Big Data

Bild: be-him CC BY NC ND

 

Seit einigen Jahren wird es immer akuter: In zahlreichen Lebensbereichen fallen immer mehr Daten an – auch da, wo es früher unpersönlich und anonym daherging.

Wir haben immer mehr das Phänomen, dass wir gezwungen sind, Dienstleistungen mit der Preisgabe unseres Namens und unserer persönlichen Daten zu nutzen. Alles, was wir damit tun oder lassen, wird routinemäßig aufgezeichnet und abgespeichert – immer verknüpft mit unseren persönlichen Daten.

Etwa beim Einkauf im Supermarkt: Das Zahlen mit dem Plastikgeld ist mittlerweile weit verbreitet. Dazu kommen diverse Kundenkarten, die dem Händler wertvolle Einblicke in das Kaufverhalten geben. Marktführer Payback ist seit der Jahrtausendwende aktiv, und setzt mit seinem System über 15 Milliarden Euro im Jahr um: Jeder vierte Deutsche nimmt teil und kassiert eher lächerliche Einkaufsvorteile, während er im Gegenzug persönliche Daten und sein Einkaufsverhalten offenlegt.

Und der Staat?
Er digitalisiert, vernetzt und zentralisiert seine Verwaltung flächendeckend. Das kann Vorteile bringen, wie mehr Transparenz über das öffentliche Tun und Lassen. Aber auch Nachteile: Wenn der Bürger zu transparent für den Staat wird, wenn sich Behörden neue Aufgaben suchen und mit absurden Gesetzen den Menschen digital hinterherspähen.

Beispiel Gesundheit: Über digitale Patientenakten lassen sich Wege zu besseren Behandlungsmethoden finden. Von den erstaunlichen Chancen einer individuellen, datenbasierten Medizin ganz zu schweigen. Dank Suchbegriff-Auswertungen kann Google vorhersagen, in welcher Stadt wann eine Grippewelle ausbricht.
Doch die Nutzung des Internets, bzw. die Suche mit Google nach bestimmten Stichworten bedeutet auch, dass dadurch massive Nachteile entstehen können: Durch das allumfassende Speichern unseres Suchverhaltens im Netz und auch durch unser gespeichertes Kaufverhalten sind wir nicht mehr so weit davon entfernt, dass es uns auch zum Verhängnis werden kann: Was ist, wenn das, was wir googeln, z.B. in die Hände von Versicherungen gelangt? Was ist, wenn ich heute nach den Symptomen für einen Herzinfarkt google und deshalb morgen keine Lebensversicherung abschließen kann?

Big Data im Stromkasten: Mit dem Einbau von vernetzten Stromzählern soll das Energienetz mit all seinen Komplexitäten durch die erneuerbaren Energien besser gesteuert werden können.

Doch diese großen Datensammlungen sind an sich nichts wert. Erst durch gezielte Auswertung der Massendaten entstehen verdichtete Informationen, auf denen Entscheidungen basieren können.

Warum sehen wir immer mehr Anwendungsbereiche von Big Data?
Das liegt zum einen daran, dass die Technik erschwinglich geworden ist. Big Data gibt es in seiner Frühform schon seit den 1930er Jahren in Form der maschinellen Zählung von Lochkarten in Statistikämtern. Die Rechenleistung, die Speicherkapazitäten sind bei gleichbleibenden Kosten seitdem drastisch gestiegen. Damit winkt ein verführerischer Nutzen: Quasi automatische Einblicke in bisher nicht wahrgenommene Zusammenhänge -und das auch noch in Echtzeit, online für -zig Interessenten, rund um die Uhr.

Der Staat kann Gesetzesbrecher aus der Masse der Daten herausfiltern, während sie noch zum Tatort unterwegs sind. Der Staat weiß sofort Bescheid, sei es bei der Geldwäsche, sei es im Finanzamt beim Aufdecken von Umsatzsteuer-Betrug. Auch bei Terrorismusbekämpfung oder dem Eindämmen der fast kaum aufklärbaren Einbrecher-Kriminalität via Kennzeichen-Massenscan und Handy-Verkehr erhoffen sich staatliche Stellen Vorteile von Big Data.

Und da sind sie, die Probleme mit Big Data. Der Datenschützer Thilo Weichert warnte 2013: Big Data eröffnet Möglichkeiten des informationellen Machtmissbrauchs durch Manipulation, Diskriminierung und informationelle ökonomische Ausbeutung – verbunden mit der Verletzung der Grundrechte der Menschen. Werden Angaben über Finanztransaktionen, Bonität, medizinische Behandlung, privaten Konsum, Berufstätigkeit, aus der Internetnutzung, von elektronischen Karten und Smartphones, aus der Video- oder der Kommunikationsüberwachung zusammengeführt, so kann daraus ein für unsere Demokratie gefährliches informationelles Ungleichgewicht entstehen.

Diese Zusammenführung der Daten wurde noch in der Gründungsphase der Bundesrepublik durch zahlreiche organisatorische Maßnahmen erschwert. Das erklärte sich aus den schlimmen Erfahrungen der Nazizeit und den damaligen Anfängen von Big-Data-Auswertungen. So waren etwa die Meldeämter kommunal abgeschottet in ihrer Datenhaltung. Zugriffe auf die Meldedaten gab es nur auf umständliche, manuelle Art und Weise. Eine eindeutige Personenkennziffer, wie sie beispielsweise in der DDR existierte, gab es in Westdeutschland nicht. Etwas ähnliches sollte erst viel später mit der lebenslang plus 20 Jahre gültigen Steuer-Identifikationsnummer für den Bereich der Finanzverwaltung eingeführt werden und inzwischen auch mit der Krankenkassenkartennummer.

Mit den neuen Erfindungen im Bereich des maschinellen Lernens braucht es weniger menschliche Analyse in den großen Datenhalden. Das erledigen autonome Systeme, die in der Lage sind, Muster zu erkennen und Kontext herzustellen. Etwa bei der automatischen Sichtung von tausenden Überwachungskameras. Vielleicht lernt so ein System dann auch Alarm zu geben, wenn ein Mensch mal einen Tag lang eine abweichende Route zur Arbeit fährt.

Bei einer falschen Politik droht digitale Unterdrückung: dann profitiert der Überwachungsstaat von Big Data. Schlagwörter wie INDECT oder Predictive Policing zeigen das ungute Potential und einen übermäßigen Eingriff in das noch recht junge Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.

Das EU-Forschungsprojekt INDECT sollte durch das Zusammenführen vielfältiger Informationen aus unterschiedlichen Datenquellen ermöglichen, Aktivitäten zu erkennen, die in das Muster einer vermuteten Gefährdung passen. Ausgewertet werden sollen Daten aus Videoüberwachungsanlagen, aus Mobilfunkdaten generierte Bewegungsprofile oder auch Informationen zu Konsumverhalten, Internetnutzung oder aus sozialen Netzwerken – eben ein Abbild des digitalen und realen Lebens!

Doch: Wer nicht weiß, welche Informationen über ihn gespeichert und ausgewertet werden, wird vorauseilend sein Verhalten auf Gefügigkeit anpassen. Im Überwachungsland Großbritannien ist das besonders drastisch zu beobachten. Die FAZ schrieb, es droht die psychische, emotionale und intellektuelle Verarmung einer ganzen Gesellschaft.

China führt derzeit eine weitergehende Bevölkerungsbewertung ein. Jeder Mensch erhält ein öffentliches Punktekonto. Für Jubel-Kurznachrichten in sozialen Netzwerken etwa gibt es Bonuspunkte, für Kritik oder sonstiges unerwünschtes Verhalten drohen Abzüge. Dann gibt es weder Auslandsreisen noch Kredite.

Mit den nach dem 11. September 2001 beschlossenen Sicherheitsgesetzen und vielen anderen Techniken zur präventiven Überwachung ging die Unschuldsvermutung in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt flöten. Die PIRATEN sehen, dass vielen Menschen das Ausmaß, in dem sie bereits heute durchgängig überwacht werden, gar nicht mehr bewusst ist. Umfragen zeigen dazu noch steigendes Desinteresse und Nicht-Betroffenheit.

Die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung für Telekommunikation ist fürs Überwachungsregime ein ganz wichtiger Baustein. Zu einer Freiheit-statt-Angst-Demo im Oktober 2015 sagte Kristos Thingilouthis, der politische Geschäftsführer der Piratenpartei Deutschland: „Die Einschränkung unserer Freiheit wird in erster Linie mit der Terrorabwehr und unserer Sicherheit begründet. Doch das ist totaler Unsinn. Denn Freiheit schützt man nicht, indem man sie abschafft.“

Daher sind an Massendatensammlungen, zumal wenn sie unfreiwillig ablaufen, strenge Anforderungen zu legen, wenn nicht gar komplett zu untersagen.

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Gastbeitrag von Stefan Müller.

Stefan ist Redakteur bei KOMPASS – Zeitung für PIRATEN.

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Hinweis: Dies ist ein Gastbeitrag und stellt nicht notwendigerweise die Meinung der Piratenpartei Deutschlands dar.

Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

4 Kommentare zu Big Data

  1. Ciriaeth schrieb am

    Ich lehne den Fazit ab. Ich sehe hier mehr „German Angst“ drin als eine der Sache angemessenen Argumentation. Als Pirat würde ich einen entsprechenden Programm- oder Positionsantrag meiner Stimme verwehren.
    Ich stimme dem Autoren zu, dass BigData missbraucht werden kann. Nicht nur kann, sondern wird. Wie bei jeder neue Technologie, geschieht dies auch hier.

    Der Artikel zeigt jedoch nur die negativen Gesichtspunkt auf und ist dadurch einseitig.
    Ich möchte ein Argument aufbringen, welches vom Stellvertretender Direktor der Charite, Prof. Dr. Reinhold Schäfer kommt und er auf das vor Kurzem bei einem Kongress zum Thema hinwies. Dabei geht es um die Krebsforschung.
    Im Aufgrund der hohen Hürden im Datenschutz gibt es kein zentralen Register für Krebstherapien. Es ist Ärzten und Krankenhäuser nicht möglich die Ergebnisse von Therapien auszutauschen. Denn aufgrund der individuellen und vielfältigen Formen von Krebserkranken würde es unmöglich sein, diese Daten vollständig anonymisierbar zu machen.
    Was hat das für Folgen? Es hat ganz fatale Folgen: Menschen erhalten nicht die Therapien, die sie brauchen, weil die behandelnden Ärzte sie nicht kennen. Sie können schlichtweg nicht abgleichen welche Therapien bei Menschen mit welchen krankheitsverlauf erfolgreich waren und welche nicht. Stattdessen müssen sie „herumdoktoren“ und jeder für sich wieder und wieder Dinge ausprobieren. Therapien werden versucht, die möglicherweise sich in anderen Kliniken längst als untauglich bei selben Fallkonstellationen erwiesen haben.
    Ist der Datenschutz etwa wichtiger ist als Menschenleben?

    Natürlich ist er das nicht. Eine Abwägung ist notwendig. Immer. Und daher sind pauschale Aussagen darüber, dass BigData am besten komplett zu untersagen sei, völlig falsch.

    Ein anderes Beispiel, welches derzeit am Horizont steht ist der Austausch von Informationen von Autos untereinander, welches das kommende große DIng sein wird.
    Auch hier haben wir es mit einer BugData-Anwendung zu tun, bei der ein unmittelbarer kaum zu trennender Zusammenhang mit personenbeziehbaren Daten besteht.
    Ein technisch reales Szenario ist beispielsweise das im Winter ein Auto eine Glatteisstelle „bemerkt“. In der Vorstellung der Entwickler und auch umsetzbar wäre nun, daß das Auto selbstständig die Gefahrenquelle meldet. Autos, die später kommen wären gewarnt und könnten rechtzeitig und sicher abbremsen.
    Es könnten Unfälle vermieden, es könnten Leben gerettet werden!

    Soweit, so gut. Aber datenschützer und der Tenor des obigen Artikels sagt: Sorry, das ist BigData. Es ist Personenbeziehbar, geht gar nicht! Denn man stelle sich vor, die Autoversicherung würde die Daten ebenfalls abschnorcheln! Die würde damit dann doch die Möglichkeit haben zu sehen, wie schnell der Autofahrer tatsächlich war und wo das war. Die könnten den Autofahrer vollständig in seiner Bewegung überwachen.
    Böse, böse, böse!
    Und deswegen darf das nicht sein.
    Das man damit Leben retten könnte im Verkehr? Egal, Hauptsache Datenschutz.

    Wollen wir das wirklich? Ist Datenschutz wirklich wichtiger als Menschenleben?

    Das Grundgesetz gibt dem Menschenleben eine höhere Priorität. Datenschutz kommt erst später. Wir wollen sicherlich alle Schutz unser persönlichen Daten vor Missbrauch. Da sind wir uns hoffentlich aller einer Meinung.
    Aber dies darf nicht dazu führen, dass eine übertriebene Datensparsamkeit dazu führt, dass Menschen nicht geholfen, nicht richtig therapiert oder zu Schaden kommen.

    • Seepferdchen schrieb am

      BigData komplett untersagen ist natürlich Quatsch. Der Geist ist eh‘ längst aus der Flasche…
      Aber man sollte sich der Sache selbst und der aus ihr erwachsenden Konsequenzen schon bewusst sein. Der Artikel liefert hierzu einige gute Hinweise.

      Wir werden den o.g. Geist lenken müssen.
      Folgt er stets dem schnöden Mammon, wird BigData eher kurz- als mittelfristig zum größten Feind einer demokratisch organisierten Zivilgesellschaft.
      Folgt er (nur ein bisschen!) dem Gemeinwohl, ist BigData eine Riesenchance, unser aller Leben zum Besseren zu verändern.

      Wie soll die Lenkung funktionieren? Na ja – zunächst könnte man bestimmte Dinge einfach verbieten; z.B. den Verkauf von Meldedaten an Privatunternehmen durch Kommunen. Bei allem, was erlaubt bleiben soll, müsste dann Schaden und Nutzen für die GESELLSCHAFT abgewogen werden. Ich weiß – das klingt schwülstig und langweilig und ich verteile gerade Allgemeinplätzchen… Sind aber mit Liebe gebacken :)

  2. StefanM schrieb am

    „Daher sind an Massendatensammlungen, zumal wenn sie unfreiwillig ablaufen, strenge Anforderungen zu legen, wenn nicht gar komplett zu untersagen.“ — strenge Anforderungen stellen, heißt nicht, etwas komplett zu verbieten.

  3. 1Hi schrieb am

    Genau das ist es, was Piraten vornanstellen müssen!
    Wir müssen mindestens sichern, dass die Wahlfreiheit bleibt/geschaffen wird:

    Barzahlung oder Karte
    Smartmeter oder Zeittarif
    Smartphone ohne eSIM/mit wechselbarer Stromquelle
    Fahrschein mit oder ohne Individualisierung

    Was Piraten auf Ihrer Startseite verlinken sollten:

    Diese Daten hat Ihr Device an uns übermittelt/kann jeder Site-Betreiber auslesen: ………(Cookies inklusive)
    (…daraus könnte abgeleitet werden…)

    Diese Daten speichern wir:………
    Am:……werden sie gelöscht.

    Und das kann man auch gesetzlich vorschreiben, dass jeder Betreiber das macht.

    NUR so schafft man Problembewusstsein und Transparenz – und macht Eigenwerbung/kann eine Initiative (z.B. Petition) gleich dranhängen…!

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