Wissen und Ideen lassen sich nicht einschließen

CC-BY Tobias M. Eckrich

Ein Gastbeitrag von Anita Möllering, Pressesprecherin der Piratenpartei, zur Schließung von »Pirate Bay«.

In dieser Woche ist der BitTorrent-TrackerIndizierer* »The Pirate Bay« vom Netz genommen worden. Die schwedische Polizei hat im Zuge einer Razzia wegen Urheberrechtsverletzungen etliche Server beschlagnahmt. Zur gleichen Zeit sollen Tracker-Websites wie EZTV, Zoink Torrage, Istole, das Pirate-Bay-Forum Suprbay.org sowie Pastebay.net und Bayimg.com offline gegangen sein. Ein Zusammenhang zur Razzia wird angenommen, ist aber nicht bewiesen.

Die »Pirate Bay« ist historisch sehr eng mit der Piratenpartei verbunden. Die Piratenpartei hätte es vielleicht nie gegeben, wenn es nicht die Anti-Copyright-Organisation Piratbyrån (dt. »Piratenbüro«) und das von ihnen gegründete »Pirate Bay« gegeben hätte. Der Kampf gegen das überkommene Urheberrecht, das den freien Austausch von Wissen und Information blockiert und verbindet, gehört sowohl zu den Gründungsmotiven der Filesharing-Plattform als auch der Partei. Nun gibt es »The Pirate Bay« nicht mehr. Als Piraten wollen wir dazu Stellung nehmen, auch wenn diese Stellungnahme sehr differenziert ausfällt.

Peter hat in einem weiteren Text noch etwas mehr gesagt (netzpolitik.org stellt eine deutsche Übersetzung bereit). Seine Botschaft “Ich bin für meine Sache ins Gefängnis gegangen. Was hast du gemacht?” hält uns den Spiegel vor. Wir alle sollten sie ernst nehmen.
– Red.

Peter Sunde, einer der Gründer der Plattform und ehemaliger Spitzenkandidat der finnischen Piratenpartei zur Europawahl, hat gleich nach Bekanntwerden der Schließung gebloggt: Er freue sich über die Schließung. Er sei kein Fan von dem, was aus The Pirate Bay wurde. Die Technologie sei seit Jahren nicht mehr weiterentwickelt worden. Lediglich das Angebot an geschmackloser Werbung für Pornos und Viagra wird immer weiter ausgebaut. Die jetzigen Betreiber treiben nur kommerzielle Interessen. Von den Gründungsmotiven ist nichts mehr übrig. Eigentlich sei mit den neuen Betreibern verabredet gewesen, die Plattform zu ihrem zehnten Jahrestag zu schließen. Stattdessen wurde exzessiv gefeiert – finanziert von einem Unternehmenssponsor, der leichtbekleidete Frauen als Werbe-Hostessen einsetzte.

Die schwedische Piratenpartei hat die Razzia als Versuch kritisiert, die Weitergabe von Dateien ohne Unterschied zu stoppen und zu kriminalisieren. So würden über »The Pirate Bay« auch die Songs des Künstlers ytcracker verbreitet, die unter einer freien Lizenz veröffentlicht wurden. Unsere Abgeordnete im Europaparlament, Julia Reda, twitterte:

#ThePirateBay is down, but sharing information will only get easier. We need to fix copyright, not fight the symptoms of a broken system.

Und was sagen wir?

Nun, wir schließen uns Peter Sunde insoweit an, dass sich der BitTorrent-TrackerIndizierer* »The Pirate Bay« als Projekt einer urheberrechtskritischen und netzpolitischen Avantgarde überlebt hat. Insofern ist es um die Schließung der konkreten Plattform wohl auch nicht allzu schade.

Was uns allerdings stark beunruhigt, ist der Eindruck, dass es sich hier um eine konzertierte Aktion gegen sehr viele Filesharing-Angebote handelt. Angebote, die der Content-Industrie seit Jahren ein Dorn im Auge sind. Unser Themenbeauftragter für Urheberrecht, Bruno Kramm, kritisiert diese Entwicklung:

Die Rücksichtslosigkeit, mit der der private und nicht-kommerzielle Tausch von Kulturgütern kriminalisiert und verfolgt wird, ist aus der Zeit gefallen.

Der digitale Wandel und das Internet haben die Möglichkeit geschaffen, Wissen und Informationen frei zu tauschen. Es ist also nur allzu verständlich, dass Konsumenten diese Möglichkeiten nutzen wollen, ohne kriminalisiert zu werden. Doch statt auf diesen Bedarf zu reagieren, hält die Politik immer noch an ihrem in der Praxis nicht mehr durchsetzbaren Filesharing-Verbot fest. Auch wenn Filesharer noch so drastisch verfolgt werden, wird das Katz-und-Maus-Spiel immer weitergehen. Für Bruno Kramm ist die Sache klar:

Auf jede geschlossene Plattform folgen ein paar neue. Auf jede Verschärfung der Überwachung folgt ein neuer digitaler Workaround. Leidtragend ist jene wachsende Zahl der Bürger, die sich aus Angst vor Verfolgung und Überwachung zunehmend von den Möglichkeiten des Internets zurückzieht. Diese Entwicklung ist fatal.

Unsere Abgeordnete Julia Reda setzt sich im Europaparlament für eine Reform des Urheberrechts ein. Wir hoffen, dass sie auf politischem Weg mehr erreichen und nachhaltiger wirken kann.

___
*) aufgrund freundlichen Leserfeedbacks korrigiert. Ein BitTorrent-Index ist lediglich ein Verzeichnis verfügbarer Torrents, während ein BitTorrent-Tracker eine Vermittlungsfunktion übernimmt. Bis zur Abschaltung der Tracker-Funktionalität 2009 war The Pirate Bay der größte BitTorrent Tracker. Inzwischen ist sie eigentlich auch kein „richtiger“ Torrent-Index mehr, da sie seit 2012 keine .torrent-Dateien mehr vorhält, sondern „Magnet“-Links. Für politische Bewertungen wie die von Anita und moralische Bewertungen wie die von Peter spielt all dies natürlich keine Rolle und so ist The Pirate Bay im Sprachgebrauch für die Allermeisten eben kein Magnet-Index, sondern immer noch der Inbegriff des BitTorrent-Trackers.

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Kommentare

8 Kommentare zu Wissen und Ideen lassen sich nicht einschließen

  1. Simon Lange schrieb am

    (1) Es gibt keinen „BitTorrent-Tracker »The Pirate Bay«“
    (2) „wir schließen uns Peter Sunde insoweit an“ aufgrund welchen neuen Beschluss? Mal abgesehen davon dass seine Meinung durchaus nicht von allen geteilt wird. Im Gegenteil.
    (3) „Insofern ist es um die Schließung der konkreten Plattform wohl auch nicht allzu schade.“ Das sehen offenkundig viele anders. Wohl auch weil es mittlerweile weit mehr war als „nur“ eine Suchmaschine. Sondern dort auch sinnvolle Projekte gepusht wurden. Unter anderem Creative Commons und künstlerische Projekte welche unter dieser Lizenz publiziert wurden.
    und
    (4) Ein Statement nachdem die Seite wieder online ist über die Schließung.

    Aber immerhin, zumindest kam noch etwas wenn auch eher suboptimal und zu spät. Offenbar muss die Pressestelle Kernthemen erst wieder erlernen.

  2. nobod schrieb am

    Simon, wie wäre es, wenn Du das nächstemal eine Pressemitteilung schreibst, wenn Anita so erzweifelt um Hilfe ruft – anstatt nachher herumzuätzen? Das ist das beste Beispiel, warum keiner mehr Lust hat und niemand mehr was macht, und warum die Piraten am Ende sind.

    • Gernot Köpke schrieb am

      Die Frage der Legitimität von formulierten Standpunkten als allgemeine Aussage der Piraten muss schon gestellt werden dürfen, auch wenn freilich der Ton stets die Musik macht ;-)

      Nichtaushalten können von Kritik als Unlust-Ursache? Da würden mir zig überzeugendere Gründe einfallen, wäre ich von selbiger befallen. Auf jeden Medienhype folgt eine Art Antihype. Ist doch nicht wirklich neu und kein Grund für Kopf in Sand. Macht ja nicht mal der Vogelstrauß…

    • Simon Lange schrieb am

      Zum einen habe ich VOR dem Beitrag von Anita bereits dazu etwas geschrieben:
      http://solipa.de/2014/12/11/piratebay-nach-beschlagnahmung-von-servern-offline/
      Des Weiteren blockt sie mich, seit sie mal mit der Presse wegen der Bombergate Sache aneinander geraten ist. Warum sie mich blockt ka. Aber daher kann ich auf Ihre “Hilferufe” kaum eingehen.
      Zuguter letzt liegt es ggf nicht unbedingt am fehlenden Hilfsangebot sondern and der Verve zu meinen man könne professionelles Arbeiten persönlichen Vorbehalten opfern. Denn mitunter ist Hilfe gewollt. Das zeigt sich immer lustigerweise dann wenn nach Hilfe gerufen wird und Hilfe die dann herbei eilt ausgeschlagen wird.
      Bei mir bist Du also mit solchen Vorwürfen beim Falschen gelandet. An mir liegt es nicht. Ich helfe wo ich kann – und man mich lässt. ;)

      • Chico schrieb am

        Geil! Jetzt zerlegen sich die Piraten schon auf ihren Pressemeldungen. Eure internen Strukturen funktionieren offenbar vorzuüglich – nicht auszudenken, wenn man euch auf die Bundespolitik loslassen würde.

        Im Übrigen zum Thema: „Der Kampf gegen das überkommene Urheberrecht, das den freien Austausch von Wissen und Information blockiert “ – wenn man sich mal den Daten-Traffic anschaut, dann stehen bei der Pirate Bay an den ersten zwei Stellen: Filme und Computerspiele. Die Pirate Bay wurde von dem allergrößten Teil der Nutzer als Gratis-Geschäft genutzt, Wissensaustausch und Kultur waren lediglich eine Randerscheinung. Und genau deshalb ist die Justiz dagegen vorgegangen!

  3. Tim schrieb am

    Na also, Rückbesinnung auf die „Kernthemen“. Das war doch eigentlich der Anlass für die Gründung der Piratenpartei, oder? LEglaisierung von Raubkopien und Kinderpornos ohne Überwachung.

    Ihr habt sowas von fertig.

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