Die drei Stooges der digitalen Agenda

Ein Kommentar von Stefan Scholz zum Heise-Artikel

Die drei federführenden Stooges der digitalen Agenda, Wirtschaftsminister Moe Gabriel (SPD), Innenminister Curly de Maizière (CDU) und Infrastrukturminister Larry Dobrindt (CSU) haben anlässlich des Treffens des eco-Verbands die bisher beste und witzigste Show seit Bestehen des Ensembles hingelegt. Wie gewohnt extrem charmant und gespickt mit brillanter Selbstironie, legten die Entertainer den Finger in die digitale Wunde. Schon bei der Öffentlichkeitsarbeit habe die IT-Branche den Dreh noch nicht raus – „Cloud hört sich schon so an wie Stehlen“ startete Moe.

Allein Reinhard Mey würde an dieser Stelle widersprechen und irgendetwas von „Freiheit“ und „grenzenlos“ säuseln. Und genau das macht die Stooges aus. Sie zeigen mit einem einzigen Satz knallhart auf, dass man in Deutschland trotz völliger Ahnungslosigkeit erstens höchstwichtige Ämter bekleiden kann und zweitens, dass englische Begriffe eben nicht einfach so ins Deutsche übersetzt werden können, ohne bei weniger hellen Köpfen völlig falsche Assoziationen zu wecken.

Das war ein ganz großartig feiner und subtiler Humor, ein Satz, der sicher lange haften bleibt. In solchen Momenten merkt man sofort: Die Stooges spielen in einer ganz anderen Liga als beispielsweise die Kollegin Angie aus Marzahn mit ihrem eher grobschlächtigen Programm #Neuland.

„Eine Cloud hat keine sichere Grenze“, führte Curly den Gedanken geschickt fort. Es sei nicht zu sehen, wo die Wolke „anfängt oder aufhört“. Unfassbar genial. Curly traf damit den Nerv der Zeit, wie der tobende Applaus im Publikum bestätigte. „Das Internet, unendliche Weiten, die nie ein Minister zuvor gesehen hat“, so darf man Curly an dieser Stelle wohl frei interpretieren. Ein Gedankengang, der an Scharfsinnigkeit wahrlich kaum zu überbieten ist.

Und so ging es Schlag auf Schlag weiter: Auch „Big Data“ höre sich per se nicht nach einer guten Sache an. Besser sei es, von „Smart Data“ zu reden. Da weiß man, was man hat. Nicht die beste Leistung des Abends, doch man darf vermuten, dass Curly hier elegant den Bogen zur AI und zu Systemen spannen wollte, die anhand vorliegender Daten Prognosen für die Zukunft treffen können. Gleichzeitig kritisiert er damit ganz offen, dass man beispielsweise „Fahrrad“ und „Toaster“ in der Politik synonym verwenden könnte, ohne dass sich irgendjemand beschweren würde, weil ohnehin niemand weiß, wie das eine oder das andere funktioniert.

Mit seiner Abschlusspointe machte Curly dem Publikum dann endgültig klar, dass er ein wahrer Meister seines Fachs ist: Er bat die Industrie generell, „schlauere Begriffe zu finden“. Sonst sagten sich immer mehr Verbraucher, „was soll der Kram, der ist sowieso unsicher“. Das war dermaßen auf den Punkt gebracht, dass es stehende Ovationen gab. Es darf natürlich nicht der Politik angekreidet werden, dass Gesetzentwürfe, beispielsweise zur Vorratsdatenspeicherung, die Bürger verunsichern. Auch dass verbündete Staaten vermutlich im großen Maßstab ungestraft und ungehindert Industriespionage in Deutschland betreiben und unbescholtene Bürger sowie Politiker abhören, ist tatsächlich am Ende nur eine Frage der Begrifflichkeit.

Begriffe und Akronyme wie „Friendly Listening“, „BürgerKommunikationsDatenTresor“ kurz „BKDT“ und „WRWYW“ (we read what you write) und nicht zuletzt „FRAAAS“ (face recognition and automatic arrest system) wären sicher deutlich besser geeignet, den in digitalen Dingen meist naiv agierenden Bürger zu beruhigen. Digitales Valium quasi.

Den absoluten Höhepunkt des Abends lieferte schließlich Larry mit dem folgenden Finale furioso: „Daten per se sind heute nichts Böses“. „Sie bedeuten die Wertschöpfung der Zukunft, unser Wohlstand hängt davon ab.“ Gestern waren Daten noch böse, heute nicht mehr. Wer bei solchen Sätzen sein Zwerchfell noch kontrollieren kann, dem ist nicht zu helfen.

Larry, dessen Lieblingsthema ja bekanntermaßen die digitale Infrastruktur ist, versäumte lediglich, kritisch darauf einzugehen, wann die „guten Daten“ mit adäquater Geschwindigkeit beim Bürger landen werden. Derzeit ist Deutschland damit ja noch ein klitzekleinwenig hinterher.

Es war ein leicht ironisches, teils satirisches Programm, das die Stooges gestern dem Publikum präsentierten. Und es war wie gewohnt unglaublich erheiternd und witzig. Alle drei lieferten großartige Bonmots, die uns noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Viele kritische Fragen zum Thema digitaler Wandel wurden intelligent-komödiantisch beantwortet. Was will man mehr.

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Hinweis: Dies ist ein Gastbeitrag und stellt nicht notwendigerweise die Meinung der Piratenpartei Deutschlands dar.

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Kommentare

Ein Kommentar zu Die drei Stooges der digitalen Agenda

  1. Seepferdchen schrieb am

    Wow – Ironie und Sarkasmus in einem ARTIKEL auf der Seite. Danke …und bitte mehr davon.

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