinanzierung für die Bundestagswahl gekommen, was sehr hilfreich ist für die nächste Wahl und das (sehr gute) Parteiprogramm der Piraten gegen Überwachung und für staatliche Transparenz.

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