Lampedusa – Verborgene Tragödien

Bild: Tobias M. Eckrich

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Simone Brand

Ein Gastbeitrag von Simone Brand, MDL stellvertretende Vorsitzende und integrationspolitische Sprecherin der Piratenfraktion, Nordrhein-Westfalen

Vom 8. – 12.Juni 2015 fand eine Delegationsreise unter dem Thema „Refugee Challenges at the Mediterannean Sea“ statt.
 
Teilnehmer waren Mitglieder der Evangelischen Kirche und Landtagsabgeordnete aller Fraktionen des Landtags von Nordrhein-Westfalen. Unsere Gruppe reiste nach Sizilien (Catania, Pozzallo, Scicli), Lampedusa und Rom. Eine zweite Gruppe besuchte Lesbos, Athen und Rom.
 
Was hatte ich bloß für Vorstellungen von Lampedusa? Würde das, was ich dort sehe, zu meinen Erwartungen passen?
 
Vor meinem inneren Auge sah ich die Szenen, welche die Medien Tag für Tag verbreiten. Schiffswracks, die an der Küste stranden, umzäunte Lager und allgegenwärtiges Militär. Es sollte ganz anders kommen.
 
Am zweiten Tag unserer Reise treffen wir nachmittags mit einer Postmaschine auf Lampedusa ein. Unbewusst sucht man das Meer nach Flüchtlingsbooten ab. Fast rechnet man mit Treibgut, welcher schrecklichen Art auch immer.
 
LAMPEDUSA-1-FOTO-SIMONE-BRAND-CC-BY-NC-NDVom Flughafen geht es in wenigen Minuten zum Hafen einer kleinen beschaulichen Stadt. Segelboote liegen im türkisen Wasser der malerischen Bucht. Von Flüchtlingen ist hier weit und breit nichts zu sehen.
 
Wie nah wir jedoch dem Ort unfassbarer Tragödien sind, erfahren wir recht bald.
Mit einem kleinen Boot fahren wir eine viertel Seemeile auf das Meer hinaus. Von dort aus ist der Hafen, der mir eben noch so malerisch erschien, greifbar nahe. Ein geübter Schwimmer kann die Strecke gut zurücklegen.
 
Ein Boot der Küstenwache begleitet uns und hält genau an der Stelle, an der am 3.Oktober 2013 ein Boot mit 545 Flüchtlingen sank.
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390 Menschen starben, nur 155 konnten gerettet werden.
 
Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, die uns begleitet, hält am Ort des Unglücks eine bewegende Ansprache und erzählt uns von den Schicksalsstunden.
 
Die Schreie der gekenterten Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea waren zunächst für Schreie von Möwen gehalten worden. Es waren sehr viele Kinder auf dem Boot, eine Frau ertrank während der Geburt mit herabgelassenen Hosen und dem halb geborenen Kind.
An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich über die genauen Ereignisse des Morgens vom 3. Oktober 2013 (wer war als erster vor Ort, wann ist die Küstenwache alarmiert worden und wann traf sie ein, welche Rolle spielte ein Zollschiff) in zwei Tagen drei verschiedene Versionen gehört habe.
 
Ein Aktivist auf der Insel, der Chef der Küstenwache und auch die Bürgermeisterin berichteten von anderen Abläufen.
 
Die Wahrheit wird sich wohl wie immer irgendwo in der Mitte der Aussagen finden.
Bürgermeisterin Nicolini sagt, wenn diese Katastrophe auch nur etwas Positives gehabt hat, dann, dass so etwas wohl in unmittelbarer Nähe der rettenden Insel nicht mehr vorkommen kann. Mare Nostrum wurde gestartet, die Küstenwache verstärkt, und seit etlichen Monaten kommt hier kein Flüchtlingsboot mehr an. Die Boote, die sich auf den Weg nach Italien machen, werden alle im Radius von 20-30 Seemeilen vor der libyschen Küste geortet und die Menschen auf großen Schiffen nach Sizilien und Lampedusa gebracht.
 
Also sind die Geflohenen auf der Insel. Aber wo?
 
Weder am Hafen noch im Ort sind sie zu sehen. Um zu dem Erstaufnahmelager der Insel zu gelangen, fahren wir einige Minuten aus dem Ort heraus und parken mitten im Nirgendwo.
 
Zu Fuß geht es die letzten Meter zum Lager, und erst wenn man unmittelbar davorsteht, kann man es als solches ausmachen.
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Im Lager herrscht absolutes Fotografierverbot, was ich natürlich befolge.
Im Vorfeld mussten alle Mitglieder der Delegation namentlich gemeldet werden und kommen auch erst nach einer Ausweiskontrolle durch Soldaten herein.
 
Danach gehen wir an einem halben Dutzend Gendarmen mit ihren grauen Geländewagen vorbei und kommen zu den ersten zweistöckigen Gebäuden; der Registratur mit Krankenstation und der Unterbringung für unbegleitete Minderjährige und alleinstehende Frauen. Alles wirkt ordentlich und sauber, und es ist bedrückend ruhig. Gespräche werden nur gedämpft geführt, und auch eine große Gruppe Kinder, die zusammen sitzen, macht kaum ein Geräusch.
 
Dahinter erreichen wir ein meterhohes Metallgitter. Man erklärt uns, dass das Gitter dazu dient, vor allem nachts die Frauen und Kinder vor den allein reisenden Männern zu schützen. Aber der Eindruck eines riesigen Gefangenenlagers lässt mich nicht los. 
 
Während die Leiterin des Lagers uns die Abläufe und Zahlen erläutert, kommen nach und nach immer mehr der Männer (fast alle aus Somalia und Eritrea) an den Zaun heran, halten sich an den Metallstäben fest und beobachten uns. Es sind Dutzende, ein Meer aus Augen voller Hoffnung aber auch viele mit dem traumatisierten Blick, der das Grauen gesehen hat. Es gibt kein Rufen oder Lärm. Auch hier herrscht diese bleischwere Stille.
 
Und wieder unterschiedliche Aussagen: Während die Leiterin des Lagers uns versicherte, dass die Flüchtlinge in diesem Lager maximal zwei Tage bleiben, um dann auf andere Orte in Italien verteilt zu werden, bekommen wir auf Nachfrage bei zwei betroffenen Männern, wie lange sie denn schon da wären, zur Antwort: Seit sieben Tagen und seit dem 5.Mai 2015.
 
Am Abend führe ich ein langes Gespräch mit dem Kommandanten der Küstenwache der Insel. Der Kommandant ist ein fürsorglich wirkender Mann, dem das Schicksal der Geflohenen sehr nahe geht. Er erzählt von seinem Alltag und vor allem von den Erlebnissen seiner durchweg jungen Mannschaften, die täglich auf das Meer hinausfahren.
 
Was macht das mit den jungen Leuten, wenn sie Leichen bergen und einen Ertrinkenden nicht retten können, weil sie einen anderen retten mussten? Der Kommandant hat seinen Leuten hierzu strikte Befehle gegeben, um sie vor sich selbst zu schützen:
 
Immer den retten, der am Nächsten ist. Nicht abwägen, nicht denken, immer der Nächste und dann der Nächste und so fort. Wenn sie im Einsatz entscheiden müssten, wen sie retten und vor allen Dingen wen sie nicht retten können, wären sie nicht länger dazu in der Lage, diesen belastenden Dienst zu leisten.
 
Die Tür des Kommandanten ist für seine Leute immer offen. Und nicht wenige von ihnen suchen das Gespräch, um mit dem Erlebten fertig zu werden.
 
Am nächsten Tag besuchen wir im Hafen das private Museum für Migration Porto M.
 
Der Anblick der vielen kleinen und großen Schuhe, der Milchflaschen, Schwimmwesten und Bibeln ist schwer zu ertragen. Es ist Treibgut, und jeder einzelne Gegenstand erzählt eine eigene Geschichte und steht für eine menschliche Tragödie.
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Draußen im türkisblauen Wasser des Hafens liegt gerade eine Fähre. Auf der anderen Seite des Hafens befindet sich ein kleiner Sandstrand. Urlauber sonnen sich, nehmen ein Bad, genießen eine heile Welt.
 
Vom Erstaufnahmelager werden die Flüchtlinge in großen Bussen zu dieser Fähre gebracht. 
 
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Die Fenster der Busse sind verdunkelt, und die Insassen kann man nur erahnen. Die Touristen am Strand bekommen davon allerdings nichts mit. 
 
Ich kann verstehen, dass die Bevölkerung auf Lampedusa sich nach Normalität sehnt und schon genug darunter leidet, dass der Name ihrer Insel inzwischen auf der ganzen Welt als Synonym für Flüchtlingskatastrophen gilt.
 
Jahrhundertelang stand Lampedusa für etwas ganz anderes:
Auf der Insel befinden sich zahlreiche Höhlen, in denen Seeleute Vorräte unterbrachten oder sich nehmen konnten, was sie brauchten. Die Insel war ein Ort der Begegnung und der gegenseitigen Hilfe über alle Landesgrenzen hinweg.

 

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Kommentare

Ein Kommentar zu Lampedusa – Verborgene Tragödien

  1. Otla schrieb am

    In diesem Zusammenhang empfehle ich dringend, sich diesen Fotoessay aus Libyen anzuschauen:

    https://fr.news.yahoo.com/photos/diaporama-test-slideshow/oct-2-2014-photo-love-letter-found-along-photo-120932530.html;_ylt=AphAGFiAwoG.Dz2si_OvrIADfsl_;_ylu=X3oDMTNrOWlhY3VsBHBrZwMzNWFkZGZiYi02Yjc2LTM4N2ItODhkOC1jZjgzMDBlZjkyZjkEc2VjA01lZGlhQ2Fyb3VzZWxQaG90b0dhbGxlcnlDQVhIUgR2ZXIDOGYyNjIxMzAtMjU2YS0xMWU1LTg2NzctNzNhZmU5NDMzZWY4;_ylg=X3oDMTBhN3R1NmhqBGxhbmcDZnItRlI-;_ylv=3

    Bitte nicht irritieren lassen. Das ist ein künstlerisch gestalteter Fotoessay und keine Diaschau.
    Ich verspreche, man ist danach um einen wichtigen Eindruck reicher.

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