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Ein Gastbeitrag von Schoresch Davoodi

Zur deutschen Fassung von „Wolfenstein II: The New Colossus“: Beendet die Banalisierung der Videospielkunst

Das Videospiel „Wolfenstein II: The New Colossus“ hat in den USA große Wellen geschlagen. In dem Spiel schließt man sich als jüdischer Widerstandskämpfer mit einer Reihe weiterer Figuren zusammen, die alle soziale Randgruppen wie Behinderte und Schwarze darstellen, und versucht, sich dem „Regime“ – wie es in der deutschen Fassung genannt wird – mit allerlei Mitteln entgegen zu stellen. Gerade unter Anhängern der „Alt-Right“-Bewegung hat das Spiel in den USA zu massiven Protesten geführt. Im Gegenzug dazu urteilte die Seite Motherboard, dass in Zeiten, in denen ein Donald Trump sich weigere, Nazigewalt zu verurteilen, „Wolfenstein II“ das Spiel sei, was wir aktuell brauchen. Auch in Bezug auf die aufgeheizte Situation in Deutschland besteche das Spiel mit seiner klaren Haltung und eindeutigen Aussage.

Die ursprüngliche Story des Spiels verliert sich dabei in keinem banalen Schwarz-Weiß-Denken, sondern stellt – frei nach Hannah Arendt – die ganze Banalität des Bösen dar. Im Spiel versuchen viele Charaktere, eben nicht die klassischen Helden zu sein, sondern das Regime zu akzeptieren und weiter zu leben, während diejenigen, die nicht ins Bild passen, verschwinden und in Lager gesteckt werden. Diese inhaltliche Tiefe wurde in der deutschen Fassung allerdings entschärft und damit auch die gewollte Aktualität des Spiels geopfert. So ist die jüdische Herkunft des Helden ebenso verschwunden, wie ein direkter Bezug auf Nazis; aus den nationalsozialistischen Vernichtungslagern wurden „gewöhnliche“ Straflager. Verschwunden ist damit auch die als Parabel gedachte Handlung, die anhand einer scheinbaren Dystopie versucht aufzuzeigen, was passiert, wenn man allzu lange zu autoritären und totalitären Entwicklungen schweigt.

Die Ursache für dieses Verschwinden liegt in der deutschen Rechtsprechung. Gemäß dieser sind Hakenkreuz-Darstellungen in Computerspielen – anders als etwa in Filmen – nicht zulässig, da Videospiele gemeinhin nicht als Kunst gelten. Ausgelöst hatte dieses Urteil ausgerechnet 1994 das Spiel Wolfenstein 3D, der Vor-Vor-Vor-Vorgänger von Wolfenstein II. Seither erscheinen Videospiele mit historischem Bezug in Deutschland stets in einer entschärften Version. Dies betrifft nicht nur Shooter, sondern auch Strategiespiele wie die „Hearts of Iron“-Serie des schwedischen Entwicklers Paradox Interactive. Während niemand auf die Idee käme, ranghohe Nazis aus Filmen wie „Schindlers Liste“ oder „Inglourious Basterds“ zu entfernen, wird auf Darstellungen historischer Persönlichkeiten wie etwa Adolf Hitler in Videospielen hierzulande konsequent verzichtet. Eine ähnliche Zensur gibt es beispielsweise bei „Hearts of Iron“ nur in der Volksrepublik China, da das Spiel die chinesische Geschichte nicht im Sinne der dortigen Parteiführung darstellt und der Titel deswegen zensiert wurde. Die deutsche Rechtssprechung begibt sich also in fragwürdige Gesellschaft. Sie mag damit sonst nur lächerlich wirken; im Falle von „Wolfenstein II“ ist sie sogar gefährlich, weil durch die Entschärfung das nationalsozialistische Unrechtsregime zur kontextlosen Beliebigkeit verkommt und das Spiel seine historische wie aktuelle Aussagekraft verliert.

In Deutschland, so mag man argumentieren, brauche es kein Computerspiel mehr, um über die Gefahren von Diktaturen aufzuklären; dazu genüge ja ein Blick in den dunklen Abgrund unserer Geschichte. Doch wenn man Studien zum Bildungsstand der Jugend bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus betrachtet, so scheint diese Mahnung mehr und mehr zu verblassen. Wenn 40% der Schüler nicht mehr wissen, wofür Auschwitz steht, muss das uns alle alarmieren. Es zeigt, dass man mit klassischen Wegen viele Jugendliche nicht mehr ausreichend für das Thema sensibilisieren kann. Die neue Generation handelt und denkt digital und Videospiele sind Teil ihres Alltags. Wer die Zensierung des Spiels als Maßnahme des Jugendschutzes rechtfertigt, hat dabei die Intention eines Spiels wie „Wolfenstein II“ nicht verstanden. Es sensibilisiert auf subtile Weise für das Schweigen beim Aufstieg des Nationalsozialismus, das schleichende Ende der Freiheit und all die Schrecken totalitärer Herrschaft. Dieses Spiel bezieht eine klar antifaschistische Position ohne durch allzu Plakatives abzuschrecken. Es spricht die Jugend an und zwingt gerade durch die Aktualität dazu, auch außerhalb des Bildschirms Position zu beziehen. Die zum Teil massiven Reaktionen der „Alt-Right“-Bewegung in den USA sind der beste Beleg dafür.

Wer glaubt, man müsse die zum Teil sehr klare Sprache und Symbolik des Spiels abschwächen, um so junge Menschen vor Fehlinterpretationen zu schützen, vergibt die einmalige Chance, die dieses Spiel bietet und erweist der Erinnerungskultur ebenso wie der Vermittlung demokratischer Wertvorstellungen einen Bärendienst. Es ist nicht erkennbar, weshalb Computerspiele einen geringeren Beitrag zur historisch-politisch-sozialen Bildung leisten sollen als beispielsweise Kinofilme, Comics oder Theateraufführungen. Als Piraten stehen wir konsequent für die Anerkennung von Videospielen als Kunstform, um eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte auch auf heimischen Konsolen oder PCs zu ermöglichen.

  1. Hallo hier Alex vom Piratenpartei Berliner eSport-Squad. Super Beitrag wie ich finde

  2. Juergen Wischert

    …. wegen der bekifften Meinung werdet ihr nur von 0,2% der Wähler gewählt! Ätsch!

    • Aber es ist doch wichtig, dass auch Dinge gesagt werden, die nicht dem Mainstream entsprechen. Und es ist doch völlig richtig: Was unterscheidet ein Videospiel von einem Hollywood Film? Wenn eine Partei ihren eigenen Weg geht, und sich für das einsetzt, was ihr wichtig erscheint, und nicht das sagt, was die Leute hören wollen, zeigt doch nur, dass sie nicht machtgeil sind, wie andere Politiker.
      Viele Grüße und einen schönes Wochenende,
      Jelto

  3. Die Verbrechen der Nationalsozialisten und des Dritten Reichs mit der sogenannten „Alt-Right“ zu vergleichen und gar dem Spiel eine „Aktualität“ zu attestieren ist nur einen Ameisen-Schritt von der Holocaust-Leugnung entfernt. Denn irgendwelche Neofaschisten mit den tatsächlichen Verbrechen der Nazis zu vergleichen bzw gleichzusetzen ist entweder eine schwere Verleumdung der sogenannten „Alt-Right“ (Mir ist nicht bekannt, dass die irgendwo Vernichtungslager im großen Stil betreiben, Menschen vertreiben, Brandschatzen, Massenvergewaltigungen durchziehen und massenhaft Menschen massakrieren).
    Gleichzeitig stellt es eine extreme Relativierung der Nazis dar, wenn man sie mit NeoFaschisten oder gar NeoNazis vergleicht, denn das würde ja grundsätzlich auch in Frage stellen, ob Nazis jemals Massenmorde getätigt haben, weil eben die NeoNazis genau DAS nicht getan haben. Diesen linken Relativismus muss ich entscheidend ablehnen. Man darf Termini wie Nazi nicht dadurch entkräften, dass man sie inflationär gegen jeden missliebigen politischen Gegner verwendet und/oder diese Gruppe mit Menschen gleichsetzt die Universen davon entfernt sind derartiges zu tun.
    Nein, das Spiel bildet eben gerade NICHT die aktuelle politische Lage ab. Das Spiel bildet auch keine aktuelle gesellschaftliche Lage ab. Das Spiel ist ein Spiel!
    Das Spiel ist ein Spiel nd findet sich in einer FIKTIVEN Geschichte wieder die an historischen Ereignissen angelehnt ist. Die KÜNSTLERISCHE FREIHEIT der Autoren, welche die Kampagne erdachten und welche das Konzept des Spiels erdachten, hat genau NULL mit der heutigen Welt zu tun.

    Der EINZIGE Bezug zur heutigen Welt, zu unserer REALITÄT, liegt darin dass dieses Kunstwerk in Deutschland eben NICHT als Kunstwerk gilt und deshalb von staatlichen Zensoren verboten wird, wenn es bestimmte Inhalte darstellt (Wie zB das Hakenkreuz, der Hitler-Gruß, die Phrase „Heil Hitler“ und andere Symbole etc pp).

    Eben genau DIESES Thema habe ich als Schwerpunkt auch in diesem Artikel wieder vermisst. Wo war da jetzt der kulturpolitische Anspruch, dass Kunst auch Kunst genannt werden muss und dass es nicht sein kann, dass ein gignatischer Kunst-Zweig als „Nicht-Kunst“ diskriminiert wird. Um derartige Irrigkeiten auf die Spitze zu treiben: Würde jemand nen Campaign-Walkthrough mitschneiden, und als „Film“ veröffentlichen, wäre es von der Kunstfreiheit geschützt und ein deutscher Konsument könnte den so entstandenen „Film“ ganz normal leihen, kaufen, schauen. Ohne jede Zensur.
    Aber wehe derselbe Konsument will das Spiel kaufen und SELBST die Kampagne durchspielen, dann wird ihm das verwehrt weil DERSELBE INHALT plötzlich nicht mehr unter die Kunstfreiheit fällt. Dieselben Grafiken, die selben Symbole, derselbe Content.

    Man könnte auch darüber reden warum Studios und Publisher nicht den Klageweg durch die Instanzen gehen. Zum Beispiel, weil die Schaffung von zivilgesellschaftlichen Rechtsnormen nicht deren Geschäftsziel ist, weil derartiges viel Geld kostet und es PR-technisch ein Alptraum ist, für das das Recht der Darstellung von Nazi-Symbolen zu klagen.

    Man könnte darüber reden warum NGOs und APOs die mitunter Milltionen an Subventionen erhalten um politische Willensbildung zu betreiben und auch so den Einfluss auf die Legislative zu ermöglichen, um zB solche Gesetzeslücken (Computerspiele keine Kunst) zu korrigieren.

    Leider wurde diese Gelegenheit wieder verpasst. Dem Autoren dieses Beitrag glaube ich seine gute Intention, aber leider ist der Approach wieder mal viel zu sanft und der Umgang mit den Institutionen viel zu sanft.

    m2c

    • D.h. wir dürfen die Neonazis erst Nazis nennen wenn sie Massenmorde begangen haben? Dass der NSU es immerhin versucht hat und dabei doch so ein paar Menschen gestorben sind zählt nicht?

      Morde durch den KuKluxKlan zählen auch nicht?

      Alles keine echten Nazis, weil niemand ihnen je die Gelegenheit gab, Industrielle Vernichtungslager aufzustellen?

      Krank.

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