Dreißig Jahre nach Bhopal – Haben wir gelernt?

(CC-BY) Luca Frediani

Ein Gastbeitrag von Holger Hennig, @Hollarius.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, eine Zeit, in der man aus Katastrophen lernen könnte, der größte Teil einer Generation. Vor dreißig Jahren starben zehntausende Menschen in Indien, weil eine amerikanische Chemiegesellschaft an Sicherheitsvorkehrungen, an Mitarbeitern und so ziemlich allem anderen sparte, was vor technischen Problemen schützt. Billig wurde in einem armen Land ein Pflanzenschutzmittel hergestellt, Tonnen hochgiftiger Chemikalien waren dafür in der Fabrik gelagert, und als davon ein paar Tonnen ausströmten, starben Zehntausende, noch mehr erblindeten, ihr Erbgut wurde geschädigt, Opfer in Bhopal wurden häufig viele Jahre nach der Katastrophe geboren, und werden es weiterhin.

Die damalige Besitzerfirma und ihre Rechtsnachfolger haben sich mit lächerlichen Beträgen freigekauft, die zum allergrößten Teil nie bei den Opfern ankamen. Die Segnungen von Kapitalismus und korrupter Gesellschaft. Skrupellos verweigert der Chemiekonzern bis heute, das alte Firmengelände endlich zu dekontaminieren, obwohl die Kosten gegenüber den Konzerngewinnen lächerlich niedrig wirken.

Wir schauen uns das an, und wenn wir wenigstens ein wenig Empathie aufbringen, sind wir erschüttert, hoffentlich auch wütend – aber keine Sorge, das Gefühl wird morgen schon wieder vergessen sein: Bhopal ist weit weg und Weihnachten steht vor der Tür. Und irgendwie ist auch immer so, denn sonst würden wir ja etwas ändern, oder? Vielleicht mal aus dem Schaden klug werden.

Wenn Bhopal eines klar macht, dann, dass es auch einen Krieg ohne Waffen gibt, der gedanken- und gewissenlos gegen die geführt wird, die arm sind, die nicht mitspielen können, die am Rand leben. Und wenn es nur der Rand der Welt ist, auf die sich unser Blick konzentriert. Und dieser Krieg ist systemimmanent, diesen Krieg führen wir an jedem Tag, an dem wir einkaufen, mit jedem Moment, in dem wir unseren Wohlstand hier genießen.

Und es hat sich ja auch in den dreißig Jahren nichts geändert. Nicht nur, dass die Opfer von Bhopal immer noch mit grausamer Ignoranz behandelt werden: Bhopal kann sich jeden Tag in einer Menge Länder genauso wiederholen, und viele kleine Bhopals hatten wir in den letzten Jahren, wenn Fabriken brannten. Und jedes Kind, das keine Schule besucht, sondern zur Arbeit verkauft wird und für unsere Kinder Fußbälle näht ist auch ein kleines Bhopal, eine von diesen unmenschlichen Ungerechtigkeiten, über die wir hinweggehen, weil es uns ja nicht betrifft.

Wir erkaufen unsere eigene Gesundheit mit der ärmerer Menschen, wir erkaufen die Zukunft unserer Kinder mit den Leben von Kinder, die eine andere Hautfarbe haben, die irgendwo weit weg sterben, deren ungelebte Leben uns nichts angehen. Wir wissen das alle. Und nur wenige würden offen sagen, dass ihnen diese Leben egal sind. Im Gegenteil, gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, spenden wir in alle Richtungen, beruhigen unser Gewissen. Und die Reichen in unserem Land wie in allen Ländern, lachen über diese Spenden, weil sie ja nichts bewirken, außer letztlich wieder in ihren Kassen zu landen.

Wir sollten das mit den Spenden nicht unbedingt lassen, aber viel wichtiger wäre, wenn wir endlich etwas ändern würden. Endlich die Menschen, die mit dem Elend und dem Tod von Menschen Geld machen, zur Verantwortung ziehen. Und letztlich auch selbst Verantwortung für Millionen übernehmen, die verhungern, weil wir es nicht schaffen, den Reichtum der Welt besser zu verteilen. Und es geht dabei nur um den politischen Willen, genau das zu tun. Der politische Wille, Konzerne zu Nachhaltigkeit, Fairness und menschlichem Umgang mit ihren Mitarbeitern zu verpflichten. Der politische Wille, auch mal Wachstum für Menschenleben zu opfern, statt umgekehrt. Wie schade, dass es ihn nicht gibt.

Flattr this!


Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

12 Kommentare zu Dreißig Jahre nach Bhopal – Haben wir gelernt?

  1. Dirk schrieb am

    Ähnlich wie uns hat auch den Deutschlandfunk der Jahrestag bewegt. Während Holger sich naturgemäß auf die politische Bewertung konzentriert hat, bringt der Sender eine ausführliche geschichtliche Darstellung und lässt auch Menschen vor Ort zu Wort kommen. Den Beitrag in der Reihe „Hintergrund“ möchte ich allen Lesern ans Herz legen. Der Text ist bereits online, die Audio-Version wird wie immer etwas später folgen.

  2. Thomas Schmidt schrieb am

    „Opfer in Bhopal wurden häufig viele Jahre nach der Katastrophe geboren“ – Hä?

    „Die Segnungen von Kapitalismus“ – Kapitalismus ist auf Mehrung von Kapital aus. Hier wurde ein riesen Schaden angerichtet. Das ist kein Kapitalismus.

    „wenn wir wenigstens ein wenig Empathie aufbringen, sind wir erschüttert, hoffentlich auch wütend“ – Jawohl, ich bin wie gewünscht wütend. So richtig stinkig! Ich könnte mir schon fast ein Schild bauen und irgendwo auf Like klicken!

    „diesen Krieg führen wir an jedem Tag, an dem wir einkaufen, mit jedem Moment, in dem wir unseren Wohlstand hier genießen.“ – Entschuldige, ich habe gerade fast mein Leben genossen. Ich Täter!

    Der Rest ist mir zu viel Blabla, als dass ich eine These finden könnte.

    • Dirk schrieb am

      > „Opfer in Bhopal wurden häufig viele Jahre nach der Katastrophe geboren“ – Hä?
      Bitte hör Dir auch den Beitrag des Deutschlandfunks an, in dem noch ausführlicher auf die Geschichte des Vorfalls eingegangen wird. Anrainer bezogen jahrelang ihr Trinkwasser aus vergifteten Brunnen etc.

      > „Die Segnungen von Kapitalismus“ – Kapitalismus ist auf Mehrung von Kapital aus. Hier wurde ein riesen Schaden angerichtet. Das ist kein Kapitalismus.
      Die Regelmechanismen eines ungebremsten Kapitalismus sorgen für kurz- bis mittelfristige Gewinnmaximierung. Der Schaden wird in diesem Fall schlicht woanders angerichtet – schert also den Konzern nur so weit, wie er ihn finanziell oder imagemäßig beschädigt. Derartige Praktiken finanziell unattraktiv zu machen, ist ja ganz offenbar gnadenlos gescheitert und leider reichen selbst solche Katastrophen nicht, die Sicht der Öffentlichkeit auf solche Konzerne ins rechte Licht zu rücken. Insofern: Was genau ist hier kein Kapitalismus?

      > ich bin wie gewünscht wütend. So richtig stinkig! Ich könnte mir schon fast ein Schild bauen und irgendwo auf Like klicken!
      Dir stehen auch andere Möglichkeiten zur Verfügung: Du könntest zum Beispiel deutlich sichtbare Signale senden, dass Dir weitere Aufweichungen von Rechten durch „Freihandelsabkommen“ wie TTIP nicht recht sind – am besten auf einer der zahlreichen Kundgebungen dagegen, denn erst wenn genug Menschen auf die Straße gehen, werden die Großkoalitionäre eine Bedrohung ihrer Macht wahrnehmen und entsprechend handeln. Und Du könntest Dich bei Deiner nächsten Wahlentscheidung daran orientieren, wer glaubhaft macht, dass er die grundsätzlichen Wirkmechanismen so verändern möchte, dass dergleichen nicht mehr möglich ist. Wenn Du noch mehr tun möchtest, kannst Du auch einer solchen Partei beitreten und noch mehr Menschen davon überzeugen, sich dafür einzusetzen. So habe ich das gemacht. Aber Du kannst natürlich auch einfach nur irgendwo klicken.

      > „diesen Krieg führen wir an jedem Tag, an dem wir einkaufen, mit jedem Moment, in dem wir unseren Wohlstand hier genießen.“ – Entschuldige, ich habe gerade fast mein Leben genossen. Ich Täter!
      Durch unsere Gleichgültigkeit tragen wir natürlich dazu bei, dass – ganz kapitalistisch – den Konzernen kein debitorischer Posten entgegensteht, wenn sie derartige „Einsparungen“ machen. Wir haben, pardon: hätten, es in der Hand, durch geeignete Gestaltung unseres Einkaufsverhaltens Signale zu setzen. Ich halte nichts von plumpen Boykottaufrufen und vor allem nichts davon, Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, die aus Unkenntnis Produkte eines solchen Konzerns erwerben. „Mein Leben genießen“ kann ich persönlich allerdings besser mit Produkten, an denen nicht – wie in diesem Fall – ganz buchstäblich Blut klebt. Aber dazu muss man es halt erstmal wissen.

  3. Andena schrieb am

    Naja. mal wieder einer der eher schwächeren Artikel der Piratenpartei.

    Ja, es ist richtig, dass Dow Chemicals Verantwortung hätte zeigen müssen. Besser sogar schon vor dem Unfall mit der Schließung einer Anklage, die nicht mehr profitabel arbeitete weil das hergestellte Produkt nicht abgesetzt werden konnte und durch die Sparorgien des Managements die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war. Soweit so richtig.

    Nein, es ist nicht richtig, aus dem unverantwortlichen Handeln von Managern in den USA und den sorglosen „Verantwortlichen“ vor Ort sowohl eine Meta-Kritik am ach so pösen Kapitalismus als auch eine rassistische Propaganda ala pöse Weiße vs arme dunkelweiße/braune Inder zu konstruieren.

    Diesen Missbrauch der Opfer für politische Kampfparolen aus der linksextremistischen Ecke sollte die Piratenpartei nicht so stehen lassen.

    • Dirk schrieb am

      > politische Kampfparolen
      Wenn Du das so siehst, dann kannst Du sicher befriedigende Antworten auf die folgenden Fragen geben:
      1. Welche konkreten Maßnahmen „die Politk“ aus den Vorfällen abgeleitet, um das Messen mit zweierlei Maß bei Sicherheitsstandards zu beenden?
      2. Wie genau sorgt das neuerdings so hochgelobte TTIP hier für Besserung?
      3. Da Du den Vorwurf des Rassismus ablehnst: Welche besondere Form von Menschenfreundlichkeit ist das genau, wenn „die Inder“ unter anderen Sicherheitsbedingungen arbeiten müssen, als man es „den Amerikanern“ zumuten könnte? Falls Du antworten solltest „Weil Dow es dort ungestraft tun konnte“, dann bitte weiter zu Frage 1.

  4. George Milles schrieb am

    Grundsätzlich finde ich richtig, was hier gesagt wird. Ob wir selbst durch Passivität auch schuldig sind. im Grundsatz auch richtig, do wo fangen wir heute noch an Widerstand zu leisten, gegen Geschäftspraktiken, wie in Bhopal? Bhopal ist doch überall, wo eine korrupte, Kapitalistische Gesellschaft die Möglichkeit sieht durch Korruption und Manipulation von Behörden und Regierungen, Gewinne zu maximieren. Sind wir nicht passiv, weil wir längst verstanden haben, das wir einen Kampf gegen Windmühlen führen, den wir schon vor Jahrzehnten verloren haben. Sind wir nicht passiv, weil wir unbewusst wissen, nur der eigene Zusammenbruch dieser Gesellschaft, ist die Chance von vorn anzufangen? Ich denke wir gehen sehenden Auges in den Untergang und es ist uns egal, Weil wir es gewohnt sind, aus der Asche Neues zu erschaffen oder weil wir einfach ignorant sind.

  5. Bachsau schrieb am

    Solchen Zuständen ist nur mit Waffen beizukommen. Früher hat hier wenigstens noch die RAF was gemacht. Seit sie weg sind, macht keiner mehr was.

    • Dirk schrieb am

      Und was hat die RAF errreicht? Rückblickend muss man leider feststellen: Wer sich terroristischer Mittel bedient, wird langfristig nur den Vorwand für immer mehr Bürger- und Menschenrechtseinschränkungen liefern. Die RAF lieferte den Vorwand für den „129“, und die Attentäter des 9/11… ach das weißt Du doch genausogut wie ich. Ich denke: Solchen Zuständen ist nur dadurch beizukommen, dass man die Einwirkung der Wirtschaft auf die Politik wirksam begrenzt und stattdessen viel mehr Menschen dazu bewegt, statt kurzfristiger Empörung langfristig über die eigene Wahlentscheidung Einfluss zu nehmen. Solange das den meisten hier im Wohlstandsland allerdings am A*** vorbeigeht und Konsum und der schnelle Klick das Ziel ist, können die verflochtenen Strukturen aus Wirtschaft und Politk leider ungehindert weiterwurschten. Im Moment legen sie uns mit TTIP gleich das nächste Ei ins Nest.

  6. Chico schrieb am

    AIDS, Gras, jetzt Bophal….wie wärs wenn sich die Piraten mal wieder mit aktuellen Inhalten befassen würden?

    Wie wärs z.B. mal mit einer Analyse und Stellungnahme gegenüber der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen?

    Aber nein, dann könnte man euch ja einen politischen Standpunkt zuordnen.

    Also lieber weiter völlig gefahrlos Krokodilstränen vergießen: ich empfehle „Wut“-Artikel über den 1.+2. Weltkrieg, über den Korea-Krieg, Vietnam-Krieg, Walfang in Japan, Ölverschmutzung durch Ölplattformen, das Ozonloch, Arbeitsbedingungen in China, Alkoholismus in Russland, Gefängnisse der USA, Malaria in Südamerika….

    Was wurde übrigens aus euren Korrespondenten vom Maidan? Wo bleibt die Berichterstattung über Auswirkungen der deutschen Außenpolitik in der Ukraine? Wo bleibt eine Analyse der dortigen Vorgänge? Über ukrainische Flüchtlinge in Deutschland?

    Ach, lassen wir das.

    Arbeitslosigkeit in Frankreich, Frauenrechte in Arabien, Kmer-Regime, die Zeiten des Shah von Persien, Genozid an den Armeniern, Ölförderung in Kanada, Verschmutzung des Mondes durch Raumsonden…jetzt habt ihr genug Ideen mindestens bis für die nächsten 2 Bundestagswahlen!

    • Dirk schrieb am

      > ich empfehle
      Danke. Wir werden das zu passenden Zeitpunkten erwägen.

      Zur Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und vor allem zum Demokratieverständnis einiger Thüringer Politiker haben wir glaube ich, einstweilen genug geschrieben. Kernthema Demokratie, wenn Du so willst. Der nächste Anlass dazu wird erst am nächste Woche sein, wenn die CDU wieder mit Nazis gemeinsam auf die Straße geht und wenn Ex-Volkskammermitglieder wieder dem in Hessen aufgewachsenen Ramelow eine SED-Vergangenheit andichten wollen. Den Koalitionsvertrag und vor allem dessen Umsetzung kritisch zu begleiten, ist dann Aufgabe der thüringischen Piraten.

    • Nadja Beeker schrieb am

      Diese Themen sind leider aktuell, heute wie damals. Ohne offenen Aufstand ändert sich nichts! Nur weil wir Alles immer schneller und billiger haben wollten passiert es. Erdgas statt Öl? Fracking! Das Wasser ist voller Chemie und brennt! Subventionen ohne Verhältnis zur Nutzungsform? Chemie in rauhen Mengen aufs Feld. Das Wasser voll Nitrat, Moore ade. Wir verheizen extra dafür angebauten Mais in Biogasanlagen, obwohl die ursprünglich für die Verarbeitung von Mist und Ernteabfälle gedacht war, was übrig geblieben wäre, hätte man als Dünger verteilen können – ohne Wurmeier, pathogene Keime und solche Überraschungen.

      Aber wir ändern nichts wenn wir schweigen! Das ist stillschweigendes Einvernehmen

Es können keine neuen Kommentare mehr abgegeben werden.

Weitere Beiträge: