#Pflegestreik – Der Wert der Pflege

Gute Leistung will bezahlt sein

Ein Gastbeitrag von Britta Stephan, Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für Intensivmedizin und Anästhesie

Nanunana249

Britta Stephan

In den sozialen Medien herrscht #Pflegestreik. Begonnen hat das Ganze mit dem Streik der Pflegenden an der Berliner Charité, wofür ich den Beteiligten gar nicht genug danken kann. Wer aber jetzt gedacht hat, dass sich die Pflegenden in ganz Deutschland anstecken lassen, hat sich zu früh gefreut. Der #Pflegestreik findet derzeit leider fast nur in den sozialen Medien statt. In den Einrichtungen selbst haben viele noch nicht einmal etwas davon mitbekommen, dass in Berlin überhaupt gestreikt wurde.

Und dabei geht es der Pflege in Deutschland wirklich schlecht. Schon seit Jahren wird ein Fachkräftemangel beklagt; der prophezeite Pflegenotstand ist längst eingetroffen. Pflegekräfte bemängeln die schlechten Arbeitsbedingungen, die geringe Wertschätzung, die Überlastung, das geringe Gehalt. Und trotzdem ist es noch immer nicht zur großen Aufbruchstimmung gekommen.

Um das zu verstehen, muss man die Mentalität der Pflege kennen. Die meisten Pflegenden haben eine soziale Einstellung. Deshalb haben sie ja auch diesen Beruf gelernt. Sie wollen den Menschen helfen. In die Köpfe ist noch nicht vorgedrungen, dass die Pflege sich genau deshalb für ihren Beruf einsetzen muss. Denn unter den derzeitigen Bedingungen leiden die Pflegebedürftigen genauso wie die Pflegenden selbst.

Eine Lobby hat die Pflege zur Zeit noch nicht. Es gibt verschiedene Bestrebungen, wie zum Beispiel die Pflegekammern, die in immer mehr Bundesländern entstehen. Aber diese Kammern können auch nur ein Baustein sein.

Ein anderer wäre die Politik. Ja, stimmt. Wo ist eigentlich die Politik? Es ist immerhin ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es geht darum, wie wir mit den Menschen umgehen, die kurzfristig oder dauerhaft nicht mehr in der Lage sind, sich selbständig zu versorgen.

Das Einzige, was man hört, ist, dass man sich der Problematik bewusst ist. Vorgeschlagene Reformen sind Augenwischerei, um der Öffentlichkeit vorzugaukeln, dass man ja der Pflege helfen würde.

Nehmen wir zum Beispiel das erste Pflegestärkungsgesetz.

Nett gedacht. Für pflegende Angehörige soll es etwas mehr Geld geben, und die Pflegestufen sollen von drei auf fünf erhöht werden. Demenzkranken soll zukünftig auch eine Pflegestufe zustehen. Das ist sicher alles gut und wichtig, vor allem für pflegende Angehörige, die in Deutschland auch immer noch den Großteil der Pflegebedürftigen versorgen.
Aber wie sieht es in den Heimen aus?
Hier wurden Gelder bereit gestellt für zusätzliche Betreuungskräfte. Klingt auch erst mal nett. Und es ist auch schön für die Bewohner, dass jetzt öfter mal jemand da ist, der ihnen aus der Zeitung vorliest, spazieren geht oder einfach mit ihnen redet. Aber ist es auch eine Entlastung für die Pflegekräfte? Leider nein. Denn pflegerische Aufgaben können und dürfen die Betreuungskräfte nicht übernehmen. Angefangen vom Essen anreichen, über Toilettengänge, Grundpflege, Lagerungen, Medikamente verabreichen etc.: All das bleibt weiterhin der Pflege überlassen mit der vorhandenen Besetzung, die immer noch viel zu knapp ist.

Frau Altpeter, ihres Zeichens SPD-Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren des Landes Baden-Württemberg, hatte eine andere Idee. Da in den Pflegeeinrichtungen Fachkräftemangel herrscht, sollen Sozialarbeiter, Ergotherapeuten, Logopäden die Pflege dort verstärkt unterstützen. Dafür kann dann aber auch die Fachkräftequote von mindestens 50 % auf 40 % herabgesenkt werden. Entschuldigung, Frau Altpeter, aber wie das bitte schön zu einer Entlastung der Pflegekräfte und zu einer besseren Versorgung der Bewohner führen soll, erschließt sich mir nicht.

Dann gibt es immer wieder Stimmen aus der Politik, Menschen aus anderen Ländern anzuwerben, aus Spanien, China, Portugal und zuletzt auch aus Griechenland. Auch nett gedacht, aber hier wird meiner Meinung nach der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Diese Pflegekräfte werden hier dann genauso verheizt wie alle anderen und wechseln früher oder später den Beruf oder werden krank.

Wie also das Ganze lösen? Als erstes stehen hier ganz klar die Pflegenden selbst in der Verantwortung. Wenn wir es mit uns machen lassen, dass wir verheizt werden, wird das nicht aufhören. Die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stecken ihr Geld dann weiterhin lieber in andere Projekte als in die Einstellung neuer Pflegekräfte.

Geld genug ist im System vorhanden. Es muss nur anders verteilt werden. Dann ist auch eine gesetzliche geregelte Mindestpersonalbesetzung drin. Und zwar eine, die auch ihren Namen verdient.

Wenn die Pflege endlich lernt, ihre Leistung selbst Wert zu schätzen, wird auch der Politik, den Einrichtungen und der Gesellschaft nichts anderes übrigbleiben, als das zu tun.

Und dann, ja dann werden sich auch die Arbeitsbedingungen und das Gehalt verbessern.

Dafür, liebe Pflegende, müssen wir nur endlich auch mal anfangen.

 

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Kommentare

6 Kommentare zu #Pflegestreik – Der Wert der Pflege

  1. onyx schrieb am

    „Aber wie sieht es in den Heimen aus?
    Hier wurden Gelder bereit gestellt für zusätzliche Betreuungskräfte. Klingt auch erst mal nett. Und es ist auch schön für die Bewohner, dass jetzt öfter mal jemand da ist, der ihnen aus der Zeitung vorliest, spazieren geht oder einfach mit ihnen redet. Aber ist es auch eine Entlastung für die Pflegekräfte?“

    In gewisser Weise schon. Denn wenn Demenzkranke beschäftigt und betreut werden, kommen weit weniger Unruhe- oder Angstzustände auf. Das macht sich durchaus bemerkbar. Diese Unruhezustände breiten sich, wenn sie einmal bei 1 oder 2 Leuten angefangen haben, binnen weniger Minuten wie ein Schneeballsystem über die ganze Station aus und erschweren den Alltag und die eigentlichen pflegerischen Aufgaben zusätzlich.
    Ich arbeite auf einer reinen Demenzstation und erlebe es tagtäglich, was es für Folgen hat, wenn die verwirrten Bewohner den ganzen Tag sich selbst überlassen sind, weil die Pflegekräfte mit der reinen Pflegearbeit mehr als ausgelastet sind.
    Aber du hast natürlich mit allem Recht, das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und kann über den eklatanten Fachkräftemangel nicht hinwegtäuschen.

  2. Sandra Leurs schrieb am

    Das schlimme ist, nun werden auch Betreuungskräfte in der Pflege missbraucht, sie absolvierenb Tiolettengänge, waschen und ziehen die Bewohner sogar morgens an, also auch Missbrauch. Die Heimbetreiber sparen so auch Geld am Pflegepersonal.
    Heimbetreiber egal welcher Coleur, sollten mal besser überprüft werden, in vielen Dingen. Erstens wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen, zweitens welche Berufszweige für die Pflege missbraucht werden.
    Und drittens wie sie sich immerwieder herauswinden, wenn man sie mit den Tatsachen konfrontiert. Verletzungen des Grundrechtes auf adäquate Pausen bzw. Ruhezeiten, zwischen den Diensten, ist nur ein Gebiet. Verankert im Arbeitsschutzrecht, dieses Gesetz gilt für Pflegekräfte nicht. Regelmässige Verletzungen des Arbeitsschutzrechtes sind an der Tagesordnung. Das muss auch geändert werden.
    Und Pflegekräfte müssen Ja zum “ Nein“ zu sagen.

  3. zarathustra schrieb am

    moin

    1. die frau hat ahnung.

    2. spricht sie etwas an, was übersehen wird.

    es mag ja schön sein, das fachkräfte einwandern, um hier vorhandene lücken zu schliessen.
    und in ihren herrkunftsländer?
    in rumänien bricht die medizinische versorgung zusammen, weil die da ausgebildeten ärzte, zb nach england auswandern.

    indem wir fachkräfte aus dem ausland abwerben, besorgen wir einen fachkräftemangel in den herkunftsländern!

    was pflege und kranken anbetrifft, so sollte beides unter einem dach organisiert werden.

    die pflege hat keine kompetenz bez vorsorge, die und die kohle haben die krankenkassen.
    aber wieso sollten die zahlen, wenn andere und nicht sie selbst, profitieren.

    ich hab mal angeboten, an piraten bücher zu verleihen.

    der beitrag von frau spephan sollte in den arbeitskreisen diskutiert werden.

    zara

  4. Gré Stocker-Boon schrieb am

    In den 60-ziger Jahren wurde diese Pflegezweig in der Schweiz aus der Not heraus sogenannt geboren.Es musste dazumal schon schnell „herein gewurstelt werden“ um auf eigene Füsse zu stehen.Anfänglich konnte Frau mit der Pflege noch vielerlei zusätzlich machen,was heutzutage die Ego-Physio-TheologenInnen-MusiktherapeutenInnen-Massage-Psychologie zugeschrieben werden. Alle diese schöne Sachen,die zum alltägliche Grundpflege so schön war und ein Gleichgewicht-Ausgleich schaffte.Auf einmal kam dies nicht mehr in Frage.Somit ist diese Pflege „geköpft“ worden sage ich mal.Und das ist nicht auf einmal wieder gut zu machen.Ich jedenfalls bin herausgetreten und habe anderes gemacht.Und überhaupt,die soziale Aufgaben sollten von der ganze Bevölkerung übernommen werden,wenn es konditionell geht natürlich.

  5. Gré Stocker-Boon schrieb am

    Als damalige Ausländerin durfte ich nur diesen Pflege-Zweig belegen.Zum überleben brauchte ich ein Diplom und Arbeit.Das erste halbe Jahr in der Pflegeschule wurde ich von der Schulleiterin „versteckt“,weil ich durfte von der Fremdenpolizei zuerst nicht anfangen.Nachher schon.Sie waren sehr froh das es Frauen gab die diese Arbeit verrichteten.Später sollten auch Männer zugelassen werden.Einzeln kamen damals und mussten sich zwischen alle Frauen bewähren die den „Pflegekurs“ besuchten.

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