Die Abstimmungssoftware LiquidFeedback in der Piratenpartei: wegweisend für Demokratie 2.0? [Update]

Landesparteitag Piratenpartei Sachsen, Olbernhau | Bild: CC-BY-SA Thomas Grafe

Ein Gastbeitrag von Christoph Kling* und Jérôme Kunegis**.

Christoph Kling auf der ICWSM-15, Oxford.

Christoph Kling auf der ICWSM-15, Oxford.

Die Kritik am britischen Wahlrecht nach den Unterhauswahlen und die vergangene Bundestagswahl, bei der über 15% der Stimmen aufgrund der Fünf-Prozent-Hürde nicht berücksichtigt wurden, zeigen: Die Regeln demokratischer Wahlsysteme müssen hinterfragt werden.

Die Piratenpartei hat sich zum Ziel gesetzt,

»die Anpassung der gelebten Demokratie in der Bundesrepublik an die neuen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu begleiten und zu gestalten«,

um die Teilnahme der Bürger an wichtigen Entscheidungen zu ermöglichen.

Dafür steht auch LiquidFeedback, die intern verwendete Abstimmungssoftware der deutschen Piratenpartei. Eine halbe Million Stimmen und tausende von Anträgen – LiquidFeedback ist bereits seit 2010 im Einsatz und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Mit Hilfe der Software LiquidFeedback können Mitglieder über parteiinterne Vorschläge abstimmen – oder ihre Stimme an andere Mitglieder delegieren. So können weniger aktive Mitglieder weiterhin Einfluss auf Abstimmungsergebnisse ausüben oder Experten ein höheres Stimmgewicht geben. Im Unterschied zur repräsentativen Demokratie können Delegationen jederzeit zurückgenommen werden – die Wähler erhalten volle Kontrolle über ihre Delegierten, ohne auf Neuwahlen warten zu müssen. Diese neuartige Form von Demokratie nennt sich Liquid Democracy.

Untersuchung des LiquidFeedback-System

Wissenschaftler der Universität Koblenz-Landau und des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften (GESIS) in Köln haben nun das LiquidFeedback-System der deutschen Piratenpartei – die weltweit größte Liquid Democracy-Plattform nach abgegebenen Stimmen – untersucht. Im Rahmen der durchgeführten Studie konnten gleich mehrere Mythen über LiquidFeedback widerlegt werden.

Ein Flügelkampf in der Partei lässt sich in LiquidFeedback nicht beobachten. Piraten stimmen in Abstimmungen meistens überein: Abstimmungsergebnisse für Anträge von 80% Zustimmung und mehr sind die Regel. Berechnungen deuten zudem auf eine homogene Meinung der Mitglieder bei Abstimmungen hin.

Wer delegiert seine Stimme an wen? Grafische Darstellung des Delegierten-Netzwerks aus dem Forschungspapier.

Wer delegiert seine Stimme an wen? Grafische Darstellung des Delegierten-Netzwerks aus dem Forschungspapier.

Obwohl viele Stimmen delegiert werden und einzelne Mitglieder über die Zeit ein beträchtliches Stimmgewicht erhalten, bleibt das System demokratisch – die Macht der Delegierten ist in der Praxis beschränkt. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Die Einigkeit der Parteimitglieder bei Abstimmungen verringert die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Mitglieder mit ihren Stimmen das Abstimmungsergebnis beeinflussen. Gleichzeitig stimmen Delegierte mit zunehmendem Stimmgewicht öfter mit der Mehrheit der restlichen Mitglieder überein. Zudem ist bei Delegierten mit hohem Stimmgewicht die Zustimmungsrate mit über 90% deutlich höher als bei anderen Mitgliedern. Dies könnte an der Transparenz des Abstimmverhaltens der Delegierten liegen.

Überraschenderweise lehnen erfahrene Mitglieder im System neue Vorschläge deutlich häufiger ab als neue Mitglieder. Während bei der ersten Abstimmung noch zu über 80% mit ja gestimmt wird, sinkt diese Rate mit jeder Abstimmung kontinuierlich bis auf unter 50% nach hunderten Abstimmungen. Hier wirken sich Delegierte stabilisierend aus: Durch ihre hohe Zustimmungsrate gepaart mit einem hohen Stimmgewicht sorgen sie dafür, dass die Zustimmungsrate insgesamt über die Zeit bei über 70% bleibt. Dadurch wird ein Stillstand im demokratischen Prozess verhindert.

Hat Liquid Democracy das Potential, eine demokratischere Alternative zu traditionallen Wahlverfahren zu sein? Die Abstimmungsregeln hinter Liquid Democracy scheinen jedenfalls in der Praxis zu funktionieren. Es bleibt zu hoffen, dass das Pionierprojekt der deutschen Piratenpartei die weltweiten Bewegungen für mehr Demokratie fördert. Die komplexen Probleme der Zukunft können nur mit neuen Formen der Beteiligung gelöst werden.


Das Forschungspapier ist frei verfügbar, ist in den Proceedings zur International Conference for Web and Social Media (ICWSM) in Oxford erschienen und gewann auf der Konferenz eine lobende Erwähnung.

*) Christoph Kling ist Diplom-Informatiker an der Universität in Koblenz.
**) Dr. Jérôme Kunegis ist Wissenschaftler am »Institute for Web Science and Technologies« an der Universität in Koblenz.

Update:
Direkt auf diesen Artikel antwortet der Beitrag «Die Mutter aller Flügelkämpfe – der Kampf um die Macht in der Demokratie 2.0» von StreetDogg. – Red.

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Hinweis: Dies ist ein Gastbeitrag und stellt nicht notwendigerweise die Meinung der Piratenpartei Deutschlands dar.

Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

32 Kommentare zu Die Abstimmungssoftware LiquidFeedback in der Piratenpartei: wegweisend für Demokratie 2.0? [Update]

  1. Björn schrieb am

    Das ist doch das System, dass der Bundesvorstand gerade hat abschalten lassen und zu dem es weder eine Offline- noch eine Online-Alternative gibt.

  2. Marsupilami schrieb am

    Der Artikel zeigt schön die Probleme von Liquid Feedback auf:

    – „Hier wirken sich Delegierte stabilisierend aus: Durch ihre hohe Zustimmungsrate gepaart mit einem hohen Stimmgewicht sorgen sie dafür, dass die Zustimmungsrate insgesamt über die Zeit bei über 70% bleibt“
    – „Zudem ist bei Delegierten mit hohem Stimmgewicht die Zustimmungsrate mit über 90% deutlich höher als bei anderen Mitgliedern.“

    Sprich: Ein paar Abstimmende mit hohem Stimmgewicht geben die Richtung vor

    – „Dies könnte an der Transparenz des Abstimmverhaltens der Delegierten liegen.“

    Sprich: Die Klarnamen sorgen für angepasstes Verhalten.

    Fazit: Weg damit.

    • So'n Typ schrieb am

      Was auch gar nicht thematisiert wird ist, dass diejenigen, die Liquid-Feedback wegen seiner gravierenden Probleme ablehnen, es natürlich nicht benutzen – und die anderen haben wohl eine homogene Meinung.
      „Observation Bias“ ist der Fachterminus dafür.

    • Christoph Kling schrieb am

      Hei,

      die Analyse von Streetdogg ist völlig richtig – und nur ein Blinder könnte übersehen, daß das Bundes-LQFB nicht funktioniert hat – siehe Aktivitätskurve. Demokratie ohne Beteiligung verliert ihre Legitimation. Auch die Probleme von nicht-geheimen Wahlen sind offensichtlich.

      Wir haben gezielt Teilaspekte des Systems untersucht – insbesondere die Machtverteilung der Delegierten und die Auswirkung der Macht.
      Das Bundes-LQFB hilft jedenfalls ganz erheblich beim Verständnis von Online-Deomkratien. Z.B. die Erkenntnis, daß man für Liquid Democracy neue Maße für Macht braucht.

      Grüße
      Christoph

      • SD schrieb am

        Die Machtverteilung der Delegierten und die Auswirkung der Macht hatten doch selbst erheblich, vielleicht sogar entscheidend, zum Rückgang der Aktivität beigetragen. Was ihr optimistisch als stabilisierende Wirkung bezeichnet, empfanden die Betroffenen häufig dann doch eher als undemokratisches Niederstimmen. Dieser Punkt dürfte nicht ganz unwesentlich sein… Und völlig richtig, Demokratie ohne Beteiligung verliert ihre Legitimation. Wenn ein System aber derart zu seiner eigenen Legitimitätskrise beiträgt, ist es leider broken by design.

  3. Timecodex schrieb am

    Das ist das System, für das der Bundesvorstand einen neuen Beauftragten sucht. Leider bist Du, lieber Björn, hier nicht auf dem aktuellen Stand.

  4. cmrcx schrieb am

    Es ist schon erschreckend, was hier als Wissenschaft präsentiert wird! Um wissenschaftlichen Kriterien zu genügen, reicht es nicht, Daten statistisch auszuwerten und irgendetwas hineinzuinterpretieren. Man muss schon auch die Umstände kennen und berücksichtigen, unter denen die Daten zu Stande gekommen sind. Bei der Interpretation der Ergebnisse wäre ein minimales Demokratieverständnis nötig gewesen.

  5. Gandalf schrieb am

    Für Techniker ein interessanter Artikel. Für politisch interessierte Menschen scheinen mir die Erkenntnisse von Sozialwissenschaftlerinnen wichtiger. Die Informatiker, die diesen Artikel geschrieben haben, wissen über die Piraten nichts. Laut Literaturverzeichnis ist ihre einzige Quelle zur Partei die Masterarbeit eines Parteimitglieds…

  6. Tensor schrieb am

    Interessant ist der Artikel allemal. Aber solange der Schwarm durch Superbienen beherrscht werden kann, wird Schwarmintelligenz nicht funktionieren. D.h. ich fürchte, wir brauchen ein paar neue Regeln, die nicht nur von Informatikern sondern auch von Sozialwissenschaftlern kommen müssen.
    Als Informatiker fällt mir spontan ein, Delegationen mit einer Verfallszeit zu versehen. Sorry – ich bin neu hier, wenn ich mir den einen Link anschaue, scheint es so was ja schon zu geben. Aber cool wäre es, wenn die hinterherfliegende Biene selbst die Verfallszeiten aller ihrer Masterbienen einzeln und variabel bestimmen könnte. Oder is das auch schon ‚drin?
    Ich frag‘ ja nur.

  7. Murgpirat schrieb am

    Solange es keine halbwegs sichere Lösung gibt, den Zugang zu einem solchen System auf tagesaktuell Stimmberechtigte zu beschränken und trotzdem eine geheime Abstimmung zu ermöglichen, solange ist LQFB unbrauchbar. Und zugangsbeschränkt, aber geheim schließt sich in der Regel aus. Zumindest die Admins werden wohl immer einen Systemnutzer identifizieren können.
    Andererseits ist LQFB auch nur ein Meinungsfindungstool. Bei Programmabstimmungen auf Parteitagen wird in der Regel auch offen abgestimmt. Also kann das Argument der „Gesinnungskontrolle“ wohl vernachlässigt werden, wenn nach der Abstimmung lediglich das Endergebnis dokumentiert wird, nicht aber die Stimmabgabe der Einzelteilnehmer.
    Als Mittel, in welche Richtung die Partei tickt, könnte es somit also doch ganz brauchbar sein.

    Wenn dann allerdings Abstimmungen mit 800 Stimmen stattfinden, die dank Delegationen von lediglich 30 Einzel-Teilnehmern stammen, dann kann wohl kaum mehr von einem Meinungsbild der Gesamtpartei geredet werden, sondern von Übermacht der Superdelegierten. Zudem übersteigt die schiere Anzahl der eingereichten Anträge die zeitliche Kapazität vieler Mitglieder. Während bei Parteitagsbesuchern von „Geldelite“ gesprochen wird, gewinnt bei LQFB somit eher die „Zeitelite“.

    Sowohl Delegationen, als auch die Anzahl der abzustimmenden Anträge können aber auf ein sinnvolles Maß reduziert werden. Damit wäre LQFB oder ein vergleichbares Tool tatsächlich nutzbar. Bleibt also nur noch das Problem der offenen und dokumentierten Abstimmung. Hier sind somit die IT-Fachleute gefragt.

    • Tensor schrieb am

      „Und zugangsbeschränkt, aber geheim schließt sich in der Regel aus. Zumindest die Admins werden wohl immer einen Systemnutzer identifizieren können.“

      Genau DAS ist die Krux an der Sache. Am Ende muss man den Admins vertrauen. Tut man das nicht –> forget LQFB, SMV, BEO…forever.
      Ich fänd’s schade, weil in diesen Ideen durchaus ’ne Menge Potential liegt, wenn man sie richtig umsetzt. Und schon sind wir wieder bei der Frage: Was ist hier richtig? Wenn wir also den Admins irgendwie doch vertrauen wollen, brauchen wir neue Lösungsansätze.

  8. Rudi schrieb am

    Funfact: Bei ca 25% aller Abstimmungen ist das Ergebnis so knapp bzw. das Gewicht der Delegierten so hoch, daß die Entscheidung eines einzelnen Delegierten das Ergebnis erklärt bzw. hätte kippen können.

    Im Schnitt gibt es bei diesen kippbaren Abstimmungen drei Delegierte deren Entscheidung entscheident für das Ergebnis ist.

    In 75% aller Fälle reicht das Gewicht einzelner nicht aus.

    http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:R%C3%BCdiger/LQFB#Haben_tats.C3.A4chlich_zuwenige_zu_gro.C3.9Fen_Einfluss_auf_das_Abstimmungsergebnis_.3F.21

    • Christoph Kling schrieb am

      Ja, auch interessant: ca. 85% aller Abstimmungsergebnisse wären identisch, würde man die Delegationen ignorieren und nur direkte Stimmen zählen. Ich denke, es ist eine spannende Aufgabe, die Machtstrukturen in einer delegativen Demokratie in Zahlen zu fassen.
      Solange die Supervoter mit der Mehrheit stimmen ist ja noch alles in Ordnung.

      • Das Entscheidende passiert ja lange vor der Abstimmung: Vorschläge ohne Unterstützung von Superdelegierten schaffen es im Regelfall nicht, die formale erste (Wahrnehmungs-)Hürde zu nehmen und kommen damit gar nicht erst zur Abstimmung.
        (Was sich auf die Beteiligung von Leuten und damit auf die Hetero-/Homogenität der noch aktiven Gruppe auswirkt.)
        Ich hatte schon mit einem (mittlerweile längst inaktiven) Superdelegierten Kontakt, der überhaupt nicht froh war über diese seine Nadelöhr-Funktion.
        (Man konnte sich ja noch nicht einmal wehren gegen Delegationen, nach dem Motto „denkt mal lieber selbst…“).

        Das Ding ist wirklich, wie weiter oben schon angemerkt wurde, ‚broken by design‘. Pseudodemokratie vom Feinsten.

        • Bernd schrieb am

          Der Superdelegierte ist genau so in der Zwickmühle wie der Delegierende. Er kann sich dem Konformitätsdruck noch nicht mal durch Inaktivität entziehen, denn selbst das wäre eine Entscheidung, die man kritisieren könnte. Er kann auch sein Stimmverhalten nicht splitten, also z.B. für die Delegationsgeber bei denen er eine Ablehnung des Antrags als gewollt voraussetzt (z.B. delegierende Pazifisten bei einer Abstimmung zu Krieg oder Frieden) mit „Nein“ und für die übrigen, seiner eigenen inneren Überzeugung folgend, mit „Ja“ abstimmen.

          Bei Superdelegationen, bei denen er seine eigentlichen Stimmrechtsgeber nicht kennt und die ihn auch nicht, ist das alles ein Ding der Unmöglichkeit und läuft auf rein abstrakte Machtanhäufung hinaus, die zudem unter dem Damoklesschwert der jederzeitigen Widerruflichkeit steht.

          Ein Superdelegierter der nicht „guttut“, also dem Konformitätsdruck nicht Folge leistet, verliert schnell wieder Macht.
          Das führt zu einem nicht mehr von Sachfragen, sondern von Machterhaltungsinteresse geleitetes Stimmverhalten, Sachverhalt über den abgestimmt wird und das Stimmverhalten entkoppeln sich zunehmend voneinander.

          Das alles kann man weniger mathematisch-statistisch sondern eher qualitativ erfassen.

          Mogelt man sich um diese Analyse herum, findet eine „Abstimmung mit den Füßen“ statt.

          Zum einen werden die Ergebnisse der Abstimmungen immer weniger ernst genommen.

          Zum anderen sackt die Teilnehmerzahl immer mehr in sich zusammen, denn sowohl Einzelabstimmende als auch Delegationsnehmer ermüden an der Tatsache, dass immer weniger teilnehme die Sache im System LQFB zunehmend weitgehend unter sich ausmachen.

          Das System stirbt an mangelnder Relevanz und einem Mangel an aktiven Teilnehmern.

          Tatsächlich hat es das System auch zu seinen Hochzeiten nie geschafft, auch nur annähernd an die ebenfalls dünne Beteiligung auf Parteitagen heranzukommen.

          Bei LQFB ist zudem das Wahlcomputer-Dilemma nie auch nur punktuell einer Lösung zugeführt worden, einige sagen „weil es nicht geht“, andere kritisieren, man habe es ja noch nicht mal versucht.

          Und für Meinungsbilder reichen auch weit weniger komplexe und aufwändige Systeme wie z.B. eine Umfragesoftware, die es jedem Parteimitglied erlaubt einmalig teilzunehmen.

          Wenn man es dann noch schafft, Meinungsbilder weder auszuzählen noch sonderlich ernst zu nehmen, sondern daraus allenfalls Tendenzen zu identifizieren unter genauer Beachtung der Fragestellung, gibt man ihnen wieder die Relevanz, die sie tatsächlich haben, und erreicht so akzeptable Teilnehmerquoten von mindestens 10% der Aktiven, unterhalb derer jegliche Aussagekraft fehlt.

    • SD schrieb am

      Das gibt’s auch als ausführliche Tabelle: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:SD/Delegationen_in_LQFB/Topdelegierte#VERALTET_-_Anzahl_Topdelegierter.2C_die_das_Ergebnis_h.C3.A4tten_drehen_k.C3.B6nnen
      Da sieht man dann z.B. schön, dass es zwar auch knappe Ergebnisse gibt, die naturgemäß von Einzelpersonen mit ein paar Delegation hätten gekippt werden können, die meisten aber gar nicht knapp waren.

      Ein bisschen nach oben gescrollt sieht man, wieviele Personen sich hätten zusammen tun müssen, um im Zweifel auch gegen den Willen _aller anderen_ das Ergebnis bestimmen zu können. Vereinfacht gesagt läuft das auf’s Verhältnis der größten Delegationsblöcke zur Gesamtzahl der Abstimmenden hinaus. Da sind öfters mal einzelne Personen dabei, die das Ergebnis ganz alleine bestimmen konnten. Besonders Ablehnungen bei Anträgen, die eine 2/3-Mehrheit brauchen, geht ja recht schnell. Es reichen ja 1/3 der Gesamtstimmen als Delegationen für ein faktisches Veto-Recht. Das kam sehr häufig vor.

  9. Sebastian schrieb am

    Erstmal vielen Dank für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema. Es handelt sich offensichtlich um einen mathematischen Ansatz und nicht einen qualitativ-soziologischen.

    Wie der Abschnitt „Contributions“ schon darlegt, gibt es einmal ein empirisches Ergebnis, nämlich die Form und Entwicklung der Machtstruktur, und ein methodologisches, nämlich eine neue Klasse von Metriken, um Macht quantifizierbar zu machen. Zu Datenschutz, Wahlcomputern, Gesinnungsdatenbanken und ähnlichem wird keine Aussage gemacht, das fällt halt außerhalb der hier vorliegenden Fragestellung. Man kann natürlich argumentieren, dass Mathematik bzw mathematische Modelle hier die falsche Herangehensweise sind, aber gerade in einer Partei, die sich sehr stark an den Ingenieurswissenschaften orientiert wäre ein Dringen auf eine qualitativ-soziologische Betrachtung hier seltsam.

    Ich freue mich sehr, dass es hier eine Untersuchung über die Verteilung der Delegationen gibt, die in der Tat einem Power Law zu gehorchen scheint. Das bestätigt eine lang gehegte Vermutung von mir (und ja, ich war immer zu faul, dass selber auszurechnen)

    Dass Delegationsempfänger aktiver sind als der Durchschnitt, ist ebenfalls ein interessante empirische Bestätigung einer auf der Hand liegenden Hypothese.

    Weiterhin ist interessant, dass Zustimmung und Ablehnung nicht gleichverteilt sind, sondern dass Zustimmung überwiegt. Dies ist eine relevante Information für Menschen, die strategisch an Anträge herangehen (und für Menschen, die das erkennen und aufdecken wollen).

    Sehr interessant ist, dass die Zustimmung zu Inis bei den „alten Hasen“ sinkt. Es steht zu vermuten, dass die eingehende Beschäftigung mit Antragstexten dazu führt, dass Anträge i.a. kritischer gelesen werden und daher auch abgelehnt werden. Falls jemand bessere Erklärungen für dieses Phänomen hat, können diese ja in den Kommentaren dargelegt werden.

    Auch interessant ist, dass Superdelegierte häufiger positiv abstimmen als der Durchschnitt, da sie wohl Angst um ihre Delegationen haben. (Auch wenn in der Modellierung am Schluss die Annahme nicht mehr zielführend ist)

    Kritiker des Systems wird die Erkenntnis interessieren, dass Delegationsgeber wohl recht schlecht bei der Einschätzung der allgemeinen politischen Ähnlichkeit zu den Delegationsempfängern sind (0,61 statt 0,51), oder dass ihnen das nicht so wichtig ist.

    Auch dass die Delegationen mit der Zeit zunehmen ist erstens theoretisch zu erwarten und entspricht ja auch der eigenen Wahrnehmung vieler Piraten. Jetzt habt ihrs empirisch nachgewiesen gekriegt.

    Die Aussage, dass 15% aller Abstimmungen von Superdelegierten gedreht werden, ist auch eine Erkenntnis, die die Diskussion in Zukunft beleben wird. Sind 15% jetzt viel oder wenig?

    Eine methodische Schwäche scheint mir die Vernachlässigung der Tatsache zu sein, dass die Delegierten vorher nicht wissen, mit wieviel Stimmen sie abstimmen. Wenn die Delegationskette(n) nahe bei ihnen unterbrochen werden, sind halt von 46 Stimmen nur noch 4 übrig. Dies sollte ins Modell mit einfließen. Die ganzen Machtindizes sind also nur post hoc bekannt, und die Abstimmenden können diese nur spekulativ in ihre Entscheidung einfließen lassen.

    Auch werden alle Inis als unabhängig angesehen. Man sollte aber noch überprüfen, ob zB Alternativinis zu einer Reduzierung des positiven Biases führen. Aufgrund von Schulze sollte das nicht passieren. Falls es doch passiert, wäre ein Argument für Schulze (kein taktisches Wählen) geschwächt.

    Ein weitere methodologischer Schwachpunkt, wo ich aber noch nicht genau den Finger drauf legen kann, ist, dass Delegierte nicht abstimmen müssen sondern ggf weiterdelegieren können. Das könnte erklären, warum mit steigender Anzahl von Delegationen die Zustimmung wieder zunimmt: Menschen, die die Abstimmung nicht so wichtig finden, lassen die Delegation weiterlaufen. Bei sehr langen Ketten läuft die Reihe bis zu jemandem, der sich für das Thema interessiert, und sich der Abstimmung annimmt (diese entweder verbessert oder eine qualifizierte Alternativini einstellt). Die mathematische Folge ist, dass diese Menschen am Ende von Delegationsketten häufiger zustimmen als der Rest und natürlich auch viele Delegationen haben.

    Daher möchte ich als weitere Variable ich die lineare Länge der längsten Kette (und nicht die Mächtigkeit des gesamten Netzwerks/Baums aus allen Ketten) vorschlagen. Aufgrund der im vorhergehenden Absatz dargelegten Überlegungen, würde ich vermuten, dass eine Korrelation besteht zwischen Länge der Kette und Zustimmung.

    • Bernd schrieb am

      Dass Zustimmung zu Anträgen überwiegen ist u.a. zu erklären durch die Eingangskontrolle. Wer nicht bereist in der Startphase genügend Unterstützer findet kommt gar nicht erst rein.
      Dass Unterstützer einen Antrag erst möglich machen um ihn dann mit Schwung abzuschießen ist nicht wahrscheinlich.
      Die als Trollfilter verniedlichte erste Hürde (Zulassungsquorum) wird insbesondere bei rückläufigem Interesse am System, also vielen passiven Nutzern zunehmend bedeutsamer´, so dass der Effekt, dass nur noch „genehme“ Anträge überhaupt zu Abstimmung kommen mit rückläufigem Gesamtinteresse negativ korrelieren, also ansteigen. Das beschleunigt den Tod des Systems LQFB in später Phase einer zunehmend sterbenden Partei zusätzlich.
      Überspitzt ausgedrückt: an einem System in dem nur noch Jubelperser-Anträge durchkommen ist bedeutungslos und geht deshalb unter.

      Dass Superdelegierte häufiger positiv abstimmen als der Durchschnitt liegt am von mir oben beschriebenen Konformitätsdruck, und beschleunigt den Tod des Systems durch steigende Bedeutungslosigkeit und zusammenbrechende Teilnahmequoten.

      Diese Effekte sind, wenn man das System gut durchdenkt, so vorhersehbar, so folgelogisch, dass nur eher naive Naturen an einen großen Erfolg dieses Systems durch mehr verbindlichkeit bauen.

      Als SMV fortgeführt sind Aufstieg und Fall derselben sogar noch dynamischer und damit schneller zu erwarten. Denn die Verbindlichkeit treibt sowohl mehr User in der Startphase an den Start (um die Macht im System nicht anderen zu überlassen), entsprechend schneller wachsen die Delegationscluster und die Delegationskettenstrukturen, und entsprechend schneller kommen nur noch die ‚genehmen‘ Anträge durch, was die unterlegenen Einzelteilnehmer oder kleineren Delegationsnehmer zunehmend frustriert, sie steigen langsam aus, erhöhen damit noch durch so wachsende Zulassungshürden für Anträge und die benannten Effekte verstärken sich gegenseitig – das System stirbt langsam einen Beteiligungstod.

      Wir können das bei allen Landesverbänden beobachten die SMV’s mit einem LQFB-System eingeführt haben.
      Die Piratenpartei als idealerweise ein lernendes System zeigt sich dabei als hardcore lernresistent, man will es einfach nicht wahrhaben, dass man hier, zudem noch in einem Bereich in dem die Partei sich selbst Kernkompetenz zuschreibt, auf so ein grundlegend ungeeignetes System/Prinzip gesetzt hat.

      Wäre LQFB und die zu Grunde liegenden Prinzipien übrigens erfolgsträchtig, dann würden es doch längst NGO’s, Vereine, Interessengruppen, Initiativen, andere Parteien oder Gruppen erfolgreich anwenden. Das geschieht aber nicht, nirgendwo, weltweit.
      Selbst im Landkreis Friesland, in dem man auf kommunaler Ebene versucht hat, Bürger über „Liquid Friesland“ zu beteiligen, war es keine Erfolgsgeschichte.
      Und das hat die gleichen systematische Gründe.

      • Sebastian schrieb am

        nur genehme Anträge kommen zur Abstimmung

        dies setzt voraus, dass die Superdelegierten sich irgendwie verabreden und die Abstimmung verhindern könnten. Das ist technisch aber nicht möglich.

        Der Kommentar verkennt insgesamt, dass Superdelegierte ja nicht mit +57 Stimmen geboren werden und die dann immer haben, sondern dass die Delegationsanzahl sich verändern kann. Dies kann u.a. durch Delegationsverfall forciert werden. Die Aussage „Konformitätsdruck beschleunigt den Tod des Systems“ steht im Widerspruch zu der Theorie, dass die Superdelegierten irgendwie das System gekapert hätten. Entweder haben die SD eine andere politische Meinung als der große Rest und sie zwingen diese der Partei auf (Alternative 1) oder die SD sind wegen sozialem Druck konform zu der Meinung des Rests (Alternative 2). Man kann nicht beide Positionen gleichzeitig vertreten. Das macht Bernds Kommentar aber.

        Als SMV fortgeführt sind Aufstieg und Fall derselben sogar noch dynamischer und damit schneller zu erwarten. Denn die Verbindlichkeit treibt sowohl mehr User in der Startphase an den Start (um die Macht im System nicht anderen zu überlassen), entsprechend schneller wachsen die Delegationscluster und die Delegationskettenstrukturen, und entsprechend schneller kommen nur noch die ‚genehmen‘ Anträge durch

        Eine interessante empirische Vorhersage, die man an der SMV Berlin überprüfen kann. Dort lässt sich folgendes beobachten:

        – es hat kein Run auf die SMV stattgefunden. Die Anzahl der Akkreditierten beträgt ca. 30% der Stimmberechtigten. Ca. 10% beteiligen sich an Abstimmungen.

        – Delegationen werden nicht besonders viel genutzt

        – Das Quorum in den meisten Themenbereichen liegt bei ca 4, kann also recht einfach durch Überzeugen einiger Mitglieder erreicht werden

        – Bisher sind kaum Anträge am Quorum gescheitert

        Die Vorhersage von Bernd ist also empirisch widerlegt.

        Wäre LQFB und die zu Grunde liegenden Prinzipien übrigens erfolgsträchtig, dann würden es doch längst NGO’s, Vereine, Interessengruppen, Initiativen, andere Parteien oder Gruppen erfolgreich anwenden.

        Das klingt jetzt so, als ob die Piratenpartei nur noch Dinge tun sollte, die andere Organisationen bereits vorgemacht haben. Also lieber kein Update, solange die etablierten Parteien, Greenpeace, der ADAC oder der BVB das nicht erfolgreich eingeführt haben. Mit der gleichen Logik kann man sagen „Wäre die Piratenpartei erfolgsträchtig, würde sie ja längst in der Regierung sitzen“.

    • SD schrieb am

      Dass Delegationsempfänger aktiver sind als der Durchschnitt, ist ebenfalls ein interessante empirische Bestätigung einer auf der Hand liegenden Hypothese.

      Welche da wäre? Es gibt im Grunde zwei kursierende Erklärmuster. Die eine besagt im Grunde, dass Personen, die sehr aktiv sind, tendenziell mehr Delegationen anziehen, weil diese Arbeit sozusagen gewürdigt wird. Die andere besagt, dass Leute mit vielen Delegationen dadurch ja dauernd ihren Willen bekommen und darum weiter am System teilnehmen, während Leute ohne Delegationen dauernd plattgestimmt werden und frustriert abdampfen. Ich habe das über Jahre hinweg detailliert beobachtet und würde sagen es gibt ein paar sehr wenige Personen, die evtl. in die erste Kategorie fallen und einige mehr in die zweite. Im Grunde ist die Messmethode aber schon ungünstig, weil sie ja nur Delegationen betrachtet, die _benutzt_ wurden. Es gibt aber auch eine Menge Delegationen, die ungenutzt verfallen sind. Rund die Hälfte aller vergebenen Delegationen wurden gar nicht benutzt, weil niemand entlang der Kette abgestimmt hat. Da waren auch einige große Haufen dabei.

      Weiterhin ist interessant, dass Zustimmung und Ablehnung nicht gleichverteilt sind, sondern dass Zustimmung überwiegt. Dies ist eine relevante Information für Menschen, die strategisch an Anträge herangehen (und für Menschen, die das erkennen und aufdecken wollen).

      Kein Wunder bei den übertrieben hohen Quoren. Diese waren nur in Hype-Phasen halbwegs angemessen, ansonsten kamen Anträge, die keine überragend hohe Unterstützung unter den verbliebenen Aktiven hatten (was selten vorkam) oder von Topdelegierten über die Quoren gehievt wurden, gar nicht erst über die Quoren und wurden darum auch nie abgestimmt (und dann also auch nicht evtl. abgelehnt). Die fallen einfach aus der Messung raus.

      Sehr interessant ist, dass die Zustimmung zu Inis bei den “alten Hasen” sinkt. Es steht zu vermuten, dass die eingehende Beschäftigung mit Antragstexten dazu führt, dass Anträge i.a. kritischer gelesen werden und daher auch abgelehnt werden. Falls jemand bessere Erklärungen für dieses Phänomen hat, können diese ja in den Kommentaren dargelegt werden.

      Ganz einfach: Auto-Ablehnen.

      Auto-Ablehner machten zeitweise 10%-20% der Gesamtstimmen aus, und da diese ja überwiegend Zustimmungen waren, waren die Auto-Ablehner ein großer Teil aller überhaupt ablehnenden Stimmen. Dadurch das Auto-Ablehner trotz Inaktivität bei jeder Abstimmung teilnehmen (weil das automatisch abläuft), erscheinen sie nach dieser Messmethode als „alte Hasen“, weil sie ja so auf viele Abstimmungsteilnahmen kommen. Die ziehen dann den allgemeinen Schnitt runter und man kommt auf solche Messergebnisse.

      Auch interessant ist, dass Superdelegierte häufiger positiv abstimmen als der Durchschnitt, da sie wohl Angst um ihre Delegationen haben. (Auch wenn in der Modellierung am Schluss die Annahme nicht mehr zielführend ist)

      Angst um Delegationen, hehe. Es gab über die ganze Zeit so viele Delegierte, die überhaupt nicht abgestimmt haben und ihre Delegationen auch nicht verloren haben. Das hatte den simplen Grund, dass die Delegationsgeber mindestens genauso inaktiv waren wie viele Delegationsempfänger. Die positiven Abstimmungen liegen, wie schon erwähnt, an den Quoren (die übrigens in dieser Studie überhaupt gar nicht betrachtet wurden). Viele Anträge wurden überhaupt nur deshalb abgestimmt, weil eben diese Superdelegierten sie über’s Quorum gehoben haben. Warum sollten sie sie dann ablehnen?

      Kritiker des Systems wird die Erkenntnis interessieren, dass Delegationsgeber wohl recht schlecht bei der Einschätzung der allgemeinen politischen Ähnlichkeit zu den Delegationsempfängern sind (0,61 statt 0,51), oder dass ihnen das nicht so wichtig ist.

      Sie sind auch schlecht in der Einschätzung der Aktivität ihrer Delegationsempfänger. Wie schon gesagt, sind etwa die Hälfter aller Delegationen nicht nur irgendwie unähnlich, sondern einfach ungenutzt. Die meisten Delegationsgeber wussten schlicht und ergreifen nicht wie bzw. ob überhaupt ihre Delegierten abstimmen. Viele davon waren eh die meiste Zeit inaktiv, aber selbst als halbwegs aktiver Delegierender, ist es zumindest in den alten LQFB-Versionen ein großer Aufwand die Abstimmungsdetails durchzuklicken, um das Abstimmverhalten der eigenen Delegierten mitzubekommen. Da viele Leute ja delegieren, weil sie die Zeit für sowas nicht haben, wurde das halt auch kaum gemacht.

      Auch dass die Delegationen mit der Zeit zunehmen ist erstens theoretisch zu erwarten und entspricht ja auch der eigenen Wahrnehmung vieler Piraten. Jetzt habt ihrs empirisch nachgewiesen gekriegt.

      Welcher Wahrnehmung? Der eigenen Inaktivität? :-)

      Je weniger Leute abstimmen, desto weniger Delegationen werden durch eigene Abstimmungen ersetzt. Darum führt weniger Aktivität (erstmal) zu mehr Delegationen. Man sieht es hier an den beiden Grafiken: In Hype-Phasen ist der Delgationsanteil niedriger, in der Flaute-Phase am Ende größer: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:SD/Delegationen_in_LQFB/Abstimmungen#Alle_Themen_.28ohne_Sandkasten.29

      Nach etwa 900 Themen hat das übrigens angefangen zu kippen. Da war das System so inaktiv, dass selbst die ganzen Ketten der Topdelegierten oft nicht mehr abgestimmt haben und die großen Delegationshaufen häufig ungenutzt verfallen sind, siehe hier: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:SD/Delegationen_in_LQFB/Verfallene_Delegationen#VERALTET_-_Alle_Themen_.28ohne_Sandkasten.29

      Die Aussage, dass 15% aller Abstimmungen von Superdelegierten gedreht werden, ist auch eine Erkenntnis, die die Diskussion in Zukunft beleben wird. Sind 15% jetzt viel oder wenig?

      Es ist vor allem nicht die entscheidende Messgröße. Das sind ja nur die, die das Ergebnis tatsächlich gedreht haben. Die Entscheidungsmacht haben aber auch die, die es nicht gedreht haben, das aber gekonnt hätten, hätten sie wollen. Das ist nur deshalb nicht häufiger passiert, weil eh die meisten Abstimmungen deutlich positiv ausgingen, weil die meisten anderen schon an der Filter-Macht der Superdelegierten bei den Quoren gescheitert sind.

      Eine methodische Schwäche scheint mir die Vernachlässigung der Tatsache zu sein, dass die Delegierten vorher nicht wissen, mit wieviel Stimmen sie abstimmen. Wenn die Delegationskette(n) nahe bei ihnen unterbrochen werden, sind halt von 46 Stimmen nur noch 4 übrig. Dies sollte ins Modell mit einfließen. Die ganzen Machtindizes sind also nur post hoc bekannt, und die Abstimmenden können diese nur spekulativ in ihre Entscheidung einfließen lassen.

      Ich habe bei meinen Untersuchungen da mal unterschieden zwischen stabile und instabile Delegationen. Das kommt hier nach den Kringel-Grafiken in der zweiten Hälfte: https://streetdogg.wordpress.com/2012/11/11/spqp/

      Ein paar Leute gab es schon, die sich wenig Sorgen machen mussten, dass ihre Delegationen plötzlich weg sind. Einige haben ihre große Abstimmungsmacht allerdings tatsächlich von wenigen einzelnen anderen übertragen bekommen. Die können diese dann genauso schnell wieder wegnehmen. Die wesentliche Macht im System (und damit auch die Macht handverlesene Personen überhaupt erst zu Superdelegierten zu machen) lag tatsächlich nur bei einer Hand voll Personen. Wobei die wirklich krassen Superdelegierten oft dadurch zustande kamen, dass diese Personen zufällig direkt oder indirekt an die selbe dritte Person delegiert haben und sich die Delegationshaufen so aufsummiert haben.

      Auch werden alle Inis als unabhängig angesehen. Man sollte aber noch überprüfen, ob zB Alternativinis zu einer Reduzierung des positiven Biases führen. Aufgrund von Schulze sollte das nicht passieren. Falls es doch passiert, wäre ein Argument für Schulze (kein taktisches Wählen) geschwächt.

      Könnte ich mir sogar tatsächlich vorstellen. Genau untersucht hab ich’s aber nicht. Der Trick ist, dass Alternativ-Inis das erste Quorum nicht nehmen müssen (weil die andere Ini dafür ausreicht) und darum viel mehr Zeit haben Unterstützer für’s zweite Quorum zusammenzukratzen. Und das in Themen die generell mehr Aufmerksamkeit haben, da oftmals schon feststeht, dass sie auch zur Abstimmung kommen werden. Dieses Huckepack-Verfahren erleichtert es auch der ein oder anderen nicht so guten Ini es in die Abstimmung zu schaffen (und da dann überdurchschnittlich stark abgelehnt zu werden).

      • SD schrieb am

        Hmm, das kursive sind Zitate von Sebastian. Das erkennt man jetzt irgendwie schlecht, darum sag ich’s nochmal dazu. ;)

      • Bernd schrieb am

        Die Kommentare hier zeigen: Liquid Feedback ist alleine deshalb für eine faire, gleichberechtigte innerparteiliche Willensbildung an der Basis ungeeignet weil das System viel zu komplex ist.

        Was als Ergebnis herauskommt, wie sich also ein Wählerwille zum Schluss auswirkt, ist für den unbedarften User vollkommen undurchsichtig und nicht nachvollziehbar.

        Wie man das System aber nutzt, um Anträge durchzubekommen oder zu blocken, Entscheidungen möglichst im eigenen Interesse hinzubekommen, das ist eine Wissenschaft für sich, die nur die wirklich Zeitreichen oder eben die Systementwickler ausreichend durchdringen können.

        Wer tausende Stunden Aufwand reinsteckt, sich Delegationsketten organisiert und so das System selbst mehr oder weniger beherrscht, der ist der „Sieger“, und dessen Anträge, bzw. Anträge seiner Interessensphäre „siegen“ dann.

        Irgendwo erinnert es an das mühselige Hocharbeiten in sozialen Netzwerken, in denen Reichweite derjenige hat, der das System versteht, geschickt bespielt und alle Kniffe und Tricks kennt.

        Demokratie, an der jeder Interessierte teilhaben soll, muss aber möglichst einfach und simpel funktionieren.

        Schon die Wahl zum Bundestag mit 2 Stimmen und vielleicht 100 Optionen wirksam zu wählen überfordert manche, und kostet in der Durchführung dennoch viele Millionen, eben weil es lokal, niederschwellig, simpel und für nahezu jeden Wahlberechtigten zugänglich, dazu allgemein, gleich, im Wahlvorgang geheim, in der Kontrolle der Korrektheit der Wahl aber öffentlich und transparent organisiert werden muss.

        Die Piraten wollten ein ‚Mehr‘ an dírektdemokratischen Optionen erreichen. Liquid feedback solle dabei unterstützend helfen. Das Ziel wurde nicht erreicht.

  10. ingeBS schrieb am

    @flo – Auf welcher Mitgliederversammlung wurde dem DSB diese Befugnis satzungsmäßig zugestanden? Auf welchem Parteitag? In welcher der zahlreichen Satzungsänderungen kann ich das nachlesen?

    • flo schrieb am

      Auf gar keiner. Die Befugnisse des DSBs ergeben sich aus dem Bundesdatenschutzgesetz, hier Paragraf 4d, Absätze 5 und 6: Vorabkontrolle.

  11. Thomas Ganskow schrieb am

    Die Autoren ziehen neben aller anderen Kritik am Ergebnis aus der Nichtkenntnis der Hintergründe einen weiteren falschen Schluss. Denn wenn gesagt wird, dass „erfahrene Mitglieder im System neue Vorschläge deutlich häufiger ab(lehnen) als neue Mitglieder“, ist dies dem Zeitpunkt ihres Eintritts geschuldet. Die Erfahrung zeigt, dass Mitglieder, die vor 2012 in die Partei gekommen sind, andere Themen für bedeutend halten und hielten, als dies bei Mitgliedern, die später dazu kamen, der Fall war. Dies schlägt sich zwangsläufig in der Bewertung von Inhalten nieder.

  12. Pingback: Die Mutter aller Flügelkämpfe – der Kampf um die Macht in der Demokratie 2.0 › Piratenpartei Deutschland

  13. js schrieb am

    Wie sind die Wissenschaftler denn an entsprechend aussagekräftige Daten aus dem LQFB gekommen, die eine solche Analyse erlauben?

    Laut Nutzungsbedingungen dürfen die Daten nicht weiter gegeben werden – also auch nicht an eine Uni.

    Laut BDSG unterstehen die Daten zur politischen Meinung einem besonderen Schutz und dürfen nur innerhalb der Organisation verarbeitet werden und nur zu Personen, die Mitglied der Organisation sind.

    Die verwendeten Daten von 2009 bis 2013 dürften gar nicht mehr vorhanden sein. Zumindest wurde afair gegenüber dem zuständigen Landesbeauftragten für Datenschutz erklärt, Daten würden nach 2 Jahren gelöscht. Zudem sind sehr viele Mitglieder aus diesem Zeitraum nicht mehr Mitglied. Wenn ihre Daten BDSG-konform gelöscht wurden, bleiben Zusammenhänge im System kaum nachvollziehbar. Zudem gab es 2009 zumindest offiziell noch gar kein LQFB.

    .. so Fragen, die in mir so Zweifel an so $Dingen wecken.

  14. 1HiGHzERr schrieb am

    Ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass es für Kettendelegationen keine Rechtsgrundlage gibt?
    Weder im PartG (Delegierte u.a. §13) noch im BGB (Vollmacht).
    Jedenfalls verbindliche Beschlüsse (SMV) sind damit nicht zulässig, wenn das System Kettendelegation wie LQFB ermöglicht.

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