Stefan Borggraefe: Politik macht Spaß!

Bild: be-him CC BY NC ND

Stefan Borggraefe hat mit seinem Wahlkampfteam bei den Bürgermeisterwahlen in seiner Stadt Witten einen sensationellen Anteil von 10,5% erzielt, das mit Abstand beste Ergebnis für die PIRATEN in dieser Wahl der Oberbürgermeister, Bürgermeister, Landräte etc. in Nordrhein-Westfalen.

Unsere Autorin Christiane vom Schloß hat ein Interview zu seinem Erfolg mit ihm geführt, in dem er auch erklärt, wie seine Wahlkampagne konzipiert war.

 

Christiane vom Schloß:

Stefan, zuerst möchte ich dir zu deinem großartigen Wahlerfolg in Witten gratulieren. Du hast mit 10,5% das beste Ergebnis der PIRATEN in NRW erreicht. Wie bist du darauf gekommen, dich in der Kommunalpolitik zu engagieren?

Stefan Borggraefe:

Danke! Mir macht Politik Spaß und ich finde es toll, in der Stadt, in der ich lebe, mitgestalten zu können.

Christiane vom Schloß:

War das Wahlergebnis eine Überraschung für dich oder hattest du zumindest geahnt, dass du zahlreiche Bürger deiner Stadt überzeugt hast?

Stefan Borggraefe:

Das Ergebnis ist großartig. Es mag im Nachhinein etwas altklug klingen, aber wir hatten uns mit dem Wahlkampfteam tatsächlich im Juni dieses sehr ehrgeizige Ziel gesetzt: zehn Prozent und dritter Platz. Wir wollten etwas ganz besonderes erreichen, wussten aber auch, dass es extrem schwierig werden würde. Im Laufe des Wahlkampfes merkten wir, dass wir tatsächlich diese Chance haben. Einerseits aufgrund der besonderen Konstellation in Witten, andererseits aufgrund des Feedbacks und Medienechos, das wir erhielten. Da ich gerade auch zum Ende des Wahlkampfes schon sehr hohen Zuspruch im Gespräch mit vielen Bürgern erhalten hatte, habe ich zuletzt in etwa mit diesem Ergebnis gerechnet. Dass es dann so eine Punktlandung wurde – dafür braucht man neben aller Planung und Arbeit auch ein Quäntchen Glück.

 

PIRATEN NRW - STEFAN BORGGRAEFE - FOTO be-him CC BY NC SA - IMG

Christiane vom Schloß:

Dein Wahlergebnis macht vielen PIRATEN Hoffnung, dass wir bei Kommunal- und Landtagswahlen alle wieder bessere Ergebnisse erzielen können. Mit welchen Wahlkampfthemen hast du die Bürgerinnen und Bürger in Witten überzeugt?

Stefan Borggraefe:

Ich glaube, dass es wichtig ist, positive Aussagen zu treffen und mit guten Ideen zu punkten. Meckern und Herumkritisieren an anderen Kandidaten oder Parteien macht wohl eher unsympathisch und schreckt ab. Deswegen wollten wir Themen positiv besetzen. Nachdem wir unsere Zielsetzung mit zehn Prozent hatten, haben wir beschlossen, Wahlkampf mit Themen für diese zehn Prozent zu machen, anstatt uns in der Breite zu zerfleddern und nicht unterscheidbar zu sein. „10 statt 90“ wurde bei einigen in unserem Team während des Wahlkampfs fast zum Mantra. Es mussten Themen für unsere Zielgruppe sein, die ich persönlich und wir als PIRATEN glaubhaft und sympathisch vertreten konnten. Konkret waren dies dann kommunale Bürgerbeteiligung, Transparenz der Verwaltung, Breitbandausbau und Straßenkultur. Im Wahlprogramm haben wir diese Themen dann mit konkreten Forderungen unterlegt.

Bei der Formulierung des Wahlprogramms haben wir aber auch darauf geachtet, dass es ein schlüssiges Gesamtkonzept für die Zukunft der Stadt ist. Deswegen haben wir – wenn auch nicht als Kernthemen – Aussagen zur Schulentwicklung und zum Haushalt getroffen. Es war wichtig, Verbesserungen aufzuzeigen, die wenig kosten oder Kosten einsparen. So war das Programm auch in einer hochverschuldeten Kommune wie Witten glaubwürdig. Beispiele dafür sind: Liberalere Verordnung für Straßenmusik und Straßenmalerei und die Formulierung eines Leitbildes und von Zielen für das kommunale Handeln.

Zu guter Letzt konnten wir auf Themen aus der Ratsarbeit zurückgreifen. Als Piratenfraktion im Stadtrat hatten wir uns schon länger gegen die Einrichtung von zwei neuen Gewerbegebieten auf derzeitigen Erdbeerfeldern und Naturflächen positioniert und uns aktiv bei den dazugehörigen Bürgerinitiativen beteiligt. Dieses Thema haben wir im Wahlkampf hervorgehoben und in den betroffenen Stadtteilen gezielt mit den Wahlplakaten „Strawberry Fields Forever“ bzw. „Blühende Landschaften“ beworben, die für sehr viel Gesprächsstoff sorgten.

Christiane vom Schloß:

Welche Wahlkampfstrategien (Kampagnen, Straßenwahlkampf) hast du vor allem genutzt, um dein Wahlprogramm bekannt zu machen?

 

 

Stefan Borggraefe:

Es war, und das ist im Kommunalen vielleicht neu, tatsächlich eine Kampagne und nicht „nur“ ein Wahlkampf. Das Ganze nahm seinen Anfang am Rande eines Seminars der PiKo NRW zur Öffentlichkeitarbeit. Wir haben uns zwei der Dozenten gekrallt und uns von ihnen für den Wahlkampf coachen lassen. Heraus kam die Kampagne unter dem Titel „NEU“ bzw. „#DerNeue Bürgermeister für #Witten“.

Wichtig war es, eine konsistente Kampangensprache zu erarbeiten und konsequent dabei zu bleiben. Diese sollte bei allen Gelegenheiten eingehalten werden: Wahlprogramm, Flyer, Internet-Auftritt, soziale Netzwerke, Gespräche im Straßenwahlkampf, Podiumsdiskussionen, Pressemitteilungen usw. Meistens ist das auch gelungen.

Als erstes kam dabei die Aktion „Schönes Plakat“ im Vorwahlkampf heraus, mit der wir die Schöne-Ferien-Plakate der SPD gekontert haben.

Neben den tollen Plakaten und Flyern hatten wir ein paar echte Highlights im Wahlkampf: Einen selbstgedrehten Werbespot für Kino und Youtube und unser einziges Großplakat in bester Lage direkt vor dem Hauptbahnhof; es wurde mit wechselnden Motiven von einem Streetart-Künstler gestaltet. Die Motive haben einerseits Aussagen aus dem Programm verbildlicht und waren andererseits dauerhaft ein Hinweis auf unser Thema „Liberale Verordnung für Straßenkunst“.

Mit solchem Material in der Hand macht man gerne Wahlkampf: Wir haben mehrere Infostände pro Woche gemacht und Programm-Flyer und Postkarten verteilt. Ganz wichtig ist es dabei meiner Meinung nach, mit vielen Bürgern direkt ins Gespräch zu kommen und sympatisch und offen auf sie zuzugehen.

Im Straßenwahlkampf haben wir zwei Höhepunkte gesetzt: Die öffentliche Entfilzungsaktion zum Wahlkampfauftakt mit 60 qm rotem Filz und als Höhepunkt die „NEUstart Witten Wahlkampfsause“ mit Live-Musik, Bierwagen und Grill. Beide Male haben viele PIRATEN aus der Umgebung mitgeholfen und den Platz mit jeweils vier Pavillons und Deko in Piratenland verwandelt.

Christiane vom Schloß:

Die Landtagswahlen im letzten Jahr waren ausnahmlos Misserfolge. Was muss sich deiner Meinung nach in unserer Partei oder unserer Öffentlichkeitsarbeit verbessern?

Stefan Borggraefe:

Wir müssen gute, glaubwürdige Arbeit machen und so das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen. In Witten haben wir das Glück, mit einer Fraktion im Stadtrat vertreten zu sein. Ich bin eines der Ratsmitglieder. Es war ein großer Vorteil, im Wahlkampf auf Erfolge der Fraktion und auch der Fraktion im Landtag NRW verweisen zu können. Wir müssen also durch glaubwürdige politische Arbeit Vertrauen zurückgewinnen und dem Wähler positive Angebote machen.

Für die Pressearbeit sind meiner Meinung nach vor allem auch persönliche Gespräche mit Journalisten wichtig. Man sollte sie fragen, welche Themen sie interessieren, warum sie manche Meldungen bringen und andere nicht und sie dementsprechend mit passenden Presseinformationen versorgen.

Da können wir auch in Witten noch lernen; nachher ist man ja immer schlauer. Ressourcenplanung, Recherche, Umgang mit Mediadaten, Wahl der richtigen Werbemittel: Da geht bei uns sogar noch mehr. Aber wichtig ist, dass es unter dem Strich geklappt hat.

Wir PIRATEN sollten meiner Meinung nach vor allem den Mut und die dazugehörige Ausdauer haben, wirklich aufmerksamkeitswirksame Kampagnen zu planen und diszipliniert durchzuziehen. Die nötige Kreativität dafür haben wir in unseren Reihen und müssen sie nur zusammenbringen.

 

PIRATEN NRW - PIRATEN AUF DER RUHR - MS SCHWALBE - FOTO be-him C

Christiane vom Schloß:

Ein so bemerkenswertes Wahlergebnis gibt einem tüchtig Rückenwind, oder?
Wie wirst du den für dein kommunalpolitisches Engagement nutzen?

Stefan Borggraefe:

Ganz klar, das ist eine tolle Bestätigung, für die ich sehr dankbar bin. Die Piratenpartei in Witten wird durch den Wahlerfolg nun wieder sehr positiv gesehen und hat derzeit eine hohe Aufmerksamkeit in den Medien. Wir werden diese positive Stimmung nutzen und im Stadtrat nun einige größere Themen angehen.

Ich möchte das Wahlergebnis aber auch als Gemeinschaftserfolg verstanden wissen. Es haben sehr viele daran mitgewirkt, ohne die dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre und denen ich auch öffentlich meinen Dank ausdrücken möchte:

Unseren Beratern: Eric Wallis und Mario Tants haben direkt zu Beginn mit uns ein wirklich brillantes Kampagnenkonzept entwickelt und standen uns immer wieder mit Rat zur Seite.

Meinem Team: Hansjörg Gebel hat das Konzept klar und konsequent in Planung, Texte und Aktionen umgesetzt. Elaine Bach und Sylvia Bergtholdt haben mit ihren Videos, Plakaten, Flyern und Postkarten die ganz besondere Bildsprache dieser Kampagne geprägt. Roland Löpke, unser Fraktionsvorsitzender im Rat, hat Planung und Straßenwahlkampf befeuert. Und Maria Bach hat als fähige und zuverlässige Organisatorin den Laden zusammengehalten. Alle haben wirklich bis zur Grenze des Machbaren in Tag- und Nachtschichten für diese Kampagne geschuftet.

Meinen Helfern: Viele PIRATEN aus Witten, dem Ennepe-Ruhr-Kreis, Hagen, Dortmund und Bochum haben mich im Straßenwahlkampf tatkräftig unterstützt, insbesondere bei den beiden Großveranstaltungen. Den PIRATEN im EN-Kreis danke ich auch dafür, dass wir zusätzlich zu den eingeworbenen Spenden einen Großteil des vKV-Budgets für den Wahlkampf in Witten einsetzen durften.

Christiane vom Schloß:

Oft hört man im Wahlkampf von Bürgern, sie wüssten nicht, was wir Piraten eigentlich wollen oder wofür wir stehen. Ganz kurz auf den Punkt gebracht: Wofür stehen die PIRATEN in Witten?

Stefan Borggraefe:

Wir sind die einzige Partei, die wirklich neue politische Ideen und Inhalte in die Kommunalpolitik bringen. Dabei liegen die Schwerpunkte auf konkreten Vorschlägen für mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung, Modernisierung, Gestaltung des digitalen Wandels und eine liberale und bunte Stadt.


Christiane vom Schloß:


Welche konkret erreichbaren Ziele hast du dir im Stadtrat vorgenommen?


Stefan Borggraefe:

Zuletzt haben wir einen Antrag für fahrscheinlosen ÖPNV an verkaufsoffenen Sonntagen eingebracht, der im Verkehrsausschuss bereits auf breite Zustimmung gestoßen ist. Ganz konkret hoffe ich auf baldige erfolgreiche Umsetzung dieses Antrags. Weitere Ziele, die mir in nächster Zeit erreichbar scheinen, sind mehr OpenData in Witten, konkret u.a. durch ein offenes Ratsinformationssystem und die Live-Übertragung von Ratssitzungen im Internet. Es sind aber auch noch einige weitere Anträge in Vorbereitung, über die ich aus strategischen Gründen noch nichts verraten will.

Viel Erfolg wünschen wir dir und herzlichen Dank für dieses interessante Interview!

 

 

CHRISTIANE-VOM-SCHLOSS-FOTO-FLASCHENPOSTAutorin: Christiane vom Schloß


Seit April 2012 Mitglied der Piratenpartei im Landesverband Schleswig-Holstein
und ab 2013 bei den Sozialpiraten engagiert.

Redakteurin der Flaschenpost seit Juli 2014.

Redakteurin der Bundespresse.

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