Freifunk-Freitag: Haben die sonst keine Probleme? – Internet für Asylsuchende

Freifunk | Bild: CC-BY-SA-2.0 Mario Behling

In Wiesloch bei Heidelberg in Baden-Württemberg werden bald ca. 240 Asylsuchende eintreffen. Die Arbeitsgruppe »Computergestütztes Deutschlernen«, eine Untergruppe des Arbeitskreises Bildung des aus Ehrenamtlichen bestehenden »Wieslocher Netzwerks Asyl«, bemüht sich darum, dass das Flüchtlingswohnheim einen Internetanschluss bekommt, damit für die Neuankömmlinge in ihrer neuen Bleibe ein Internet-Zugang über WLAN per Freifunk möglich wird. Wir sprechen mit Monika Eggers (@GreenSkyOverMe) vom Kreisverband Rhein-Neckar/Heidelberg der Piraten darüber, warum für diese Menschen Internet so wichtig ist und warum es noch keine Selbstverständlichkeit ist, dass Asylsuchendenunterkünfte Internet zur Verfügung stellen.

Redaktion: Guten Morgen Monika. Lass uns gleich mitten ins Thema springen: Warum ist Internet für Asylsuchende so wichtig?

Monika Eggers: Als Untergruppe des Arbeitskreises Bildung liegt unser Fokus auf dem Zugang zu kostenlosen Deutschkursen im Internet. Zwar bekommen neuerdings auch schon Asylsuchende und nicht erst Asylberechtigte in Baden-Württemberg einen Deutschkurs durch die Volkshochschule. Aber die 100 Unterrichtseinheiten sind schnell um. Für einige, weniger akademisch gebildete Asylsuchende, die vielleicht die Schule früh verlassen haben, könnten die vhs-Kurse zu schnell sein, sie benötigen zusätzliche Übungsmöglichkeiten. Und gerade für Akademikerinnen sind 8 Unterrichtseinheiten in der Woche zu langsam, sie wollen schnell vorankommen, ein Studium oder einen Beruf aufnehmen, für den gute Deutschkenntnisse erforderlich sind.

Aber natürlich brauchen Asylsuchende nicht nur zum Deutschlernen Internetzugang. Sie wollen über Skype und Facebook mit ihren in der Heimat zurückgebliebenen oder in Flüchtlingslagern in anderen Ländern untergekommenen Familienmitgliedern und Freundinnen in Kontakt bleiben. Sie wollen sich online über alles Mögliche, vom Asylrecht über Ärztinnen bis hin zu Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe informieren. Und letztlich auch zur Unterhaltung. Schließlich haben Asylsuchende, so lange sie keine Arbeitserlaubnis haben (die ersten 9 Monate lang), nicht besonders viel zu tun, die Langeweile kann sehr frustrierend sein.

Nun genügen internetaffine Asylsuchende mit eigenem Handy nicht unbedingt dem gängigen Klischee. Aber was Du gesagt hast, gilt ja auch für Menschen, die kein eigenes Endgerät haben oder noch nicht viel Erfahrung mit dem Internet.

Es gibt schon eine ganze Menge Asylsuchende mit internetfähigem Handy, schließlich haben sie ganz verschiedene Hintergründe, einige waren Studentinnen, Polizistinnen, Ärztinnen oder Autohändlerinnen. Wenn sie die Möglichkeit hatten, Dinge oder Geld auf der Flucht mitzunehmen, haben sie teilweise Smartphones oder Laptops.

Aber eben bei Weitem nicht alle! Auch ist so ein Handyvertrag ohne Deutschkenntnisse ja gar nicht so leicht abzuschließen. Das monatliche Downloadvolumen ist mit ein paar Deutschlernvideos auch schnell aufgebraucht. Und da die Sätze für Asylsuchende noch unter den Hartz4-Sätzen liegen, entscheiden sich sicherlich auch einige, das Geld nicht für Internet auszugeben, auch wenn es ihnen wichtig wäre. Es ist einfach nicht kosteneffizient, wenn alle oder viele der 240 Asylsuchenden Verträge über mobiles Internet abschließen, wenn man für 30€ bis 60€ im Monat schnelles Internet ohne Volumenbegrenzung für alle bereitstellen kann.

Zum Glück haben wir von Unternehmen Laptops gespendet bekommen, die wir einrichten und an die Asylsuchenden verleihen werden. Dabei orientieren wir uns an den guten Erfahrungen des Vereins AsylPlus aus Bad Tölz in Südbayern.

Für die weniger Computererfahrenen werden wir als AK Bildung vielleicht auch zusätzlich zu den Deutschkursen Computerkurse anbieten.

Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, in dieses Haus einen Kabelanschluss von Kabel BW zu bekommen. Ihr denkt an eine Bandbreite von 100 MBit/s, denn die Leute wollen ja nicht nur E-Mails schicken. Bei mir zu Hause hat das genau eine Woche gedauert und dann war der Anschluss da. Und um die Finanzierung kümmert sich der Verein. Alles klar also – nächste Woche geht’s los?

Das Asylsuchendenheim liegt, wie so häufig, außerhalb des Ortes, zwischen Umspannwerk und Moschee. Dort liegt noch kein Kabel, es muss erst dorthin gegraben werden. Immerhin läuft jetzt die Anfrage an Kabel BW, wie viel es kosten wird. Dafür brauchten wir erst mal eine Karte. Hoffentlich werden die Erstanschlusskosten nicht so hoch. Wenn in der Straße Kabel läge, wird der Ausbau zu einem nichtangeschlossenen Haus (ein Kabelschacht von 10 Metern) 398€ Euro kosten. Es liegt aber in der Nähe noch kein Kabel, es könnte also teuer werden. Wir wollen das über Spenden finanzieren, von Unternehmen und Privatpersonen. Auch die Piraten Rhein-Neckar/Heidelberg, in deren Vorstand ich bin, werden dazu beitragen – wenn ihr wollt, könnt ihr zweckgebunden (z.B. »Internet fuer Fluechtlinge«) an den Kreis spenden.

Wir haben uns auch bei anderen Anbietern erkundigt bezüglich VDSL über Glasfaser. Da sieht es hier noch viel schlechter aus als mit Internet über Kabel. VDSL scheint in der ganzen Gegend nicht verfügbar zu sein. Selbst wenn, bietet es größtenteils nur 50 statt 100 MBit/s und ist meistens teurer pro Monat – Kabel BW bietet schnelles Internet ab 30€.

Aber die Anschlusskosten sind nicht das einzige Problem. Die Verantwortlichen im Kreis (Ordnungsamt) wollen kein zentrales Internet in Asylsuchendenheimen. Welche Befürchtungen sie haben, ist noch unklar. Wenn es um Störerhaftung ginge, könnten wir diese Sorge leicht zerstreuen: Wir werden Freifunkrouter des Freifunks Rhein-Neckar einsetzen. Die VPN-Verbindung sorgt dafür, dass als IP die IP des Vereins erscheint, dieser hat aufgrund des Providerprivilegs nicht für »Störer« zu haften. Vielleicht sind sie auch einfach nur allgemein überlastet mit der hohen Anzahl Flüchtlinge, die derzeit auf die Gemeinden im Kreis verteilt werden müssen und wollen sich mit dem Thema zur Zeit nicht befassen, Möbel, Bettdecken und Geschirr haben einfach eine höhere Priorität. Aber wir nehmen ihnen die ganze Arbeit wie Providerrecherche, Vertragsabschluss und Netzwerk im Haus ja ab, wir brauchen nur eine Unterschrift, dass sie als Besitzer und Betreiber des Heims nichts dagegen haben.

Flattr this!


Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

4 Kommentare zu Freifunk-Freitag: Haben die sonst keine Probleme? – Internet für Asylsuchende

  1. Dennis Klüver schrieb am

    Der Landkreis Nordwestmecklenburg hat auf eine entsprechendes Auskunftsersuchen der Landesregierung MV einfach nicht geantwortet. Eine kleine Anfrage eines MdL hat dazu immerhin ein wenig Licht ins Dunkel gebracht.

  2. zarathustra schrieb am

    moin

    zuwanderer brauchen inet, handys …

    damit sie in kontakt mit familie/heimat bleiben.

    dazu nutzen sie die sogenannten modernen medien.

    es ist notwendig, den „zugereesten“ (wäre länger, diesen begriff nun zu verklickern…geschichte ostfrieslands…) diesen kontakt zu ermöglichen.

    es ist notwendig ihnen laptop, handy und co zu geben.

    dies ist aber nicht ausreichend!

    es ist falsch zu meinen, „gebt ihnen laptops & co“ , dann werden sie sich integrieren.

    es ist nicht nur notwendig, sondern unverzichtbar, das persönliche kontakte geknüft werden, pers gespräche von mensch zu mensch.

    die die zu uns kommen haben ihre kultur, ihre auffassung, ihre geschichte…
    diese ist zu akzept- und zu respektieren.

    es ist aber ziel der integration, dass die sogenannten anderen und wir uns
    …(anstelle der punkte sollte hier ein wort stehen)

    anstatt com-geräte zu spenden, wäre es meiner meinung nach sinnvoller, pers kontakt zu „pflegen“.

    die zugewanderten pers betreuen.

    also sprach
    zarathustra

  3. Freifunker schrieb am

    Wenn es Sichtkontakt gibt kann man mit 2 CPE510 (Preis etwa 60€ pro Router) eine Richtfunkverbindung aufbauen. Damit könnte man sich die Trasse sparen. Selbstverständlich ist ein gelegtes Kabel besser. Aber um schnell ein Netz aufzuspannen ist Richtfunk wirklich praktisch. Danke für euer Engagement.

  4. Peter Müller schrieb am

    Ich wage es zu bezweifeln, dass mehr Internet über freies Funk-WLAN ein gesellschaftlicher Fortschritt ist. Auch, wenn die WLAN-Strahlung geringer als die Handystrahlung ist, gefährdet sie doch den menschlichen Organismus. Handystrahlung verursachen nachgewiesenermaßem Krebs und öffnen die Blut-Hirnschranke. Im Umfeld von Handystrahlern wurde eine vermehrte Krebsrate festgestellt. Die Aufstellung von öffentlichen WLAN Funknetzen sind also nicht nur vor dem im dem Artikel genannten Argumenten zu diskutieren.

Es können keine neuen Kommentare mehr abgegeben werden.

Weitere Beiträge: