Der Snowden-Effekt: Über 700 Millionen Menschen ergreifen Maßnahmen zum Schutz vor NSA-Überwachung

Bild: CC-BY 2.0 Yuri Samoilov

Von Bruce Schneier.

Es gibt eine neue internationale Umfrage zu Internet-Sicherheit und Vertrauen unter »23.376 Internet-Nutzern aus 24 Ländern«, darunter »Australien, Brasilien, Kanada, China, Ägypten, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Hongkong, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kenia, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Polen, Südafrika, Südkorea, Schweden, Tunesien, Türkei and die Vereinigten Staaten«. Den Ergebnissen zufolge haben 60% der Internet-Nutzer von Edward Snowden gehört, und 39% von diesen »haben als Folge seiner Enthüllungen Schritte unternommen, um ihre Privatsphäre und Sicherheit online zu schützen«.

Dieser Aufsatz des US-amerikanischen Experten für Kryptographie und Computersicherheit, Bruce Schneier, erschien zuerst bei Lawfare und auf Schneiers Blog. Crosspost mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Florian Wagner.

Wenig Einfluss auf die Nutzer?

Die Presse interpretiert diese Ergebnisse meistens als Beweis dafür, dass Snowden keinen Einfluss gehabt hätte: »lediglich 39%«, »nur 39%«, und so weiter. (Man beachte, dass diese Artikel die Daten komplett falsch verstehen. Es sind nicht 39% der Menschen die Schritte unternehmen, um ihre Privatsphäre post-Snowden zu schützen, es sind 39% der 60% Internet-Nutzer – also nicht jeder – die von Snowden gehört haben. Das sind weit weniger als 39%.)

Dennoch stimme ich der »Edward Snowden Enthüllungen haben wenig Einfluss auf Internet-Nutzer«-Überschrift nicht zu. Er hat einen enormen Einfluss. Ich habe die tatsächlichen Daten pro Land berechnet, und dabei die Verfügbarkeit des Internets mit den Daten dieser Umfrage kombiniert. Nach diesen Berechnungen schätze ich, dass etwa 706 Millionen Menschen ihr Verhalten bei der Internetnutzung aufgrund der Überwachung durch NSA und GCHQ geändert haben. (Zum Beispiel nutzen 17% der Indonesier das Internet, 64% von diesen haben von Edward Snowden gehört und 61% haben Schritte unternommen, um ihre Privatsphäre zu schützen, was bei einer Bevölkerung von 250 Millionen 17 Millionen Menschen entspricht.)

Man beachte, dass die Länder in dieser Umfrage nur 4,7 Milliarden Menschen, bei einer Weltbevölkerung von 7 Milliarden, abdecken. Bei einer konservativen Schätzung, in der 20% der verbleibenden Bevölkerung das Internet nutzen, von diesen 40% von Snowden gehört und 25% von ihnen daraufhin etwas unternommen haben, sind das zusätzliche 46 Millionen Menschen weltweit.

»Peak indifference to surveillance«

Es stimmt wahrscheinlich, dass die meisten dieser Menschen Schritte unternommen haben, die keinen wirklichen Unterschied gegenüber dem Überwachungsniveau der NSA machen, und wahrscheinlich nicht einmal gegenüber der allgegenwärtigen Überwachung durch Konzerne Wirkung zeigen. Es stimmt vermutlich auch, dass einige dieser Menschen überhaupt nichts unternommen haben, sich aber wünschten sie hätten etwas getan oder wenigstens gerne wüssten, was sie tun können. Aber es ist absolut außergewöhnlich, dass 750 Millionen sich genug Sorgen um ihre Online-Privatsphäre machen, dass sie gegenüber einem Interviewer angeben, sie hätten Schritte unternommen um sich zu schützen.

Welche andere Nachricht hat im vergangenen Jahr dazu geführt, dass mehr als 10% der Weltbevölkerung ihr Verhalten änderten? Cory Doctorow hat recht: Wir haben »peak indifference to surveillance« (den Gipfel der Gleichgültigkeit gegenüber Überwachung) erreicht. Von jetzt an wird dieses Thema an Wichtigkeit zunehmen, und Politiker auf der ganzen Welt müssen ihm wohl langsam Aufmerksamkeit schenken.

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Kommentare

14 Kommentare zu Der Snowden-Effekt: Über 700 Millionen Menschen ergreifen Maßnahmen zum Schutz vor NSA-Überwachung

  1. Danke für die detaillierte Datensichtung!

    700 Millionen Menschen sind viel. Das sind immerhin 10% der Weltbevölkerung. Revolutionen wurden schon von viel kleineren Gruppen ausgelöst. Und Wahlentscheidend sind sie allemal – wenn das Thema in den Fokus kommt.

  2. zarathustra schrieb am

    moin

    und wie viele geben freiwillig ihre daten an datenhändler ala facebook & co?

    wie passt es den zusammen, dass die menschen kritisch gg überwachung sind und zugleich die datenhändler = social media steigendende zahlen melden?

    gibt es piraten, die bei facebook freiwillig daten über sich veröffentlichen, die mich nichts angehen und mich nicht zu interessieren haben?
    der staat darf diese daten nicht haben, sie bei händlern preiss zu geben, ist cool!

    es gibt da ein urteil vom bundesverfassungsgericht.
    zum datenschutz.
    jetzt könnt ihr gerne argumentieren, dass ihr damals nicht geboren wart.
    damals wurde der datensammelwut des staates zum ersten mal grenzen gesetzt.
    heutzutage ist es uncool, seine privaten daten nicht an private weiter zu geben.
    der staat, der an grundgesetz und nachfolgende gesetze gebunden ist, darf daten nicht haben – ein vielfaches an privaten daten wird an facebook

    • Der Krebs schrieb am

      Es gibt Menschen, die ihre Daten freiwillig an dubiose Firmen (Google, Facebook, Apple und co.) schicken.

      Es gibt Menschen, die übermäßige staatliche Überwachung (NSA und co.) ablehnen.

      Teilweise überschneiden sich diese Mengen, teilweise auch nicht.

      Aber man darf keinesfalls schlussfolgern, dass, nur weil einige sich freiwillig ausziehen, plötzlich ALLE Menschen (also auch die, die da nicht mitmachen) überwacht werden dürfen.

      Der grundlegende Unterschied ist: Sich bei Google, Facebook oder Apple anzumelden ist freiwillig, die staatliche Überwachung aber Pflicht für alle!
      Deshalb, ja genau deshalb, ist dieser Facebook-Exhibitionismus absolut rechtens (wenngleich befremdlich in meinen Augen), die staatliche Überwachung hingegen nicht.

      Zarathustra:
      Was Du in Deinem Kommentar völlig außer Acht gelassen hast, ist die überwiegende Mehrheit der Menschen, die NICHT bei dieser Facebook-Striptease-Show mitmachen. Das ist nämlich die Mehrheit! Du siehst sie nur nicht.

      Insofern ist der Einsatz der Piratenpartei gegen Überwachung absolut gerechtfertigt. Ich verstehe nicht, was Du mit Deinem Kommentar also hinterfragen willst?

  3. Ralf H. Badera schrieb am

    Was für eine lächerliche Augenwischerei:
    – Von 23.376 Befragten wird auf die gesamte Weltbevölkerung hochgerechnet – bravo! Das klappt noch nicht einmal bei hiesigen Wahlen, 80mio Einwohnern und noch weniger Wahlberechtigten.
    – Aus einer deutlichen Minderheit wird eine Masse hervor gezaubert, die dennoch eine Minderheit bleibt. 24% sind 24%. Das heißt im gleichen Atemzug, dass 76% genau nichts unternehmen. 76%. Drei von vier. OK, 24% sind immer noch besser als 10% oder noch weniger, doch angesichts der Brisanz des Themas ist das noch immer enttäuschend wenig (wie viele Whatsapper sind dort eigentlich ausgestiegen?). Apropos Thema – das ist doch eigentlich durch? Oder wer beschäftigt sich noch damit? Es sieht mir nicht danach aus, dass aus den 24% so viele werden, dass etwas geschehen wird. Momentan kann man einfach feststellen, dass der Mehrheit ihre Datensicherheit egal ist. Weil sie die Gefahren nicht sehen oder nicht verstehen.

    • Dirk schrieb am

      Schaut man die Datengrundlage mit ein bisschen Erfahrung in Marktforschung und Statistik an, findet man Ansätze zur Kritik eher bei der fehlenden Information über die Auswahl der Stichprobe, als bei ihrer Größe. Die berühmte „Sonntagsfrage“ zur Bundestagswahl kommt, entgegen Deiner Behauptung, z.B. mit 1000 Befragten aus. Und in der von Schneier verwendeten Befragung geht es ja nicht um Nachkommastellen, sondern um eine Tendenz – wobai auch die regional durchaus unterschiedlichen bewertungen spannend zu beobachten sind. CIGI und Ipsos haben nicht gerade einen schlechten Ruf in solchen Dingen, so dass man durchaus von ordentlicher Arbeit ausgehen kann, wenn keine besonderne Verdachtsmomente vorliegen. Zu einer pauschalen Abqualifizierung als „lächerlich“ oder „Augenwischerei“ reicht es jedenfalls nicht. Ist aber einfacher, gell ;)

      Konstruktiv könnte man – also in diesem Fall: Du – mithelfen, Strategien zu entwickeln, wie die Problematik „den Leuten“ besser nahegebracht werden kann. Wenn sich drei Viertel der Menschen einen Scheißdreck darum scheren, dass sie gegenüber in- und ausländischen Geheimdiensten und wer weiß wem noch völlig gläsern sind, dann müssen wir uns doh langsam fragen, was wir da falsch machen. Und „wir“ meint dabei jeden einzelnen, der in der anlasslosen und umfassenden Überwachung ein Problem sieht.

      Die Kommentarspalte ist offen: Wie erklärt ihr den Menschen, wie gefährlich es ist, was da abläuft?

      • Ralf H. Badera schrieb am

        Gut, es ändert zwar nichts an der Sache an sich (1/4 bleibt 1/4 und wird auch durch Zahlentricks keine Mehrheit), aber wenn Dir „lächerlich“ und „Augenwischerei“ nicht gefällt, nenn es halt „unseriös“.
        Die 1000 Befragten zur Sonntagsfrage spiegeln übrigens oftmals nicht das spätere tatsächliche Wahlverhalten wieder*, unterschiedliche Meinungsforschungsinstitute kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen – was also soll man davon halten?
        * Wie überraschend, wenn man von einer Stichprobe von wieviel Zehntel oder Hundertstel Promille auf die Gesamtheit schließen will…

        Wie man den Leuten mit wenigen einfachen Worten klar machen kann, wie gefährlich diese Entwicklung ist, weiß ich leider auch nicht. Um den eingetrichterten Standard-Argumenten der Ignoranten „habe nichts zu verbergen“, „so lange es gegen Terror/KiPo/sonstige Schwerverbrecher hilft“, „was sollen die schon mit meinen Daten anfangen“, „ich bin doch viel zu unwichtig als dass sie sich für mich interessieren“, „ohne facebook bin ich ausgegrenzt“, „habe bisher noch nichts gemerkt/keine Nachteile von der Überwachung“ und „das dient doch nur der Sicherheit“ den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss man halt weit ausholen und all zu oft auf einer abstrakten Ebene argumentieren, die vielen zu hypothetisch, zu praxisfremd, ja eigentlich schon verschwörungstheoretisch ist. So lange sie es nicht sehen, fühlen, spüren, schmecken können, ist das für sie nur theoretisches Blabla, zu abstrakt. Gepaart mit ein wenig Obrigkeitshörigkeit („die Merkel weiß schon was gut für uns ist“), Angst machender Bauernfänger-Rhetorik und auf Linie gebrachten Medien stehen wir einer schier undurchdringbaren Phalanx gegenüber. Nein, ich habe keine Idee, was man gegen so viel Ignoranz, Naivität und Dummheit tun kann.

      • Der Krebs schrieb am

        Zitat: Die Kommentarspalte ist offen: Wie erklärt ihr den Menschen, wie gefährlich es ist, was da abläuft?

        Wenn jemand sagt „ich habe doch nichts zu verbergen“, dann antworte ich:

        Wenn Du nichts zu verbergen hast, warum verwendest Du dann Briefumschläge (z.B. für die Gehaltsabrechnung oder den Liebesbrief), und nicht einfach nur Postkarten? (Das wäre doch viel günstiger!)
        Wenn Du nichts zu verbergen hast, warum trägst Du dann Kleidung auch im Sommer, wenn es heiß ist? (Nackt rumlaufen wäre doch viel einfacher!)
        Wenn Du nichts zu verbergen hast, warum stört es Dich dann, wenn am Bankschalter der nächste Kunde schon ganz dicht hinter Dir steht, und Dir über die Schulter schaut? (Er tut doch nichts!)

        Viele Leute erkennen dann, dass sie eben doch etwas zu verbergen haben: Ihre Privatsphäre! Und das zu recht.

        Meistens höre ich dann eine Antwort nach dem Schema, dass die Geheimdienstmitarbeiter das doch beruflich machen, und deshalb das alles sehen und wissen dürfen, was sonst niemanden etwas angeht.
        Dann verweise ich auf die Fälle, in denen z.B. ein Geheimdienstmitarbeiter seine Ex-Freundin ausspioniert hat, und zeige damit klar und deutlich: Die Menschen, die bei den Geheimdiensten arbeiten, sind eben auch nur Menschen, mit allen Fehlern und Schwächen, die dazu gehören. Warum sollten sie dann also mehr Befugnisse haben?

        Dann kommt meistens noch dieses abstruse Argument mit der Sicherheit: Die Leute glauben, dass wenn nicht ALLE Mobiltelefone, Internetanschlüsse und Banküberweisungen vorsichtshalber abgehört und überwacht werden, dann gäbe es hierzulande haufenweise Terroranschläge. So klingt das jedenfalls manchmal.
        Dagegen ist es sehr schwer zu argumentieren, weil die Leute eben eine (größtenteils unbegründete) ANGST haben, die durch die Politik der großen Parteien und die Medien geschürt wird.

        Auf rationaler Ebene kann man argumentieren, dass es doch gar keine empirische Grundlage gibt, dass diese Überwachungsmaßnahmen wirklich notwendig sind. Wieviele Terroranschläge sind denn tatsächlich durch diese oder jene bestimmte Maßnahme verhindert worden? Gibt es dazu unabhängige Studien? Nein? Eben.

        Auf emotionaler Ebene kann man leider nicht argumentieren. Da weiß ich dann auch nicht weiter. :-(

  4. test-test schrieb am

    Dies ist ein Test.

    (An die Technikabteilung: Die Eingabefelder für Name, E-Mail-Adresse und Webseite sind nicht beschriftet, bzw. die Beschriftung wird im Firefox nicht angezeigt; jetzt muss man rätselraten, was wohin gehört… bitte korrigieren, vielen Dank!)

    • Dirk schrieb am

      Hat jedenfalls gut geklappt. Welches Endgerät, Betriebssystem und welche Firefox-Version?

      • test-test schrieb am

        Ich benutze die neuste Version von Tor Browser. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, welche Version von Firefox da verwendet wird.
        Ist jetzt aber auch egal, denn seit neustem sind alle Felder ja schön ordentlich beschriftet – das habt ihr also verbessert, stimmt’s? Vielen Dank!

        Apropos Tor Browser: Denselben verwende ich auch erst seit den Snowden-Enthüllungen, womit wir wieder beim Thema wären. ;-)

        • Dirk schrieb am

          Ah ja. Sorry. Da war das Stylesheet kaputtgegangen, weil wir diese Zeitleiste so toll formatiert haben und das wurde vorgestern repariert.

          Zur Benutzung des Tor-Browsers: Ja, das ist gut! Ich freue mich über jeden, der’s macht (und noch mehr über Leute, die einen Node anbieten, vielleicht sogar einen Exit-Node). Eine Lösung ist es allerdings nicht. Es kann nicht sein, dass wir unsere Fenster zunageln, weil »der Staat« – bzw seine wildgewordenen Exekutivorgane – Kameras vor die Fenster schnallt. Technik ist Notwehr und im Endeffeket nur geeignet, um die Geheimdienste zu schikanieren. Das ist gut, aber wir müssen auch das zugrundeliegende Problem lösen – und zwar politisch. Dass gerade jetzt wieder die Freunde des Überwachungsstaates die Köpfe aus dem Sand strecken, stimmt traurig.

          • Ralf H. Badera schrieb am

            War doch klar und zu erwarten, entspricht ihrer Denkweise und ihrer Aufgabe. Wenn nicht bei einer solchen „Vorlage“, wann sollten sie denn dann aktiv werden? Eine solche Tat ist doch viel besser geeignet als das gebetsmühlenartige „wir werden alle sterben!“ äh „Terror!“ ohne konkretes Futter zum besten zu geben.

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