Das Leistungsschutzrecht ist nicht die einzige Antwort der Verleger

(CC-BY-SA) Bundesarchiv, B 145 Bild-F079099-0023

Ein Gastbeitrag von Kiko Hilger, @katrinhilger.

So, jetzt hat die Medienkrise auch eines der ganz großen Flaggschiffe erreicht – die Frauenzeitschrift Brigitte, unangefochtene Nummer eins dieses Marktsegments, hat mit Auflageneinbrüchen zu kämpfen. Verkaufte sie 2007 noch 794.000 Exemplare, sind es mittlerweile nur noch 558.000, also eine Viertelmillion weniger Leserinnen. Deswegen werden nun all die Redakteure, die für Recherche und Schreiben eingestellt waren, entlassen. Die Planer, Marketingleute, die Chefs vom Dienst dürfen bleiben, um Texte von Freien einzukaufen. Das dürfen sie, denn auch da sank etwas dramatisch – nämlich das Honorar, das Freie bekommen. Von 150 Euro für einen Text in einer Tageszeitung oder 1500 für einen großen, aufwändig recherchierten Magazinbeitrag, den man vielleicht alle 2-3 Monate platzieren kann – davon kann niemand leben. Eine bittere Entwicklung für den Journalismus.

Wirtschaftlich ist das Handeln der Verlage verständlich. Printjournalismus ist eine sterbende Kunst, der Nachwuchs liest die Tageszeitungen kaum noch, mittlerweile sind auch die Zeitschriften im Verliererstrudel angekommen. Die Jugendlichen haben ihren Medienkonsum komplett ins Internet verlegt – das ist an den Auflagenzahlen der „Bravo“ deutlich abzulesen: von 1,4 Millionen in den 90er Jahren zu gerade mal 145.000 Heften 2014. Um noch etwas zu retten, bringt die gedruckte Bravo mittlerweile Berichte über Digitales wie Youtubestars, Herrn Tutorial, Bibi oder Gronkh – die Medienstars von heute.

Keine Frage – in der Medienwelt muss sich mehr ändern, damit die Verlage weiterbestehen. Redakteure ‚rauswerfen und Blätter einstampfen reicht nicht mehr. Und es passiert ja auch viel. Heimlich, still und leise. Denn die Wege, mit denen die Verlage ihre Gewinne sichern, sind nicht immer die, die sich mit dem Grundsatz der Trennung von Werbung und Redaktion vereinbaren lassen. Denn während Springer den anderen Verlagen das Leistungsschutzrecht als Quelle allen (Einnahme-) Heils anpreist, und viel Wind um die Sache macht, verlagert der Verlag still und heimlich sein Geschäftsmodell. Statt Print- oder Onlinejournalismus setzt Springer auf Verkaufsportale wie „kauf da“, „onmedo“ „eatsmater“ oder Webportale wie „goFeminin“. Weiß man das, sieht man, dass das Leistungsschutzrecht nicht mehr als ein Machtkampfmittel ist, denn das große Geld wird ohnehin woanders gemacht.

Auch Burda setzt mehr auf Onlinekaufen denn auf Leistungsschutzrecht. „Bunte online“ oder „Instyle“ etwa sind durchsetzt mit Werbung, die manchmal nicht mehr vom redaktionellen Inhalt zu trennen ist. Mitten im Text wird auf Shops verlinkt – und an den Shops, etwa der Shoppingcommunity edelight, ist Burda als Mitbesitzer beteiligt. Das ist clever. Aber Qualitätsjournalismus ist das keiner mehr. Hier finden sich die Jobs übrigens wieder, die im Print-Journalismus verloren gehen. Die Onlineredakteure sind schlechter bezahlt und müssen bereit sein, sich auf eine Mischform aus Werbung und Journalismus einzulassen. Schön wäre, wenn guter Journalismus mit den Modellen gegenfinanziert würde – aber das passiert nicht.Verlierer sind die Leser, die nur noch Häppchen bekommen, die als Umfeld für das Anzeigengewusel taugen.

Die beiden großen Verlage sind nur exemplarisch – mehr oder weniger nutzen die meisten Verlage solche Geschäftsmodelle – oder versuchen es zumindest. Ob diese Lösungen auch für die großen Tageszeitungen etwas wäre, die für den Meinungspluralismus sorgen, aber auch mit Auflagen- und Anzeigenschwund kämpfen? Online auf Gaucks Krawatte zum Kauf verlinken oder auf „Jackets im Stil von Angela Merkel“? – Eher nicht. Da sind wir Leser gefragt – wenn wir auch in Zukunft auf die Kommentare etwa eines Heribert Prantl nicht verzichten wollen. Der unabhängige Journalismus sollte uns etwas wert sein – müssen wir dann nicht auch bereit sein, etwas dafür zu zahlen?

Kiko twittert unter @katrinhilger und bloggt auf katrinhilger.com/ über Dinge…

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Kommentare

6 Kommentare zu Das Leistungsschutzrecht ist nicht die einzige Antwort der Verleger

  1. lörracher Pirat schrieb am

    Die Verlage sollten mehr auf Community und Crowd setzen, an einem gut besuchten Nutzerforum wo sich die Leute lange aufhalten um zu diskutieren lässt sich ja auch viel Geld durch Werbung verdienen. Zumal der Usercontent ja auch in Google auffindbar ist und langfristig Klicks generiert.

    Statt dessen setzen die Verlage aber auch zentralistische Modelle, Diskussionsforen existieren nicht, kommentare werden wenn überhaupt nach Stunden oder Tagen freigeschaltet. Und wenn die Tageszeitung dann in den Verkauf von Wein oder Webshops einsteigt anstatt den Nutzern eine Plattform für Diskurs und Informationsaustausch zu ermöglichen dann kann das natürlich nur schief gehen. Und wenn es dann schief geht dann ist natürlich wieder die angebliche „Gratis Kultur“ im Internet schuld.

    Was die Journalisten angeht, wir brauchen endlich das Bedingungslose Grundeinkommen damit diese mehr Unabhängigkeit und Zeit haben auch mal zu Themen zu recherchieren anstatt sich nur auf die billig Aufträge der Verlage konzentrieren zu müssen.

  2. Karl schrieb am

    So schlimm finde ich das jetzt nicht.

    Immerhin muss man ja auch berücksichtigen, dass z.B. das recherchieren für neue Inhalte Heute am PC geschieht ;-) Wo man früher noch quer durch die Gegend gefahren ist um Informationen zu sammeln, gehen die Heute auch erst einmal zu Google und schauen was sie da finden ;-) Wenn sie die Inhalte nicht schon fertig aus Presseagenturen haben.
    An der Schreibmaschine sitzt jedenfalls keiner mehr davon ;-)

    Klar ist es schade um die Menschen die da arbeiten und jetzt weniger Geld verdienen. Aber was verdient Heute schon noch ein Schuster oder Änderungsschneider, in Zeiten wo man die Schuhe und Kleidung zum billig Preis kaufen kann.

    Die Menschheit entwickelt sich eben weiter und manchmal bleiben Sachen auf der Strecke. Aber dafür werden Arbeiten auch immer leichter.

  3. Christian schrieb am

    Antwort auf die letzte Frage aus dem Artikel:
    Ja, Nutzer sollten bereit sein, was bezahlen. Aber nicht dafür, Artikel hinter Paywalls zu lesen, auf die man folglich in Diskussionen kaum ordentlich als Quelle verlinken kann.

    Da braucht es andere Modelle. Die TAZ macht das schon ganz gut(man darf freiwillig für Artikel zahlen, die auch so verfügbar sind).

    Bei Zeit und co kann man leider nur Bonusmaterial kaufen…

  4. zarathustra schrieb am

    moin

    die presse ist laut ständiger rechtssprechung des bundesverfassungsgerichtes die vierte gewalt.
    gäbe es sie nicht, so manche würden sich freuen.

    na logo wird sich der medienmarkt verändern – wieso soll ich geld für papier bezahlen, wo ich jetzt noch „gratis“ internet habe?

    (der forderung seitens der piratenpartei, die pressefreiheit einzuschränken, widerspreche ich ausdrücklich. eine freie presse ist bestandteil derdemokratie. unverzichtbar, vierte gewalt.
    anstatt zu fordern, die freie meinungsäusserung einzuschränken, sollte bedacht werden, was mensch sagt.
    „vor inbetriebnahme des mundwerks gehirn einschalten“

    wir dinosaurier sterben aus.

    z

    • Dirk schrieb am

      Als ob wir die freie Meinungsäußerung einschränken wollten… m(

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