Schweigepflicht als Politikum

Vincent Willem van Gogh: An Der Schwelle Der Ewigkeit, 1890

Ein Gastbeitrag von schreibrephorm.

In allen Medien wird über die Schweigepflicht debattiert. Der übliche reflexartige Versuch Probleme zu lösen, eine Antwort auf etwas zu bekommen, was man nicht umfassend versteht. Aufgekommen ist die Debatte durch die Forderungen von Dirk Fischer, Angestellten einen Arzt vorzuschreiben, oder auch die Schweigepflicht zu lockern. Dirk Fischer ist Jurist, Bundestagsabgeordneter der CDU und laut diverser Medien Verkehrsexperte. Ich vermute eine Pressemitteilung mit einer Formulierung wie „…ergänzt Dirk Fischer, Verkehrsexperte“. An dieser Stelle fehlt der Begriff „Sozialpolitiker“ oder „Gesundheitspolitiker“.

Dankenswerterweise kann man sich über Ausnahmen, die Rechtslage zur Schweigepflicht und rechtfertigendem Notstand sowie Meinungen verschiedener Interessenverbände und Parteien im Netz informieren. Die Kurzfassung: Es gibt Ausnahmen und Möglichkeiten die Schweigepflicht zu brechen. Und das ist gut so.

Was in der Debatte seit letzter Woche weniger beachtet wird ist, in welche Richtung die Diskussion schlägt. Es wurde über Depressionen geredet, über Berufsverbote, über Gefahren, Risiken und Rechtsgüterabwägen um Menschen zu schützen. Der Diskussionsverlauf wirkt bekannt. Nur das diesmal ein CDU-Mitglied das Schild „Aber die Suizidgefährdeten in verantwortungsvollen Berufen!“ statt „Aber die Gefahr durch Terroristen!“ hoch hält. Ein Spiel mit der Angst.

Alleine ein Blick auf die Prävalenz von Depressionen macht deutlich wie viele Menschen betroffen sind, der Umgang hingegen zeigt wie wenig verstanden wird. Je niedriger der soziale Status ist, desto größer ist die Gruppe der Betroffenen. Und darüber geredet wird in der Regeln nur bei tagesaktuellen Themen, wie es jetzt der Fall ist, oder wenn prominente Persönlichkeiten Suizid als letzten Ausweg sehen, wie Robert Enke oder Robin Williams. In diesen Fällen ist ein kurzes Aufflammen von Verständnis zu beobachten.

Dieses Verständnis scheint aber immer nur temporär zu sein, zu oft fallen nur wenige Tage später wieder die Sätze, die Menschen mit Depressionen viel zu oft hören müssen, wie „stell dich nicht so an“, „ich war auch mal traurig“ oder „du bist nur zu faul“. Ein grundlegendes Verständnis, von Akzeptanz ganz zu schweigen, fehlt auf breiter gesellschaftlicher Ebene. Das gilt im Übrigen nicht nur für Depressionen, sondern auch für viele andere psychische Störungen. Bei Plenarreden im Landtag in NRW verwenden nach wie vor Politiker den Begriff Schizophrenie synonym für Dissoziative Identitätsstörungen. Ähnlich häufig findet man die synonyme Verwendung von Psychologe, Psychiater und Psychotherapeut. Das zeugt einerseits von fehlendem Wissen, andererseits zeigt es aber auch, wie mit psychischen Störungen umgegangen wird. Krankheitsbilder als Stigmatisierung oder Schimpfwort, jenseits jedweder Fachkenntnis.

Und in diesem gesellschaftlichen Umfeld soll nun die Schweigepflicht gelockert werden. Die Folge wäre wahrscheinlich, dass noch weniger Menschen offen damit umgehen können, dass noch weniger Menschen fachliche Hilfe aufsuchen, aus Angst so ausgegrenzt zu werden, wie das in der Debatte zurzeit der Fall ist. Das Bild des sabbernden Verrückten mit Zwangsjacke sitzt all zu tief in den Köpfen der Menschen wenn sie den Begriff „Psychiatrie“ hören.

Die Gesellschaft ändert sich nicht schlagartig durch gutgemeinte Blogbeiträge oder Diskussionen in sozialen Medien. Die Politik hätte es in der Hand, nun aktiv zu werden. Stattdessen liegen die Wartezeiten für einen Termin beim niedergelassenen Psychotherapeuten immer noch bei ungefähr drei Monaten.

Wir brauchen mehr von den Krankenkassen anerkannte Psychotherapieplätze, dafür braucht es mehr Psychiater und psychologische Psychotherapeuten. Das sind die Handlungsfelder der Gesundheits- und der Hochschulpolitik, nicht der Verkehrsexperten. Es braucht gesellschaftliche Akzeptanz und eine Debatte ob und wie diese Gesellschaft Leute psychisch krank macht. Prävention und Versorgung, statt Stigmatisierung und Überregulierung.

Was wir nicht brauchen sind Politiker, die versuchen, aus dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen Kapital zu schlagen, indem sie populistisch Ängste schüren um Verbote und Einschränkungen durchzusetzen. Verbote, die dafür sorgen, dass das Gefühl von einem kleinen bisschen mehr Sicherheit mit Ausgrenzung der Menschen bezahlt wird, denen eigentlich Hilfe und Verständnis entgegen gebracht werden sollte.

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