Thüringer CDU spielt rechtes »Lichtermeer« herunter: Ein unverschämter und geschichtsvergessener Affront

"#Lichtermeer" in Erfurt | CC-BY-NC @Pirat_Kristos

Nach dem Eklat um die von der Thüringer CDU organisierte ›Lichtermeer‹-Demonstration gegen das rot-rot-grüne Koalitionsbündnis am vergangenen Sonntag, dem 9. November und Jahrestag der ›Reichspogromnacht‹, spielt deren Thüringer CDU-Generalsekretär Mario Voigt die Beteiligung rechter Kräfte herunter [1]. Für die Piratenpartei ist das »ein unverschämter und geschichtsvergessener Affront«, so Bernd Schreiner, stellvertretender Politischer Geschäftsführer:

»Vom 9. November 1938 an wurden Menschen jüdischen Glaubens verfolgt. Es brannten Synagogen überall in Deutschland, und es regierte der braune Mob auf der Straße. An diesem geschichtsträchtigen Datum überhaupt zu einer Großdemonstration mit Fackeln und Kerzen aufzurufen, ist morbide, dumm und taktlos. Dass die Thüringer CDU heute, drei Tage nach dem Ereignis, den Fehler immer noch nicht erkennt, zeugt nicht nur von einem fehlenden Geschichtsbewusstsein, sondern von einer vollkommenen Ignoranz gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus. Auch dass eine Aktion dieser Art rechte Kräfte geradezu einlädt, ihr braunes Gedankengut auf die Straße zu tragen, war absehbar. Ich fordere von den Verantwortlichen der CDU, dass sie sich öffentlich und klar dafür entschuldigen, mit wem sie sich an diesem Tage gemein gemacht haben!«

Die NPD feiert derweil ihren Erfolg und plant auf ihren Internetauftritten bereits eine Fortführung des »Schulterschlusses mit der bürgerlichen CDU [2] gegen den ›linken Terror‹« für den 4. Dezember.

»Wenn die CDU nicht weiter in den braunen Sumpf hineingezogen werden will, sollte sie schnellstmöglich ein Zeichen setzen und ihr Irrlichtern in Thüringen beenden. Außerdem stünde es ihr gut zu Gesicht, einmal ihre eigene SED-Vergangenheit in Thüringen aufzuarbeiten, anstatt dies immer nur von anderen Parteien [3] zu fordern«,

so Schreiner weiter.

Der Politische Geschäftsführer der Piraten, Kristos Thingilouthis, der am Sonntag auf der Demonstration vor Ort war [4], berichtet:

»Auf dem Erfurter Domplatz skandierten Politiker, die ich bis dahin im Spektrum demokratischer Parteien verortet habe, Seite an Seite mit Vertretern der NPD und der rechtspopulistischen AfD ihre gemeinsamen provokanten Parolen. Als Gegendemonstranten wurden wir von den Demonstrationsteilnehmern regelrecht angefeindet und mit Hass übergossen. Wo bewegen wir uns denn da wieder hin? Ich finde das, was ich dort erlebt habe, im Höchstmaß beunruhigend. Das derzeit stattfindende Wiedererstarken rechten Gedankenguts in der Mitte der Gesellschaft sollte uns in Alarmbereitschaft versetzen.«

Der Demonstrationszug führte am Sonntag in den Abendstunden auch an einer ehemaligen Synagoge vorbei. Das Entzünden von Fackeln musste an vielen Stellen von der Polizei unterbunden werden. In einer Online-Diskussion am gestrigen Dienstag schilderten Piraten, die vor Ort waren, in Augenzeugenberichten ihre Erlebnisse [5] [6].

Quellen:

[1] Bericht zur Demonstration
[2] Tankred Schipanski auf Twitter
[3] Tankred Schipanski auf Twitter
[4] Video-Szenen der Demonstration in Erfurt, 9. November 2014
[5] Online-Diskussion mit Augenzeugenberichten
[6] Aufzeichung der Augenzeugenberichte

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Kommentare

4 Kommentare zu Thüringer CDU spielt rechtes »Lichtermeer« herunter: Ein unverschämter und geschichtsvergessener Affront

  1. Demo gegen Nichtraucherschutz am 15.06.2013 in Düsseldorf mit „Raucherstern“ und der Gleichsetzung des NRW-Nichtraucherschutzgesetzes mit totalitären Systemen
    http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/demo-gegen-nrw-gesetz-raucher-ueberall-raucher-id8077133.html
    http://www.derwesten.de/staedte/duesseldorf/demo-gegen-rauchverbot-id8074770.html

    Zur Teilnahme aufgerufen hatte der Landesvorstand der NRW-Piraten
    http://www.piratenpartei-nrw.de/2013/06/10/piraten-nrw-unterstutzen-proteste-gegen-neues-nichtraucherschutzgesetz/

    Eine Distanzierung ist (soweit bekannt) bis heute nicht erfolgt.

    • Dirk schrieb am

      Diejenigen, die mit solchen Symbolen in Düsseldorf aufmarschiert sind, hatten ganz offensichtlich ähnlich viel Geschichtsverständnis, wie die thüringische CDU (und einige Kommentatoren hier). Der Vergleich übrigens auch, denn diese Symbolik lag ganz offensichtlich nicht in der Absicht der Organisatoren der Demonstration gegen das NRSG, aber ganz offensichtlich in der Absicht der Organisatoren von Erfurt. Spätestens nach der Ankündigung der Veranstaltung auf facebook wurden sie nämlich in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen – und haben es trotzdem gemacht.

      Den Kommentar schalte ich jetzt übrigens nur deswegen frei, weil ich es so rührend finde, wie Du bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit versuchst, Deine innerhalb des Landesverbandes NRW konsistent nicht mehrheitsfähigen Ansichten zum Nichtraucherschutz unter die Leute zu bringen. Dennoch: Das ist hier off-topic und einen weiteren Kommentar in diese Richtung wird es nicht geben. Danke.

  2. Hochrheinpirat schrieb am

    Liebe Piraten,

    Einerseits wird der politische Kompass propagiert, in dem der Begriff „rechts“ sich nur auf die wirtschaftspolitische Ausrichtung definiert wird und das eindimensionale politische Weltbild abgelegt wird. Also entweder den politischen Kompass wieder einstampfen oder bitte genauere Begriffe wie z.B. nationalistisch und extrem-autoritär oder faschistoid verwenden!

    • Dirk schrieb am

      > Einerseits wird der politische Kompass propagiert,
      Ich bin mir nicht sicher, was Du mit »propagiert« meinst. Fürs Wiki gibt es ein Plugin, um die im political compass ermittelten Werte grafisch darzustellen. Schaut man sich diesen compass aber genauer an, so erkennt man auch die starke Ausrichtung der Fragen auf den nordamerikanischen Kulturraum. Daher scheint mir dieser compass insgesamt zwar ein nettes Spielzeug – auch weil er den Wunsch vieler Menschen bedient, komplexe Fragen in einige wenige, unkoplizierte uns vor allem vergleichbare Kennzahlen zu verpacken – aber eine ernsthafte politische Diskussion kann man auf dieser Basis wohl kaum führen. Und ich habe auch noch keinen Versuch wahrgenommen, dasss bei den Piraten ernsthaft mit diesem compass argumentiert würde.

      Ansonsten schwankt die Benutzung des Begriffes »rechts« zwischen der politikwissenschaftlichen Definition und sowas wie »rechts von der CDU«. Leider sieht man immer wieder, dass die letztere Definition nicht wirklich hilfreich ist, sei es in Erfurt oder auch, wenn sich z.B. Mitglieder der Regierungsfraktion von Victor Orban beweihräuchern lassen. Persönlich neige ich eher zu Klassifikationen wie dieser hier.

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