Die Spitze des Eisberges

(CC-BY-SA) Antarktika@Wikimedia

Leider auch keine Satire. Von Schrödinger.

Es ist nun vier Tage her, seit in Paris Bewaffnete in die Redaktion des Satiremagazins »Charlie Hebdo« stürmten, um zwölf Menschen umzubringen.

Die Verschwörungstheoretiker laufen heiß und mutmaßen, was das Zeug hält. Wer könnte ein Interesse daran haben, dass die Gesellschaft weiter gespalten wird? Natürlich die ominöse Weltelite, die die Regierungen in ihren Klauen hält. Den Schritt zur jüdischen Weltverschwörung oder – wahlweise – der reptiloiden Herrscherkaste von außerhalb ist noch nicht ganz erfolgt, aber nach der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt ist auch dies nur eine Frage der Zeit.

Unser Artikelbild zeigt einen blauen Eisberg in der Antarktis. Ja, so etwas gibt es wirklich. Das Bild ist nicht bearbeitet. Und was könnte die Situation treffender charakterisieren, als dieses Bild…
– Red.

Aber nicht nur die völlig Freidrehenden, sondern auch die selbsternannte Vertretung der sogenannten »Mitte der Gesellschaft« rückt zusammen und fühlt sich im gemeinsamen Feindbild bestätigt. Und alles, was rückwärtsgewandt und ausgrenzend ist in dieser Republik, stellt sich hinter die – zu diesem Zweck auf Bundesbedeutung aufgeblasene – Pegida-Bewegung. Nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf die Redaktion instrumentalisiert der erste AfD-Funktionär die toten Zeichner für seine Zwecke. Der Deutschlandfunk lässt eine Passantin zu Wort kommen:

»Also ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber das sind einfach zu viele hier.«

Man darf vermuten, dass diese traurige Konsequenz aus jahrzehntelangem Verfall des Bildungssystems und dem Klima der sozialen Kälte auch von vielen geteilt wird, die das nicht in ein Mikrofon sagen würden.

Leider ist es damit nicht getan, denn auch die Apologeten des Überwachungsstaats nutzen die Gelegenheit und fordern wieder einmal die Vorratsdatenspeicherung – was auch sonst? Ach ja: Einen europäischen Geheimdienst. Das Schlimme daran: Die sind in der Regierung. Und zwar durchaus am langen Ende des Hebels. Und jetzt sei ja keine Zeit des politischen Streits. Jetzt müsse man ja zusammenstehen gegen die gefühlte Bedrohung. Warum auch sollte man die Gunst der Stunde nicht nutzen, wenn sie sich doch so anbietet. Nach dem 11. September 2001 hat das in den USA doch auch hervorragend geklappt. Ich warte auf den deutschen – oder besser gleich europäischen – »Patriot Act«.

Fröhliche Urständ‘ also für alles, was wir Piraten als eher weniger zukunftsweisend empfinden. Das wütende Entsetzen nach dem Attentat vermischt sich mit dem kopfschüttelnden Entsetzen über dieses Potpourri. Denn all diesen Wellenreitern ist eines gemeinsam:

Tatsachen interessieren eher weniger

Anders als Deutschland – wo vor den ganz großen Bürgerrechtsverletzungen noch das Verfassungsgericht steht – betreibt Frankreich seit 2006 die Vorrratsdatenspeicherung: Verbindungsdaten werden 12 Monate lang aufbewahrt. Ein riesiger und ergiebiger Datenpool, denn mindestens telefonieren muss man ja wohl, um sich Kalaschnikows oder Fluchtwagen zu beschaffen. Genutzt hat es ganz offenbar – richtig: nichts. Zur Auffindung der Täter waren die Vorratsdaten auch nicht erforderlich – so wie überhaupt nur sehr selten. Und so ist es dann natürlich völlig folgerichtig, die offenbar nutzlose Massenüberwachung noch auszubauen. Der Justizminister weiß das – aber wir wissen auch, dass er damit auf verlorenem Posten steht in dieser Regierung, der Argumente nicht wirklich viel gelten.

Aber die Polizeigewerkschaft hat schon den Ausweg: Wenigstens zur nachträglichen Ermittlung des Umfeldes der Täter könnte man Vorratsdaten doch gebrauchen. Ein letzter, verzweifelter Versuch der Argumentation. Denn der Beweis, dass davon nicht viel zu erwarten ist, ist sozusagen schon unterwegs: Die Franzosen können sich jetzt ja auf die letzten 12 Monate E-Mails und Telefonate der drei erschossenen Fanatiker stürzen und sich dabei das komplette soziale Netzwerk des Islamischen Staats oder – wahlweise – al-Qaida erschließen. Wer jetzt gestutzt haben sollte: Nein, das war Ironie. Faktum ist: Alles Blödsinn. Hier sind fanatisierte Einzeltäter unterwegs. Da war kein Islamischer Staat, nicht einmal ein islamischer Staat, dahinter – das haben die ganz allein gemacht. Menschen aus einer ausgegrenzten Gesellschaftsgruppe, die leicht zu fanatisieren waren.

Die einzige Möglichkeit des Schutzes gegen solche Dinge ist eine gesellschaftliches Klima extremer Offenheit und Toleranz, das gar keine Radikalisierung aufkommen lässt. Dieses zu schaffen und zu bewahren ist Aufgabe der Politik. Hat die Politik in Frankreich oder die Politik in Deutschland diese Aufgabe erfüllt? Nein!

Ist absehbar, dass die erstarkenden Rechten diese Aufgabe erfüllen könnten? Sie wollen die gesellschaftliche Abgrenzung und Ausgrenzung auch bei uns noch weiter treiben, das Unbekannte, Fremde, als Bedrohung Empfundene irgendwie »wegmachen«. Alles in der Hoffnung, dass wenn »wir Deutschen« – die wir ja bekanntlich »das Volk sind« – wieder unter uns wären, auch wieder alles gut würde. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es Unfug, die eigenen Ängste und den Sozialneid auf Ausländern oder gar Asylsuchenden abzuladen. Das haben in den letzten Wochen landauf, landab alle Medien mit Zahlenmaterial bis zum Abwinken durchdekliniert. Genutzt hat es erwartungsgemäß nicht wirklich viel. Denn zu tief sitzt die Unzufriedenheit der Ausgrenzer, zu tief die Angst vor dem Unbekannten. Es ist sicher kein Zufall, dass der Gedanke der »Islamisierung« gerade dort am lautesten vorgetragen wird, wo kaum jemand einen dieser öminösen Muslime jemals gesprochen haben dürfte, da ihr Anteil an der Bevölkerung dort im Promille-Bereich liegt.

In Frankreich hat Ausgrenzung dazu geführt, dass junge Männer erfolgreich fanatisiert werden konnten. Und hier ist eine ähnliche Entwicklung bereits absehbar – auch für junge Menschen ganz ohne »ausländische« Wurzeln. In dieser Situation Ressentiments noch zu schüren, scheint mir ein ähnlich intelligentes Lösungsmuster, wie die Einführung der bereits als nutzlos erkannten Vorratsdatenspeicherung. Und ein ebensolcher Fußtritt für die Werte, die diese Gesellschaft einmal groß gemacht haben.

Die Gemeinsamkeit der Kanzlerin

Wenn die Bundeskanzlerin jetzt »Gemeinsamkeit« beschwört, dann muss klar sein: Es ist ihre Gemeinsamkeit, die da gewünscht ist. Diese merkwürdige Form von »Gemeinsamkeit«, die seit Jahrzehnten die soziale Kälte befördert hat, die Schutzrechte durch »Freihandelsabkommen« aushebeln will, die Investitionen in Bildung zurückfährt, die das Unwesen der Rechtsausleger in ihrer Fraktion zulässt und dadurch fremdenfeindliche Ressentiments nicht nur in Kauf nimmt, sondern aktiv bedient. Franz Josef Strauß sagte oft:

»Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben.«

Ich bin mir nicht sicher, was er damit genau gemeint hat, aber viel Platz ist da wirklich nicht mehr.

Wohin wir wirklich schauen müssen

Und deswegen ist es nun in der Tat an der Zeit, vor den Gefahren zu warnen, deren erste Auswirkungen in Dresden und in Paris sichtbar wurden.

Aushöhlung der Bürgerrechte und der demokratischen Partizipation aller hier lebenden Menschen – daraus resultierende Politik- und Politikerverdrossenheit weiter Teile der Bevölkerung – Frickeln am Grundgesetz gegen den Geist seiner Mütter und Väter – das Klima der sozialen Kälte – wachsende prekäre Beschäftigung – unmenschliche Sanktionen bei Hartz IV – ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse bei Leiharbeit und Praktika – Vertuschung des Ausmaßes der Missstände durch Schönung der Zahlen – Steuerflucht von Großverdienern und Großunternehmen – geheim verhandelte »Freihandelsabkommen« zugunsten eben dieser Großunternehmen, die der Rechtsstaatlichkeit entgegenwirken und Schutzrechte für Verbraucher, Umwelt und Arbeitnehmer gefährden und 600.000 Arbeitsplätze zerstören – fehlende Konzepte, wie wir mit der völligen Veränderung der Arbeitswelt im Digitalen Zeitalter umgehen sollen – Abbau der Ausgaben für Bildung (gemessen am Bruttosozialprodukt) – zu wenig Medienkompetenz bei Menschen aller Altersstufen für das immer schneller wachsende Informationsangebot – Unurchlässigkeit des Bildungssystems – Schulen, die so wirken, dass »besser gestellte« Eltern ihre Kinder lieber auf eine andere Schule schicken – ummenschlicher Umgang mit Geflüchteten – fehlende Teilhabemöglichkeiten für hier lebende Menschen mit ausländischen Wurzeln, wie etwa zu wenig Sprachkurse und die daraus folgende Ausgrenzung und Ghettoisierung von zugewanderten Menschen – kein angstfreier Schul- und Arztbesuch auch für »Illegale«.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Eine »Islamisierung« kommt allerdings nicht vor. Wir dürfen uns nicht die Diskussionen aller möglichen rückwärts gerichteten Kräfte aufdrücken lassen – schon gar nicht im Sinne einer falsch verstandenen »Gemeinsamkeit«. Wir brauchen keine Beschwörung des »Abendlandes« und erst recht keinen »Patriot Act«. Dresden und Paris sind nur die Spitzen eines Eisberges. Wir – und da meine ich die gesamte Gesellschaft – brauchen Mut und Entschlossenheit, den wirklichen Gefahren entgegenzutreten. Die Antworten der Piraten auf die Herausforderungen sind bekannt. Die Frage ist nur: Wie bringen wir die, die diese Probleme verursacht haben, dazu, erst mal die richtigen Fragen zu stellen?

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Kommentare

14 Kommentare zu Die Spitze des Eisberges

  1. Dennis Klüver schrieb am

    Hallo,

    ich danke für diesen Beitrag und möchte Ihn überall lesen.
    Gerade die letzten Absätze ahben es in sich.

  2. „Die Antworten der Piraten auf die Herausforderungen sind bekannt.“

    Leider überhaupt nicht. Von den Piraten wissen die meisten Menschen nur, dass der Versuch einer (diesmal aufrichtigen) Gemeinsamkeit trotz Verschiedenheit nicht sehr erfolgreich war. Manche halten ihn sogar schon für völlig gescheitert.
    Unsere inhaltlichen Vorschläge kommen da draußen schon gar nicht mehr an, was noch nicht mal erstaunlich ist.
    Dabei spiegelt die Piratenpartei die Welt da draußen ganz gut wider: Parolen zum Zusammenhalt und Fehlersuche – bei den anderen.

    Merkel und Co. fragen sich vermutlich gerade das selbe: Wie können wir „die“ dazu bringen, die richtigen Fragen zu stellen: Die (faulen) Griechen, die (unaufgeklärten) Muslime, die (querulantischen) Gegner der Freihandelspolitik etc.

    Leider keine Satire, sondern einfach peinlich.

    • Dirk schrieb am

      Glücklicherweise haben die meisten verstanden, dass es nichts bringt, weiter in der Vergangenheit zu leben und irgendwelche überwundenen innerparteilichen Auseinandersetzungen zu beschwören.

  3. Bernd schrieb am

    Eric hat recht. Antworten auf drängende Fragen dieser Zeit haben die Piraten nicht gegeben. Sie sidn zwar über Freie Downloads und cat content im Netz etwas hinausgekommen, aber ich höre seit 2011 nichts mehr Neues.
    Beisiel hamburg, im Wahlkampf dort macht man Plakate mit Allgemeinplätzen (Hamburg soll ‚Bürgerstadt‘ werden, was auch immer das ist), das Konkreteste ist noch die immer wieder aufgewärmte, weil ein mal in Berlin erfolgreche Wahlkampfforderung „ÖPNV für lau“, wobei das Wahlplakat in der Nähe eines Etikettenschwindels liegt, da es gar nichts für lau gibt, es soll ÖPNV im Umlageverfahren für alle geben, zu bezahlen ebenfalls von allen (Umlagefinanzierung).

    Welche Antworten haben denn die Piraten für die diese Wche aufgeworfenen Fragen von Terror und Gewalt durch radikalisierte Terrorkommandos, die von religiösen Eiferern und Fanatikern angestachelt werden?
    Hier im Artikel lese ich, dass die VDS keine Lösung ist. Richtig! Aber wie weiter?

    Die Antwort, mit welcher Strategie Radikalisierung und Gewalt einzudämmen und zu verhindern sind, ist eine gerechtere Welt. Und diese gerechtere Welt ist politisch nur auf sehr vielfältigen und komplexen Wegen zu erreichen, und das über längere Zeitspannen. Da haben, sorry, selbst die Grünen deutlich bessere Antworten als die Piraten. Piraten bekommen es noch nicht einmal hin, in ihren eigenen Reihen unter den 25.000 Mitgliedern Konflikte zu bewältigen. Einer solchen Gruppierung traut auch niemand ernsthaft zu, gangbare Lösungsstrategien für Konflikte zu erarbeiten und vorzuschlagen, die basieren auf weltweite Vernetzungen und Spannungen.

    • Dirk schrieb am

      Wenn Du seit 2011 nichts Neues mehr gehört hast, kannst Du dich hier auf den neuesten Stand bringen:
      wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm
      wiki.piratenpartei.de/Wahlen/Bund/2013/Wahlprogramm
      wiki.piratenpartei.de/Europawahl_2014/Wahlprogramm

      > dass die VDS keine Lösung ist. Richtig! Aber wie weiter?
      Wie schon im Artikel geschrieben: Glaubwürdige und nachvollziehbare Bemühungen, die aufgelistetn Misstände nachhaltig zu beseitigen. Lies die oben verlinkten Programme: Da stehen zu all diesen Punkten zukunftsfähige Entwürfe drin. Kritik und Verbesserungsvorschläge gern im BEO oder beim nächsten Parteitag.

      Das mit der Konfliktbewältigung haben wir übrigens – wenigstens bisher – ohne Farbbeutel geschafft. Aber in einem muss ich Dir zustimmen: Mit den Wahlplakaten kann man es seit 2009 wirklich niemandem mehr recht machen…

      • 110 schrieb am

        tolle idee, dirk, verbesserungsvorschläge im BEO machen. super. :)

        auf kreisebene warte ich seit 6 jahren darauf, dass open anträge möglich gemacht werden, und seit 2 jahren, dass die eingehendne anträge barbeitet werden.

        auf landeseben haben die hessen letztes jahr beschlossen ihr bereits beschlossenes programm gänzlich wieder zu löschen.

        wo soll da jetzt noch motivation herkommen, auf bundesebene in die inhaltliche arbeit einzusteigen?

        -110

        • Dirk schrieb am

          Ich würde #ausGründen gerne mal ein Kaltgetränk mit Dir gemeinsam einnehmen. Du weißt, wie Du mich erreichst.

  4. Ysann @dalFionavar schrieb am

    Auch hinter diesem Blogpost würd ich am liebsten satzweise meine zustimmende Unterschrift setzen.
    Ansonsten gäbs noch DAS zu sagen:

    1.Wer hier sagt: „Ihr Piraten habt auch keine Antwort auf…“
    Stimmt! Wir haben aber auch nie behauptet, auf alles eine Antwort zu haben.
    Hätten wir auf alles eine Antwort, wären wir keine Piraten, sondern Götter…
    und darauf hab ich persönlich keine Lust.
    Wenn ich nur dran denke, es allen Wettervorstellungen recht machen zu müssen,… och nee!

    2.Eine Idee, um im kleinen Rahmen „unsere“ Art der Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, im Gegensatz
    zu all dem Ausgrenzer-Hype, hätt ich da, aber wie gesagt, es ist eine „kleine“ Idee:
    Einen moderierten Piratenblog anzulegen, in dem jeder von positiven Erlebnissen,
    Ereignissen, Begegnungen mit Migranten, Flüchtlingen, ausländischen Mitbürgern, Angehörigen
    anderer Religionen usw. erzählen kann. Ich würd auch „die Moderation“ (mit)übernehmen.
    Was haltet Ihr davon?

    3.Zur Frage am Schluss des Posts:
    >>Die Frage ist nur:
    Wie bringen wir die, die diese Probleme verursacht haben, dazu,
    erst mal die richtigen Fragen zu stellen?<<
    fällt mir spontan ein Terry Pratchett-Zitat ein:

    "Um einen störrischen Esel, der sich auf die enge Minarettwendeltreppe hinauf verirrt hat,
    von dort wieder runterzubekommen, muß man ihn zuerst dazu kriegen,
    kein störrischer Esel auf einer engen Minarettwendeltreppe mehr sein zu wollen!"

    • 110 schrieb am

      dann lasst uns das doch mal mit etwas inhalt füllen, und diese kritik an den fehlenden oder piratischen lösungsansätzen ein wenig konkreter benennen als das übliche „wir haben auch keine lösungen“.

      im artikel „die spitze des eisberges“ wird zunächst zutreffend die kausalitätskette zwischen terroranschlägen durch islamisten und der schäbigen reaktion der CSU™ hergestellt, denen jeder anlass recht ist, einen polizeistaat zu errichten, und die sich auch mit dem argument, dass die vorratsdatenspeicherung in frankreich eben genau nicht diese anschläge verhindert hat, überzeugen lassen, weil sie ohnehin der auffassung sind, dass eine verdachtsunabhängige massenüberwachung erstrebenswert ist.

      mit dem letzten absatz des artikels kann ich persönlich dann aber wenig anfangen.
      denn es gibt noch viel mehr zusammenhänge, die es sich lohnen würde zu analysieren, als den zwischen dem anschlag und der idee, dass man sich jetzt gegen die forderung der CSU wenden müsse.

      hier wird zuerst die falsche frage gestellt, und dann die falsche antwort darauf gegeben.

      erstens sind die anschläge von paris nicht der urknall; im gegenteil, sie sind ihrerseits nur ein symptom, für etwas, was vorher schon war.
      die al kaida z.b. kam nicht aus dem nichts, sondern sie wurde im kalten krieg von den USA vorsätzlich aufgebaut.
      und warum junge franzosen im alter zwischen 18 und 34 plötzlich zu attentätern werden, auch dafür gibt es ursachen. eine ursache benennen solche täter oft selbst: sie stellen, wenn man sie nach ihren motiven fragt, zwischen ihrer ideologie und ihren taten oft einen zusammenhang zu abu ghraib her.
      nicht anders als im familiären bereich ist gewalt also auch dort, wo sie im kollektiv ausgeübt wird, oft auch eine reaktion auf gewalt aus der vergangenheit.

      berücksichtigt man das, müsste man merken, wie kurz es gedacht ist, als reaktion auf die anschläge, auf die CSU mit der forderung nach überwachung reagiert, sich nun als piratenpaartei gegen die forderung der CSU zu stellen.

      denn erstens trägt die nichteinführung der massenüberwachung absolut nichts dazu bei, dass terroranschläge passieren.

      und zweitens ist es mit sicherheit auch nicht das hauptmotiv der islamisten gewesen, durch die anschläge die sicherheitspolitik in europa zu beeinflussen.

      wer krieg und terror verhindern will, der muss schon eher 15-40 jahre in die vergangenheit schauen.
      und wer verstehen will, warum die CSU so reagiert wie sie es tut, der muss versuchen sich mit deren plänen für die nächsten 20 jahre zu beschäftigen.

      aber jeder versuch, eine sinnvolle lösung anzubieten für ein problem, bei dessen ursache und bei dessen möglicher auswirkung man einen zeitraum von nur 4-5 tagen betrachtet, muss scheitern.

      wer politik, wer gesellschaft, wer die historie auf auf die ereigniskette „charliemord-CSUgelaber-piratentweet“ reduziert, und dann bis nächste woche wieder alles in die schublade legt und auf den nächsten zug aufspringt, der trägt zur erarbeitung von lösungen, zu veränderung und verbesserung wenig bei.

      das parteiprogramm trägt übrigens durchaus das potential für lösungsansätze in sich. für die piraten ist innen und aussenpolitik das gleiche, wir sind internationalisten. für die piraten ist vollkommen klar, dass es in einem transparenten und demokratischen ordnung erst gar keinen CIA und erst gar keine deutschen waffenexporte in krisengebiete geben würde.

      dieses parteiprogramm wird allerdings leider von vielen, die ämter und mandate innehaben, nicht sonderlich ernst genommen oder vielleicht auch gar nicht verstanden. hier könnte der schlüssel liegen.

      • Dirk schrieb am

        > hier wird zuerst die falsche frage gestellt
        Bitte erkläre das. Denn der Text sagt genau das, was Du danach ausführst: Die Anschläge sind nicht Ursache, sondern Folge. Der Text geht eher auf die klassisch innenpolitischen Ursachen ein, Du auch auf Dinge, die im Umgang mit dem Rest der Welt falsch laufen. Ich sehe eine – völlig zutreffende – Erweiterung, aber keinen Widerspruch. Daher kann ich auch Deine weitere Kritik zum letzten Absatz nicht wirklich nachvollziehen. Sie variiert im wesentlichen das, was auch im Text steht. Schrödinger dürfte sie daher laut nickend unterschreiben.

  5. Enavigo schrieb am

    Moin,

    erst einmal vielen Dank für den Text.
    Er fasst zusammen was dringend Menschen aus der Mitte der Gesellschaft (noch besser aber alle) verstehen müssen. Und es dorthin zu tragen ist die Pflicht einer freiheitlich eingestellten Partei.

    Anmerkung: Bitte Worte wie „reptiloiden“ und „Apologeten“ weglassen. Ich glaube dir auch so dass du gebildet bist. ;-) Wir müssen aber ALLE in der Gesellschaft erreichen, deshalb können nicht für jeden verständliche Worte gerade im ersten Drittel eines Textes dazu führen ihn nicht weiter zu lesen.
    Also noch mal Danke.

    ===
    Nun zur Problematik Piratenpartei:
    Ja, die Aussagen des Textes kann jeder „irgendwie“ in unseren Programmen finden. Er muss nur die notwendige Mühe und Zeit aufwenden. Wir haben schließlich eines der besten und größten Programme aller Parteien. Punkt.
    Nun wird dies Programm aber leider nicht von sehr vielen wahr genommen. Ich glaube sogar daß sich viele Piratenmitglieder schwer tun würden, Passagen auf Anhieb zu finden. Und dies kann in einer Diskussion fatal sein. Man(tm) kann natürlich auch sagen: Steht im Wiki! ;-)

    Wir haben sehr viel Zeit investiert um dies Programm zu schreiben, etliche Diskussion in AGs, in Mumble und auf Parteitagen wurden abgehalten bevor Programmanträge zur Abstimmung kamen. Bis zum Parteitag in Neumarkt sogar noch mit Basisbeteiligung. Danach kam dann dies „es reichen wenn 5 Personen“ was sagen und danach fragen wir die Versammlung, die natürlich zum nächsten Punkt kommen möchte.
    Somit haben wir Inhalte durchgewunken die zwar den Mitgliedern der AG bekannt sind, aber sonst eben im Wiki stehen. Hier wäre meiner Meinung nach weniger bedeutend mehr gewesen.
    Dass dies Problem erkannt wird ist jetzt auch an den Programm-Resets in einigen LV zu sehen. Es wird hier viel Fingerspitzengefühl nötig werden
    Auch BEO wird es nicht lösen. Denn dort wird erweitert, nicht kanalisiert.

    Was also fehlt? Es fehlen die Eckpunkte für die unsere Partei steht. Damit meine ich nicht Kernpunkte, sondern kurze prägnante Aussagen und keine ellenlange Abhandlungen. Diese werden vom Großteil der Bürger nicht wahrgenommen. Ebenso unsere Flyer. Es gibt keine Flyer bei den Piraten- es gibt vollgepackte Informationsbroschüren. Wir meinen es eben immer zu gut. Aber kreiden andererseits ein Übermaß an Informationen an.
    Einfach mal an die eigene Nase fassen und uns klar machen, dass wir erst mal wieder in der Gesellschaft wahrgenommen werden müssen.
    Und wahrnehmen heißt nicht Informationsüberflutung, sondern mit kurzen, auch provozierenden und polemischen Texten Interesse für „das mehr“ an Informationen wecken.
    Und dies „mehr“ muss dann gut und leicht auffindbar sein.

    Gruß Enavigo

  6. Ralf H. Badera schrieb am

    „Wir – und da meine ich die gesamte Gesellschaft – brauchen Mut und Entschlossenheit, den wirklichen Gefahren entgegenzutreten.“
    Dafür müssen die „wirklichen“ Gefahren der Masse erst einmal aufgezeigt werden.

    „Die Antworten der Piraten auf die Herausforderungen sind bekannt.“
    Wem?

    „Die Frage ist nur: Wie bringen wir die, die diese Probleme verursacht haben, dazu, erst mal die richtigen Fragen zu stellen?“
    Hä? Die sägen doch nicht ihren eigenen Ast ab. Und ich bin auch davon überzeugt, dass sie genau das genau so geplant und gewollt haben.

    • Dirk schrieb am

      Ja, Du hast völlig recht: Die piratige Perspektive ist der Öffentlichkeit in keiner Weise ausreichend klar. Daran muss dringend gearbeitet werden. Denn erst wenn der von Dir zitierte Ast droht wegzubrechen, werden sie die Probleme angehen. Es ist wie bei der Atomkraft. Nur muss es nachhaltiger sein. Eine große Aufgabe für eine kleine Partei, das ist wahr…

      • Vivica schrieb am

        Vorschlag:
        Damit nicht das gesamte Programm eingestampft und neu geschaffen werden muß, sollte es erst einmal auf Kernaussagen reduziert werden, um entsprechend überschaubarer zu werden.

        Aus dieser verkürzten inhaltlichen Entsprechung lassen sich dann einfachere Brücken zu kurzen prägnanten oder polemischen Begriffen schlagen, die auch Außenstehenden zugänglich sein können.

        Aus diesen läßt sich wiederum destillieren wofür die Piraten stehen – und wofür nicht – kurz und möglichst „verlustfrei“

        Also: Wer fasst das Programm in Kernaussagen zusammen ?

        Vivica

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