Zukunftslos: Energiewende, Industrie 4.0, Neuland

Kokerei Zollverein, Essen

Ein Diskussionsbeitrag von Guido Körber, @TheBug0815.

»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, Worte, die sich viel mehr Leute zu Herzen nehmen sollten. Statt dessen wird gerne so getan, als ob in einer sich ständig verändernden Welt alles bleibt wie es ist. Dabei sind die Veränderungen in den letzten Jahren so deutlich geworden, dass man sich schon mächtig anstrengen muss, sie zu übersehen.

Der Satz von Kanzlerin Merkel betreffs »Neuland« hat in eben diesem Neuland völlig zu recht ätzenden Spott geerntet. Eine seit etwa 20 Jahren mit hoher Dynamik verlaufende Entwicklung, die praktisch alle Menschen betrifft zu verschlafen, ist schon eine Leistung. Bei so viel Ignoranz durch das politische Personal ist es dann wenig verwunderlich, dass die etwas weniger offensichtlichen Entwicklungen auch übersehen oder mindestens massiv unterschätzt werden.

Energieratlos

Da die Energiewende massiv etliche Nachfolgearbeitgeber für verdiente Politiker bedroht, ist sie in den Fokus der Politik geraten. Unbeholfene Versuche, die rasante Entwicklung zu bremsen, um den Stromkonzernen etwas Luft zu verschaffen, haben immerhin massiv Arbeitsplätze und Know-How-Abwanderung in einem weltweiten Wachstumssektor gekostet. Dank den massiven und plötzlichen Einschnitten bei der Förderung von Photovoltaik ist deren Fertigung in Deutschland fast völlig zusammen gebrochen. Mehr Arbeitsplätze gingen verloren als es im Bereich der Braunkohle überhaupt gibt. Die Stromkonzerne sind trotzdem auf dem Abstieg und geraten weiter unter Druck. Völlig unterschätzt wurde die Innovationsfähigkeit der im Gegensatz zu den fossilen Energieanlagen noch nicht technologisch ausgereizten »Erneuerbaren Energien«. Deren Kosten fallen weiter und intelligente Systemlösungen erhöhen den Druck auf Kohle- und Atomkraft so sehr, dass die etablierten Player mittlerweile aussteigen wollen.

Politische Konzepte für den Wandel der Energiebranche? Fehlanzeige!

Statt sich Gedanken zu machen wie der Übergang der Energiebranche mit möglichst wenig Pleiten und Arbeitsplatzverlusten gestalten ließe, tut der Kohlefanclub so, als wenn noch auf Jahrzehnte alles so weiter ginge wie bisher. Dabei gibt es ja das Vorbild der Ruhrgebietes, wo unter Einsatz massiver Subventionen die Steinkohleförderung künstlich am Leben gehalten wurde, bis die gesamte Region wirtschaftlich zusammenbrach. Das Gleiche wird jetzt mit der Braunkohle versucht. Wie das wohl ausgehen wird?

Industrieplanlos

Industrie 4.0 ist eigentlich nur ein Schlagwort für eine Entwicklung, die schon lange läuft. Aber eine Entwicklung, die gerade dabei ist, ganz massiv Fahrt aufzunehmen. Die Idee hinter Industrie 4.0 ist es, Massenproduktion zu individualisieren und gleichzeitig noch viel mehr zu automatisieren, als das bisher der Fall ist.

Ganz neu ist das nicht, die Automobilindustrie hat seit Jahrzehnten Vorarbeit geleistet. Bei vielen Herstellern rollen nur noch ganz selten zwei exakt gleich ausgerüstete Autos vom Band. An jeder Station der Fertigung bestimmt das gerade dort befindliche Auto, welche weiteren Teile eingebaut werden. Die Idee von Industrie 4.0 ist, dies auf alle möglichen Produkte zu übertragen und gleichzeitig eine möglichst 100%ige Automatisierung bis hin zum automatischen Einkauf der Einzelteile zu realisieren.

Das klingt wie Science Fiction? Wir sind gerade in einer Phase, in der massiv Dinge aus der Science Fiction in die reale Welt kommen. 2007 wurde das erste iPhone vorgestellt, heute ist es alltäglich, dass wir mit unseren Mobiltelefonen im Internet surfen, an Social Networks teilnehmen und wie Captain Kirk auf seiner Brücke mit dem Computer reden, nur dass der Computer in unsere Hosentasche passt. Tablet PCs sind nur eine logische Variante davon.

Die Robotik macht massive Fortschritte, der Industrieroboter wird gerade aus seinem Sicherheitskäfig entlassen, in dem er Jahrzehnte bleiben musste, damit er die menschlichen Kollegen nicht gefährdete. Aus den ehemals plumpen Automaten mit starrem Bewegungsablauf werden Assistenten und anpassungsfähige Arbeiter. Heute hilft Robonaut auf der ISS den Astronauten bei der Arbeit und in Fabriken heben Roboter schwere Teile direkt neben Menschen oder reichen feinmechanische Teile zu für Arbeitsschritte, die (noch) die Flexibilität eines Menschen benötigen.

Fahrerlos

Autonom fahrende Autos sind mittlerweile testweise in Städten und auf Autobahnen unterwegs. Bis zur Serienreife werden noch ein paar Jahre vergehen, rechtliche Probleme sind auch noch zu lösen. Aber auch das ist eine absehbare Zeitspanne, mit dieser Entwicklung wird sich nicht erst eine spätere Generation befassen müssen.

Dank dem »Internet of Things« werden so viele Teile in einer Fabrik und auch im privaten Alltag intelligent und vernetzt, dass sich daraus neue Möglichkeiten ergeben. Eine der Möglichkeiten ist Industrie 4.0. Eine andere ist eine allumfassende Überwachung und Manipulation, neue Größenordnungen von Cyberkriminalität und Geheimdienstaktivitäten. Auch hier zieht man wieder eine Niete, wenn man schaut, was die Politik dort macht.

Der dritte große Faktor für Industrie 4.0 ist der 3D Druck. Längst hat diese Technik die Bastelecke verlassen. Es werden nicht mehr nur Muster und Prototypen in 3D gedruckt. Turbinenschaufeln für Flugzeugtriebwerke und sogar ganze Raketentriebwerke sind mit 3D Druck billiger und mit höherer Qualität als in klassischer Technik herstellbar. Noch lohnt sich der 3D Druck nicht für Massenfertigung, aber wie solche Entwicklungen verlaufen, kann man gut an den Fortschritten der Computertechnik und der 2D Drucke nachvollziehen.

Alle diese Entwicklungen werden nicht aufhören, wenn man sie ignoriert. Und sie werden eine ganz definitive Folge haben: Unsere Welt wird sich massiv verändern. Die Art wie wir uns fortbewegen, wie wir arbeiten und generell wie wir leben. Sie tut das bereits und das immer schneller.

Die logische Folge von autonom fahrenden Autos ist, dass die Berufe des Taxifahrers und Fernfahrers verschwinden werden.

Verbrennungsmotoren in Fahrzeugen werden in wenigen Jahren massiv von Elektromotoren verdrängt werden. Nicht so offensichtlich ist, dass dadurch viele Arbeitsplätze in der KFZ-Wartung entfallen, weil eMobile kaum noch Verschleißteile haben.

Die sich selbst steuernde Industrie 4.0 Fabrik braucht auch nur noch wenige Arbeitskräfte für Wartung und Überwachung. Fallende Preise für 3D Druck von hochwertigen Metallteilen werden viele Berufsbilder in der Metallverarbeitung überflüssig machen.

Viele Berufe, die heute alltäglich sind, werden bald einen ähnlichen Stellenwert haben wie heute Küfner, Stellmacher oder Kutscher: Winzig kleine Nischen statt der großen Branchen, die mal Hunderttausende Menschen ernährten.

Konsequenzlos?

Höchste Zeit also, sich Gedanken zu machen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Arbeit wird nicht verschwinden, wir sind noch weit davon entfernt, dass Roboterfabriken völlig ohne menschliches Zutun alles fertigen, was wir zum Leben brauchen. Aber die Arbeit wird grundlegend anders werden. Im Dienstleistungsbereich werden wahrscheinlich noch lange viele, aber eher schlecht bezahlte Jobs Bestand haben. Dagegen sieht es bei vielen Arbeiten im mittleren Qualifikationsbereich schlecht aus, die klassische Fabrikarbeit ist endgültig vom Aussterben bedroht.

Auch hohe Qualifikationen werden kein Garant für einen Arbeitsplatz sein. Heute ist schon zu sehen, dass insbesondere hochqualifizierte Arbeitnehmer, die den Anschluss an technische Entwicklungen verloren haben, nur ganz schwer wieder eine Beschäftigung finden. Innovationszyklen sind so kurz geworden, dass innerhalb eines Arbeitslebens mehr als eine Technologiegeneration und damit das dazu gehörende Wissen und die Fertigkeiten veralten. Der klassische Lebenslauf Schule, Lehre/Studium, Arbeit, Rente kann unter diesen Bedingungen nicht weiter Bestand haben.

Alternativlos?

Aktuelle Politik scheint darauf abzuzielen, Arbeit möglichst billig zu halten und die, die den Anforderungen nicht entsprechen auszusortieren und ruhig zu stellen. Mit einem »weiter so« werden wir in eine immer tiefere Spaltung der Gesellschaft hineinlaufen. Letztlich wird dann auch die auf dem Sockel stehende deutsche Wirtschaft Schaden nehmen, der man angeblich ja keine Änderungen zumuten kann.

Tatsächlich ist es aber höchste Zeit, dass wir Änderungen nicht nur diskutieren, sondern damit anfangen. Um unsere Gesellschaft zu retten und damit auch unsere Wirtschaft, die ohne eine funktionierende Gesellschaft auch nicht funktionieren kann.

Zukunfts-Los

Was wir dringend brauchen, sind Reformen in praktisch allen Bereichen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte unser unmenschliches Sozialsystem sanieren und vielen Menschen die Existenzangst nehmen, damit würden auch die Probleme mit sich wandelnden oder verschwindenden Berufsbildern abgefedert.

Bildung muss flexibler und zugänglicher werden. Statt Menschen auf einen Job vorzubereiten, müssen wir sie auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereiten und in die Lage versetzen sich selber weiter zu entwickeln. Wenn Berufsbilder mit Befehlsempfängercharakter nicht mehr existieren, werden Menschen ohne Eigeninitiative und Kreativität Probleme haben, Arbeit zu finden. Ein Bildungssystem, das uniformierte Automaten produziert, ist für die Zukunft endgültig untauglich.

Statt sterbende Industriezweige zu subventionieren, damit sie noch ein wenig länger siechen, müssen wir den Übergang zu neuen Technologien fördern. Dazu gehört auch Fehlentwicklungen in unserem Urheberrecht, die versuchen den Konsequenzen aus Internet und 3D Druck im Weg zu stehen, zu korrigieren.

Und das alles muss mit Respekt vor dem Individuum geschehen, die Privatsphäre und Würde der Menschen muss gewahrt werden. Dazu brauchen wir ein positives Menschenbild, nicht den Generalverdacht unter den die Politik heute die Bürger stellt.

Darum werden wir PIRATEN gebraucht.

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Kommentare

Ein Kommentar zu Zukunftslos: Energiewende, Industrie 4.0, Neuland

  1. smegworx schrieb am

    Schade.
    Viel Text, an vielen Stellen an den entscheidenden Punkten vorbei.
    Und außer der immer wiederkehrenden BGE-Nummer Null Lösungsansätze.

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