Zum Umgang mit Flüchtlingen

Lampedusa in Hamburg | Bild: CC-BY-NC 2.0 Rasande Tyskar/flickr

Ein Gastbeitrag von Tim Hartmann.

Seit Oktober letzten Jahres gebe ich Deutschunterricht in einer Flüchtlingsunterkunft in einem Nachbarort. Von Anfang an kam ich mit den Menschen dort gut klar, allerdings hat der regelmäßige Kontakt, die unglaubliche Dankbarkeit und der stets höchst interessante Erfahrungsaustausch wunderbare Freundschaften entstehen lassen. Andererseits wurde und wird mir immer bewusster, wie unangemessen und menschenverachtend wir oftmals als Gesellschaft mit Flüchtlingen und Migranten umgehen – mit Menschen, die oft unfassbar schreckliche Geschichten mit nach Deutschland bringen, vor allem was die Flucht betrifft.

Ohne Wasser durch die Sahara

Die Geschichten, die die Menschen erzählen, unterscheiden sich sehr voneinander und variieren je nach Herkunftsland. Der Weg, den ein Paar aus Eritrea auf sich genommen hat, erschüttert mich ganz besonders. Bevor die Reise über das Mittelmeer mit einem überfüllten Boot bevorstand, mussten die beiden zunächst eine viertägige Reise durch die Sahara auf sich nehmen, wobei 26 Menschen zusammengepfercht auf engstem Raum in einem Auto ohne Essen und Trinken auskommen mussten. Zwei Flüchtlinge starben während dieser Reise und ihre Leichen wurden – so erzählt es der eine der beiden – in der Wüste zurückgelassen.

Ein befreundeter Flüchtling aus Syrien, der mit seiner Familie zunächst in Dortmund und in Gießen unterkam, berichtete mir von Menschen, die aufgrund des so extremen und mehrere Tage zu ertragenden Platzmangels körperliche Behinderungen entwickelten. Meiner Meinung nach macht sich unsere Regierung an jedem einzelnen dieser Fälle mitschuldig, solange sie tatenlos zuschaut und große Sprüche klopft, ohne zu handeln. Jeden Tag fliehen Menschen, die jahrelang ihr weniges und hart erarbeitetes Geld sparen müssen, um sich die teure Flucht zu ermöglichen. Und jeden Tag sterben dabei Menschen und wir schauen zu.

Deutschland – das dicke Kind, das den anderen nichts von seiner Schokolade abgeben will

Woran liegt es, dass ein reiches Land wie Deutschland nichts unternimmt, diesen Menschen zu helfen? Hat das dicke Kind in teuren Adidas-Klamotten Angst, in Zukunft nur noch jeden zweiten Tag eine Tafel Schokolade essen zu können? Ich gebe zu, der Vergleich mit Deutschland und dem trotzigen und gierigen dicken Kind ist etwas schwierig, doch er karikiert auf eine wunderbare Weise Deutschlands Rolle in der Welt. Vielleicht sollte das dicke Kind Deutschland die aktuellen Geschehnisse anders betrachten, als es das bisher tut: Was widerspricht einem Umbruch im Denken bezüglich des Teilens und Helfens? Könnte dieser Umbruch eine Möglichkeit darbieten, sich wieder auf wesentlichere Dinge zu konzentrieren und sich nicht durch Luxusprobleme vom Elend der Welt abzulenken?

Ich glaube fest daran, dass das dicke Kind Deutschland dringend eine Diät benötigt. Das Traurige ist, dass es diese Diät nicht einmal zwingend bräuchte, um Teilen, Helfen und Menschlichkeit zu realisieren. Vielleicht würde sie aber zusätzlich helfen, den Egoismus abzubauen. Mir ist bewusst, dass auch im reichen Deutschland Familien am Existenzminimum stehen, dass es Kinder gibt, die ohne Frühstück in die Schule gehen oder Menschen in einer anderen Form sozial oder finanziell am Abgrund stehen. Allerdings fällt mir nicht ein, aus welchem Grund diese Tatsache einem menschlicheren Umgang mit Flüchtlingen entgegenstehen soll. Problematisch ist zudem, dass die Flucht und das Erreichen Deutschlands häufig nicht das Ende dieses menschenunwürdigen Umgangs darstellt. Oftmals schäme ich mich, das Glück gehabt zu haben, hier geboren zu sein; denn ich werde besser behandelt als die Menschen, die Hilfe wirklich benötigen und sich in einer vollkommen neuen und für sie zunächst komplizierten Welt zurechtfinden müssen.

Wenn die Existenz auf einer Duldung basiert, ist es besser, wenn du lieber nicht die Bullen alarmierst; das ist das Gegenteil von menschlich, denk an Residenzpflicht.

Refpolk feat. Lena Stoehrfaktor – Wut

Seit Februar diesen Jahres unterrichte ich zusätzlich in einer Flüchtlingsunterkunft direkt bei mir im Ort. Die Menschen dort, die aus Albanien und Mazedonien stammen, haben vor allem Probleme mit dem langwierigen und komplexen Asylverfahren. Viele von ihnen gehen abends mit der Angst ins Bett, dass es nachts an der Türe klopft und die Abschiebung droht, und wachen am Morgen mit denselben Gedanken auf. Obwohl die insgesamt vier Familien erst seit Anfang 2015 in Deutschland sind, finden sich vor allem ihre Kinder sehr gut zurecht. Sie sprechen bereits Deutsch, gehen motiviert zur Schule und sind sich nicht zu schade, auch in ihrer Freizeit zu lernen, Fragen zu stellen und an meinem Deutschunterricht teilzunehmen, und sie haben sich einen Freundeskreis aufgebaut, der im Falle einer Abschiebung vom einen auf den anderen Tag nicht mehr da wäre.

Man vergisst oftmals, dass Flüchtlinge diesen Schritt bereits hinter sich bringen mussten: Sie mussten Freunde, Bekannte und Verwandte in ihrer Heimat zurücklassen – in dem Wissen, diese womöglich niemals wiederzusehen. Wie ergeht es wohl einem Kind, das ein zweites Mal aus seinem gewohnten Umfeld gerissen wird? Einem Kind, das glücklich ist, sich zurechtfindet, Freunde hat und hier zur Schule geht? Eine Abschiebung und die Angst davor ist für keinen Menschen schön, doch vor allem die Kinder leiden ganz besonders darunter.

»Die kommen her und nehmen uns unsere Arbeit weg!«

Nein. Es ist sehr naiv und zeugt von Unwissenheit und Dummheit, solchen Behauptungen Glauben zu schenken. Zunächst ist es so, dass diese Menschen, die nicht selten sehr gut ausgebildet nach Deutschland kommen, und ihr Arbeitswillen jetzt und vor allem in Zukunft dringend gebraucht wird, um Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Zum anderen helfen sie bei der Befüllung der Rentenkassen, was den Menschen, die heute arbeiten, und später deren Töchtern und Söhnen zugute kommt.

Um böswilligen Anschuldigungen vorzubeugen: Mir ist egal, ob ein Mensch arbeiten geht oder nicht, unabhängig davon, in welchem Land er geboren wurde oder aus welchem Grund er fliehen bzw. seine Heimat verlassen musste. Deutsche, die hierbei Unterschiede machen, sind mit ihrer nationalen Gesinnung auf dem Stand des 18. Jahrhunderts. Warum sollte ein Flüchtling oder Migrant nicht mehr als ein in Deutschland Geborener verdienen, wenn er bessere Arbeit leistet? Warum sollten nur hier Geborene das Recht besitzen, sich dafür zu entscheiden, nicht arbeiten zu gehen?

Ein Appell an die Politik und die Menschen in Deutschland

Die Politik kann und darf so nicht weitermachen. Es ist mehr als traurig, wenn nach einem Bootsunglück, bei dem mindestens 700 Flüchtlinge starben, die Geflüchteten dafür kritisiert werden, dass sie das Boot betreten haben und nicht in ihrer Heimat geblieben sind, und es ist bezeichnend, dass in einer deutschen Talkshow nur durch das vehemente Fordern eines Gasts, der sich demnächst auf den Weg macht, um mit seinem Team eigenhändig Flüchtlingen zu helfen und Menschenleben zu retten, eine Schweigeminute zustande kommt. Von Seiten der Politik scheint es schon beim Versuch zu scheitern, sich die unerträglichen und perspektivlosen Verhältnisse in Ländern, in denen Menschen beschließen, nach Deutschland und Europa zu fliehen, vorzustellen. Wir in Deutschland sind gesegnet mit einer stabilen Demokratie, sozialer Absicherung und Meinungsfreiheit – aus dieser Position derartig herablassend auf solche Länder zu blicken, zeigt, wie sehr das dicke Kind Deutschland das Leben außerhalb des eigenen Lebensraumes ausblendet.

Deutschland hat die Möglichkeit, sich finanziell viel stärker zu beteiligen, als es das bisher tut, und sollte diese nutzen, auch unter dem Gesichtspunkt, dass der Wohlstand der einen Seite auf der Ausbeutung der anderen basiert. Weiterhin sollte es Ziel der Politik sein, den hier angekommenen Menschen ein lebenswürdiges und angstfreies Dasein zu ermöglichen, indem die Verfahren vereinfacht und unsinnige Regelungen, wie z. B. die pauschale Festlegung von sicheren Herkunftsstaaten abgeschafft bzw. novelliert werden.

Doch auch alle anderen hier in Deutschland können helfen, mehr, als viele sich vermutlich vorstellen können. Die Flüchtlinge, die ich kenne, wollen als Menschen akzeptiert werden, die sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen möchten, wobei dies beim sozialen Umgang mit ihnen beginnt. Sprecht mit den Menschen, helft ihnen bei alltäglichen Problemen und Unsicherheiten, mit denen sie vor allem in ihrer Anfangszeit konfrontiert sind, nehmt ihnen Ängste und Sorgen, indem ihr aufklärt und Fragen beantwortet oder ladet sie einfach mal auf einen Kaffee ein. Versucht, euch in ihre Situation hineinzuversetzen, und verteidigt sie gegen rassistische Vorurteile, die womöglich auftauchen, und gegen sonstige Behauptungen.

Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass dabei eine ganze Menge zurückkommt. Diese Menschen haben mir geholfen, meinen Horizont zu erweitern, meine politischen Ansichten in vielen Bereichen zu schärfen und mich wissen zu lassen, wie sich echte Dankbarkeit und Freundlichkeit, die vom Herzen kommt, anfühlt.

Wer in Grenzen denkt, setzt sich selbst und seinem Denken Grenzen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Piratenpartei Hessen.

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