Solidarität mit Herz – Gastbeitrag von Bim

Bild: CC-BY-SA Henning Grote

Rede von Christian Reidel auf der Demonstration in Passau am 31. Oktober 2015

 

FOTO BIM AUF DER DEMO IN PASSAU - FOTO PRIVAT - BLOG

Liebe Demonstrantinnen und Demonstranten,
liebe Mitmenschen,

im Februar dieses Jahres zogen wir mit 1500 Demonstrantinnen und Demonstranten als NoPegida-Demonstration durch die Passauer Innenstadt und haben als Bürger dieser wunderbaren Stadt ein Zeichen gesetzt.

In der Hochphase der besorgten Bürger haben wir ein Zeichen gesetzt, dass wir einer diffusen Stimmung gegen Menschen, die nichts verbrochen hatten, außer vor Krieg, Vertreibung und Armut zu flüchten, in Passau keinen Raum geben wollten.

Bis heute gab es in Passau – anders als in anderen deutschen Städten – keine Demonstration von besorgten Bürgern oder gar rechtsextremistischen Gruppierungen.

Seitdem hat sich viel geändert:

Uns beschäftigen und bedrücken nicht mehr nur die Schicksale von Menschen, die reihenweise im Mittelmeer jämmerlich ersaufen, soweit sie aus ihrer Heimat überhaupt herausgekommen sind; nein, mittlerweile sind diese Menschen zu Zehntausenden in Passau angekommen.

Uns bedrücken ihre Schicksale, die sie uns selbst erzählen, die ihre Augen erzählen, die ihre auf der Flucht verstorbenen Angehörigen nicht mehr erzählen können, die vielen unbegleiteten, traumatisierten Minderjährigen, die zum Teil Unvorstellbares erlebt haben, getrennte Familien, durch Krieg entwurzelte Menschen: Sie alle sind jetzt hier und erzählen uns ihre Geschichten.

Diese Geschichten sind oft kaum zu ertragen. Sie handeln von Bombenterror in der alten Heimat, von Misshandlungen durch griechische und ungarische Polizisten, die auch schwangere Frauen niederknüppelten und mit Pfefferspray gegen Kleinkinder die nationale Sicherheit ihres Landes verteidigten.

Etwas anderes hat sich ebenfalls verändert:

Während man bei der Pegida-Bewegung mit viel gutem Willen den meisten Teilnehmern noch glauben konnte, dass sie sich einfach Sorgen um ihre Zukunft machen, die von den sogenannten etablierten Parteien nicht gehört werden, zeigt sich mittlerweile die Seele der Bewegung. Es wird Hass gesät, es wird mit Ängsten gespielt, die dort umso größer erscheinen, je abstrakter sie sind, und es werden mittlerweile Parolen von Funktionsträgern der AfD öffentlich ausgeschieden, die die Parallelen zum Nationalsozialismus nicht einmal mehr zu verbergen versuchen.

Eines glaube ich der AfD mittlerweile: Sie will eine Alternative zu einem Deutschland sein, das weltoffen, solidarisch, freiheitlich und tolerant ist.

Sie will Flüchtlinge an unseren Grenzen stoppen, ohne zu sagen, dass das in letzter Konsequenz nur mit Stacheldraht und Maschinenpistolen konsequent durchzusetzen ist.

Diesem Versuch stellen wir uns in Passau entgegen und rufen: NICHT mit UNS!

Auf unsere Demonstration haben wir u.a. alle im Stadtrat Passau vertretenen Gruppierungen eingeladen, auch die CSU. Deren Fraktionsvorsitzender Georg Steiner hat die Einladung abgelehnt, u. a. weil (ich zitiere wörtlich aus der aktuellen Passauer Woche): „Leider tragen völlig unrealistische und lebensferne Forderungen und Vorstellungen, wie sie von Teilen der Demo-Unterstützer zur aktuellen Asyl- und Flüchtlingsfrage vertreten werden, in hohem Maße dazu bei, die AfD und Pegida zu stärken“, begründet Steiner den CSU Korb.“

Das Motto unserer Demonstration lautet: „Solidarität mit Herz statt Rechtspopulismus und Hetze“

Sind wir es also, die Pegida stärken, weil wir über alle demokratischen Parteigrenzen hinweg einen menschlichen Umgang mit Geflüchteten einfordern? Sind wir es, die der AfD Vorschub leisten, weil wir einen sachlichen und kooperativen Umgang mit dem Thema gerade in Passau leben, anstatt unreflektiert Ängste ohne Lösungen zu formulieren?

Sind wir es, die das Elend der Flüchtlinge dadurch verlängern und verschlimmern und einen ganzen Regierungsbezirk in den permanenten Ausnahmezustand stürzen, weil entgegen aller Vernunft den Forderungen der Bundespolizei, der Stadt Passau und jedem halbwegs vernünftig denkenden Menschen München als zweites Drehkreuz dicht bleibt und allein die CSU- Staatsregierung dies konsequent blockiert?

Diesem dumpfen, unreflektierten und in dieser Frage von der AfD nicht mehr zu unterscheidenden Reden und Handeln stellen wir uns entgegen und rufen:

Ja, wir haben derzeit Riesenprobleme zu bewältigen, doch wir kriegen sie in den Griff, GEMEINSAM!

Nein, wir haben kein volles Boot und schon gar keine Staatskrise. Schaut mal in den Libanon, wo 4,5 Mio Einwohner und 2 Mio Flüchtlinge leben. Wir haben aber ein Organisations- und Verteilungsproblem, nicht zuletzt auf europäischer Ebene.

Epplehaus_CC-BY-NC-ND_hell_schwarz

Darum rufen wir als Bürger unserer durch und durch zivilgesellschaftlichen Stadt: Lasst uns Verfolgte menschlich beherbergen, lasst uns die Integration der Geflüchteten beherzt angehen und freuen wir uns trotz aller Schwierigkeiten und erwartbarer Rückschläge auf die bereichernde Veränderung, die unsere Stadt, unser Land und unser Kontinent derzeit erfährt.

Und wir rufen der AfD und all ihren dumpfen Gesinnungskumpanen zu: Ihr seid hier nicht erwünscht!

Vielen Dank

Demoseite

Flattr this!


Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

4 Kommentare zu Solidarität mit Herz – Gastbeitrag von Bim

  1. Alfred schrieb am

    Super Beitrag…..
    „….diffuse Stimmungen…“ genau, kann man auf dem Stimmungsbarometer prüfen.
    „…..keine Demonstrationen von besorgten Bürgern….“ wäre ja auch noch schöner, was die sich so vorstellen…..
    „…….Menschen die im Mittelmeer jämmerlich ersaufen…“ abholen, alle abholen die sagen das sie verfolgt werden oder arm sind. Nur so geht es….
    „….uns bedrücken ihre Geschichten, die sie uns selbst erzählen….“ über das friedliche Zusammenleben von Türken, Arabern, Kurden, Sunniten, Schiiten, Alawiten, Christen usw…….
    „…..ungarische und Griechische ( Wer regiert da mal noch ?) Polizisten…..“ nicht nur die, alle unsere Nachbarn sind rechtspopulistisch, sogar die sozialistisch regierten Franzosen….nur die die Doitschen sind gut….ach nee, die blauäugigen Schweden auch…..
    „….sind wir es also, die Pegida stärken …?“ Nie im Leben….
    „…sind wir es die….einen ganzen Regierungsbezirk in Ausnahmezustand stürzen….?“ kann man so nicht sagen, wir wollen mehr…..
    „Ja, wir haben ein Riesenproblem….“ das ist jetzt aber Unsinn, das sind sie die diffusen Ängste die hier verbreitet werden….einfach menschenverachtend….
    „…Schaut mal in den Libanon, 4,5 Millionen Einwohner und 2 Millionen Flüchtlinge….“ Super so wollen wir es auch haben….und der Libanon und die Türkei und Jordanien werden immer reicher durch die vielen Flüchtlinge…die kurbeln durch Konsum die Wirtschaft an, beheben den Fachkräftemangel und die Alten kriegen wegen der vielen jungen Menschen immer höhere Renten….einfach super so wollen wir das auch und wer das nicht versteht, in Deutschland oder sonst wo in Europa….? Die schmeißen wir raus, kein Fußbreit für Rechtspopulisten ob in Passau oder Polen, und ersetzen sie durch Sunniten, Schiiten, Kurden, Afghanen usw. usw. und dann leben wir alle in frieden und Wohlstand….ach wird das schön….perfekt für den Wahlkampf in BaWü, mit diesen Vorstellungen bekommt ihr locker die fehlenden Unterstützer Unterschriften….0 Problemo…weiter so…..

  2. Alfred schrieb am

    Jetzt auch Schweden auf rechtspopulistischem AfD Kurs…mit diffusen das Boot ist voll Parolen….unsere Antwort “ keinen Fußbreit den Rechtspopulisten“ kann nur bedeuten…tja, was eigentlich ? Was haltet ihr von einer IKEA Blockade ? Zusammen mit all den anderen visionären, postmodernen Kräften erkämpfen wir faktenfreie Zonen die wir dann osmotisch, zunächst über Europa, ausdehnen. Aber vorher sammeln wir noch Stimmen für BaWü….

  3. Chico schrieb am

    „Diese Geschichten sind oft kaum zu ertragen. Sie handeln von Bombenterror in der alten Heimat, von Misshandlungen durch griechische und ungarische Polizisten, die auch schwangere Frauen niederknüppelten und mit Pfefferspray gegen Kleinkinder die nationale Sicherheit ihres Landes verteidigten.“

    Gehts noch ein bisschen polemischer? Nur mal zur Erinnerung: >70% aller Asylsuchenden (auch in Passau) sind junge Männer, >60% aller Asylsuchenden haben keinerlei Recht auf Asyl sondern sind Wirtschaftsmigranten (und wurden deshalb wieder nach Hause geschickt) und auch von den bewilligten Asylsuchenden war nur ein Bruchteil an Kampfhandlungen beteiligt (was in der Tat bewegende EINZELschicksale sind)(Quelle: BAMF)

    Aber wenn man behauptet, Passau nimmt jeden Tag 5000 traumatisierte, misshandelte, durch Bomben verstümmelte und Polizisten verprügelte schwangere Frauen und kleine Kinder die vom Pfefferspray blind wurden – dann trägt dies natürlich sehr zu einer konstruktiven Diskussionskultur bei.

    Habt ihr euch schon mal gefragt, warum die AfD deutlich mehr Zulauf hat als die Piraten?

    Offenbar besteht die deutsche Bevölkerung bezüglich der Flüchtlingsproblematik nur aus Dummköpfen: die, welche die Piraten nicht verstehen und die, welche der AfD hinterherlaufen….?

  4. Detlef Rausch schrieb am

    Zum Gluck finde ich bei vielen offiziellen Berichten der Piratenpartei zum Thema Asyl und Menschenrechte zukunftsweisende und hilfreiche Ideen, wie man die damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen besser bewältigen könnte. Anderseits vermisse ich aber einen realsitischen Blick auf die Hintergründe sowie die emotionalen, finanziellen und infrastrukturbedingten Möglichkeiten unserer Gesellschaft.
    Ich habe auch den Eindruck, dass wir uns angesichts eines zu komfortable gestalteten Sozialsystems zu sehr auf die versorgung durch den Staat verlassen, ohne zu respektieren, dass zumindest unter den heutigen Rahmenbedingungen vor allem der normale Bürger die Lasten für das erträumte Rundumsorglospaket tragen muß. Vor diesem Hintergrund erachte ich die kritische Frage als berechtigt, wie bzw. warum wir es schaffen sollen, die ganze Welt zu retten. mag sein, dass es für Menschen, die nie dazu gezwungen waren, für den Unterhalt ihrer Familie selbst zu sorgen einfach erscheint, auch – konseqenterweise- 60Mio Flüchtliinge über eine längeren Zeitraum zu versorgen.
    Die Realität sieht aber leider anders aus.

    Hat die Piratenpartei der Frau Merkel eigentlich schon die Ehrenmitgliedschaft angeboten?

Es können keine neuen Kommentare mehr abgegeben werden.

Weitere Beiträge: