Sizilien – Die Maschinerie der Flüchtlingsaufnahme

Bild: CC-BY Dierk Schäfer

Ein Gastbeitrag von Simone Brand MdL, stellvertretende Vorsitzende und integrationspolitische Sprecherin der Piratenfraktion Nordrhein-Westfalen

Vom 8.-12. Juni 2015 fand eine Delegationsreise unter dem Thema „Refugee Challenges at the Mediterannean Sea“ statt.
Teilnehmer waren Mitglieder der Evangelischen Kirche und Mitglieder aller Fraktionen des Landtags NRW. Unsere Gruppe reiste nach Sizilien (Catania, Pozzallo, Scicli), Lampedusa und Rom. Eine zweite Gruppe besuchte Lesbos, Athen und Rom.

Im Juli berichtete Simone bereits über ihre Eindrücke auf Lampedusa; hier kommt nun der zweite Teil: Sizilien.

Von Lampedusa geht es weiter nach Pozzallo auf Sizilien.
Im Hafen – weit außerhalb des Ortes – werden wir ein weiteres Erstaufnahmelager besichtigen.
Bei der Ankunft begrüßt uns die Leiterin der Einrichtung. Sie müsste das alles nicht persönlich machen und könnte auch von ihrem Schreibtisch aus alles koordinieren, aber sie ist wie alle Menschen, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben, überaus engagiert und stetig vor Ort.
Wir erfahren, dass soeben ein Boot der Küstenwache im Hafen angekommen ist, welches am Tag zuvor 450 Geflüchtete aus vier Schlauchbooten vor der Küste Libyens gerettet hat.
Wir dürfen zu dem Schiff, um dabei zu sein, wenn die Menschen von Bord kommen.
Damit hatten wir nicht gerechnet.

Die Szenerie ist gewaltig.

SIZILIEN-1-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-1-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Das Boot ist sicher 150 Meter lang und die laufenden Motoren bilden mit ihrem Lärm eine dröhnende Geräuschkulisse.
Vorne am Kai stehen bereits zwei Reisebusse mit Geflüchteten zur Abfahrt bereit.

SIZILIEN-2-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-2-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Auf der Mitte des Schiffes sitzen die Geretteten offenbar auf dem Boden des Decks und werden dann in Gruppen von ca. 20 Personen in einer Reihe aufgestellt.

SIZILIEN-3-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-3-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Noch auf dem Schiff erfolgten bereits eine ärztliche Untersuchung, die Registrierung und eine erste Verpflegung.

SIZILIEN-4-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-4-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Etwa jeder Zehnte kann das Schiff nicht alleine verlassen, sondern wird mit einer Trage von Bord und in einen Krankenwagen gebracht.
Die anderen durchlaufen nun einen routinierten Ablauf:
Zunächst verlassen sie einzeln das Schiff und werden fotografiert.
Als ein junger Mann an der Reihe war, riss er die Arme hoch, lief die Gangway herunter, kniete sich nieder und küsste den Boden. Soviel Hoffnung und Freude – und ich hoffe mit ihm, wie mit allen, die kommen, dass die Geschichte einen positiven Ausgang haben wird.
Im Anschluss gehen alle durch das blaue Zelt der Polizei zur abschließenden Registrierung und Zuordnung, wohin der Geflüchtete gebracht wird.

SIZILIEN-5-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-5-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Zwischen dem Polizeizelt und dem Zelt des Roten Kreuz warten drei Mitarbeiter vom United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), welche die meisten Sprachen der Ankommenden verstehen und als erste Ansprechpartner unter anderem in Sachen unbegleitete Minderjährige und Asyl zur Verfügung stehen.

SIZILIEN-6-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-6-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Im Rot-Kreuz Zelt bekommen die Menschen noch Verpflegungspakete, die von unermüdlichen Ehrenamtlern pausenlos gepackt werden.

Danach werden die Geflüchteten noch einmal nach Waffen durchsucht und dann geht es in den Bus.

Bei diesem Anblick begreife ich erst wirklich, welche gewaltige humanitäre und logistische Aufgabe Italien hier bewältigt. Gerade am Tag zuvor waren hier tausend Geflüchtete von Bord gegangen, und heute sind es wieder knapp fünfhundert.
Eines ist mir aber wichtig:
Auch wenn die Prozedur bei der Ankunft wie eine perfekte Maschinerie wirkt, ist jeder Beteiligte – egal ob Polizist oder Sanitäter – äußerst freundlich und hilfsbereit. Ich habe nur sanfte Gesten und nette Gesichter gesehen. Keine Hektik, kein Antreiben, keine Ungeduld.

SIZILIEN-7-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-7-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Eine junge Frau und ihr drei Monate altes Baby, die mit diesem Schiff angekommen sind, treffen wir dann im Erstaufnahmelager wieder.

SIZILIEN-8-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-8-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Die Einrichtung ist eine riesige Lagerhalle im Hafen, vollkommen fensterlos und nur mit Oberlichtern versehen.
Wegen der hohen Zahl an Geflohenen, die alleine am Vortag und heute eingetroffen sind, wurden im Raum neben den Etagenbetten auch noch Schlafgelegenheiten auf dem Boden eingerichtet.

SIZILIEN-9-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-9-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

Im Gegensatz zu der Einrichtung in Lampedusa dürfen wir uns frei bewegen und kommen so mit einigen Jungen ins Gespräch, die vor fünf Tagen angekommen sind. Auf einer Karte zeigen sie uns ihren Weg von Ghana über den Sudan nach Libyen und dann über das Mittelmeer. Sie waren vier Monate unterwegs.
Einer der Betreuer sagt uns später, dass viele in den ersten Tagen sehr euphorisch sind und dahinterliegende Traumata erst später ans Licht kommen.

SIZILIEN-10-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

SIZILIEN-10-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-ND

In einem kleineren Raum abseits sehe ich ein junges Paar. Die Augen sind stumpf und leer, sie wirken total erschöpft, fast gebrochen. Auf den Oberschenkeln des jungen Mannes sitzt sein ca. zweijähriger Sohn, der mit einer Stoffpuppe spielt und über das ganze Gesicht strahlt. Und plötzlich erkenne ich, warum diese beiden die ganzen Strapazen auf sich genommen haben.

Simone Brand ist PIRATEN-Abgeordnete im Landtag NRW, stellvertretende Vorsitzende und integrationspolitische Sprecherin der Piratenfraktion. Anfang Juni war sie mit einer Delegation auf Lampedusa. Die Mittelmeer-Insel zwischen Sizilien und Tunesien ist Ziel vieler Bootsflüchtline auf dem Weg nach Europa. Wir veröffentlichen Auszüge aus Simones Bericht.

Flattr this!


Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Weitere Beiträge: