Die deutsche Einheit: Ein Zugewinn an Freiheit, Weltoffenheit und Demokratie?

Bild: Tobias M. Eckrich

Gastbeitrag von David Grade, Thomas Michel und Patrick Schiffer

Du kannst fragen wen du willst im östlichen Deutschland: Letztlich sagen die Meisten, dass die deutsche Einheit nach 26 Jahren einen enormen Zugewinn an Freiheit, Weltoffenheit und Demokratie gebracht hat.

Klar, der Anfang war mehr als holprig: Viele haben sich über den Tisch gezogen gefühlt, auch weil sie die Marktwirtschaft noch nicht kannten. Sicherlich wäre es besser gelaufen, wenn die Menschen in Ost und West im Vereinigungsprozess direktere Mitbestimmungsmöglichkeiten gehabt hätten. Es wäre besser gelaufen, wenn die Regierenden die Prozesse um die Einheit herum transparenter und verständlicher gestaltet hätten. Aber auch so ist es unterm Strich ganz gut geworden, gemessen an den großen Befürchtungen, die mit der Einheit vor allem im Ausland verbunden waren. Wir alle haben etwas Historisches geschaffen und enorme Solidarität gezeigt.

Aber: Deutschland ist gespalten. Der Graben verläuft nicht mehr zwischen Ost und West, sondern durch Städte, Nachbarschaften und Familien. Ein Graben, der schon vor längerer Zeit entstanden ist, der seit vielen Jahren wächst und nur leider viel zu lange unbemerkt geblieben ist. Er verläuft zwischen denen, die wollen, dass Deutschland ein weltoffenes Land bleibt, und denen, die sich Zeiten zurücksehnen, in denen in ihren Augen alles so schön einfach und überschaubar war. Die Spaltung befindet sich zwischen denen, die zwar um die großen Aufgaben wissen, aber dennoch positiv in die Zukunft schauen und diese Herausforderung annehmen, und denen, für die nicht nur die Zukunft voller Gefahren scheint, sondern auch ihre Gegenwart.

Insbesondere wenn man die aktuellen Geschehnisse in Dresden verfolgt, möchte man hinzufügen: dem rechten Mob muss sich jeder entgegenstellen, um die Zukunft der Demokratie in unserem Land zu verteidigen und den Rassismus zu bekämpfen. Wer auf dem rechten Auge blind ist, wird der gesamten deutschen Geschichte nicht gerecht!

Große Chancen sind vertan worden. Aber auch viele wurden ergriffen. Lasst uns nach vorne blicken und in Zukunft für bessere Bildung, mehr Teilhabemöglichkeiten, mehr Freiheit, mehr Transparenz und mehr Weltoffenheit arbeiten. Wir haben die gemeinsame Aufgabe und Verantwortung, möglichst allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, möglichst viel Mitbestimmung zu schaffen und durch mehr Aufklärung und Bildung den Betroffenen in Ost und West den Rassismus und Nationalismus aus den Köpfen zu treiben.

Der Tag der deutschen Einheit zeigt uns jährlich, dass man diese Prozesse friedlich vorwärts bringen kann und muss. Diese Einheit ist uns allen ein Vorbild, dass es sich lohnt, sich für Freiheit, Demokratie, Weltoffenheit und mehr Teilhabe einzusetzen. Und die nächste große Baustelle steht schon vor unserer Tür: die Einheit Europas.

Danke an alle Menschen, die dafür kämpften und danke an Alle, die das immer noch tun.

Ein Gastbeitrag von David Grade (geb. in Dortmund, NRW), Thomas Michel (geb. in Ost-Berlin, DDR) und Patrick Schiffer (geb. in Eupen, Belgien)

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Hinweis: Dies ist ein Gastbeitrag und stellt nicht notwendigerweise die Meinung der Piratenpartei Deutschlands dar.

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Kommentare

2 Kommentare zu Die deutsche Einheit: Ein Zugewinn an Freiheit, Weltoffenheit und Demokratie?

  1. Christine Salzer schrieb am

    Menschen als Mob zu bezeichnen, dem man sich entgegenstellen muss, zeugt weder von Wertschätzung noch von irgendeiner Neugier auf Hintergründe, sondern erinnert an dunkle Zeiten. Mein erstes Nachwende-Seminar der Milton Erickson Gesellschaft beinhaltete das Beibehalten des Satzes „Ich kann Sie verstehen, es interessiert mich nicht“, ergänzt durch den Passus „Sie vergeuden Ihre und meine Zeit“, egal was der Gegenüber erwähnt. Vermittelt wurde der Sachinhalt durch einen Tübinger Theologen im Albrechtsschloss. Den Satz habe ich leider nie verinnerlichen können. Das „Ich kann dich nicht verstehen, es interessiert mich aber“ aus Jungpionier-Zeiten steckt noch zu sehr in mir drin. Ich bin offensichtlich ein Propaganda-Opfer.

    • Seepferdchen schrieb am

      „Rechter Mob“ ist in der Tat ein kraftvoller Ausdruck. Und die Krux dabei ist, dass jeder diesen Begriff anders für sich definiert. Für die „ultralinks Progressiven“ zählt man schon dazu, wenn man nur ein gutes Wort über die real existierende bürgerliche Gesellschaft verliert. Der heute typische „besorgte Bürger“ dagegen spricht vermutlich erst dann davon, wenn nicht nur Ausländer, sondern er selbst im Fokus „schlagenden Interesses“ steht.
      Du möchtest dich mit den Leuten austauschen. In diesem Ansinnen bin ich ganz bei dir – von vornherein das Messer zu zücken (auch mit starken Worten…), wo man eigentlich miteinander reden müsste, ist auch nicht mein Ding. Jeder muss aber für sich selbst entscheiden, mit wem man noch reden KANN und wen man bekämpfen MUSS.
      Nach meinem Verständnis meinen die Autoren mit „rechtem Mob“ die dunklen, mit wenig Hirn gesegneten Gestalten, die Flüchtlingsbusse grölend in Empfang nehmen und Nettigkeiten wie „Weg mit dem Dreck“ skandieren. Jeder Versuch, mit solchen Leuten zu reden, ist tatsächlich gegenseitige Zeitverschwendung und kann leicht zu Beulen führen.

      Noch was zum Artikel selbst. Als Ossi habe ich meine eigene Sichtweise und die ist im Detail eine andere.
      Die Grundaussagen sind m.E. allerdings völlig richtig, wenngleich auch ein wenig schmerzlich, wenn man 256 Jahre nach der deutschen Einheit eine neue Spaltung der Gesellschaft konstatieren muss.

      „Lasst uns nach vorne blicken und in Zukunft für bessere Bildung, mehr Teilhabemöglichkeiten, mehr Freiheit, mehr Transparenz und mehr Weltoffenheit arbeiten.“ Genau darauf kommt es an. Da ich zum Leidwesen meiner Mitmenschen mit dem Besserwissergen geboren wurde, würde ich hinter „Zukunft“ noch ein „wieder“ einfügen. Warum? Wir waren in all‘ diesen Dingen FAKTISCH (also nicht bezogen auf unsere Arbeit) schon einmal weiter und müssen unbedingt dafür sorgen, dass das Rollback bürgerlicher Rechte und Freiheiten aufhört.

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