In der Infowarzone – Das Internet als Erweiterung der Kriegsschauplätze in aller Welt

(BY-NC-ND) Anguskirk

Ein Beitrag aus der AG Außen- und Sicherheitspolitik. Von Sascha Köhle.

Wer das Wort „Infokrieg“ in den Mund nimmt, der wird häufig angesehen, als sei er ein Befürworter von Verschwörungstheorien. Dabei ist das Internet mittlerweile zur Kriegszone im Kampf um die öffentliche Meinung geworden. Konfliktparteien und ihre Unterstützer buhlen hier um die Gunst von Politikern, Presse und Öffentlichkeit. Dabei ist ihnen häufig kein Mittel zu schäbig oder plump.

Während wir uns im Fernsehen schon an Scripted-Reality-Formate gewöhnt haben, ist heimlich, laut und brüllend im Internet Scripted Reality in die Berichterstattung, in die Propaganda und die sozialen Netzwerke eingedrungen. Entstanden ist dabei eine Mischung, die es auch aufmerksamen Betrachtern mittlerweile sehr schwer macht, Reales von Fakes zu unterscheiden.
Aktuell sind es vor allem die Konflikte in der Ukraine, in Syrien und rund um die von der ISIS-Miliz kontrollierten Gebiete, welche in den sozialen Netzwerken für einen stetigen Betrieb der Infoschlacht sorgen. Dabei kann man auf Facebook, Twitter & Co. beobachten, dass es eine bestimmte Menge an „Meinungsführer-Accounts“ gibt, die – offiziell oder nicht – ihre Nachrichten ins Netz tragen. In Zeiten von Multimedia sind dies häufig Videos und Fotos.

Und hier beginnt das Problem. Denn aus Sympathie, Berechnung, Interesse oder sonst welchen Gründen folgen diesen Accounts andere Accounts, die ebenso Accounts als Follower haben. Nachrichten werden geteilt, weitergeleitet, gelesen, und so weiter und so fort. Eine Meldung bekommt auf diese Art und Weise die Möglichkeit, sehr schnell viral zu werden. Das gilt aber auch für Falschmeldungen und Lügen. Pikanterweise bleiben kritische Kommentare dabei sehr oft in der Verteilerkette „hängen“ – und so dreht eine Meldung häufig auch dann noch ihre Kreise, wenn das Original längst schon von kundigen Leuten als Fake oder Irrtum verifiziert wurde. Zudem sorgt das Netzwerk aus Sympathisanten und Idealisten, welches einem Account folgt, häufig dafür, dass jegliche Art von Kritik, jede Nachfrage und Anmerkung direkt attackiert und häufig binnen kürzester Zeit erstickt wird.

Dabei kommt den Verbreitern auch zu Gute, dass es für die Betrachter kaum möglich ist zu überprüfen, ob die Überschrift eines Videos auch tatsächlich mit dem überein stimmt, was man zu sehen bekommt. Ein kleinpixeliges graues Etwas, das über einen blauen Himmel huscht, gefolgt von einem Knall, kann alles mögliche sein. Und so taucht das Pixeletwas heute als Luftangriff auf Aleppo, morgen als Luftschlag gegen ISIS im Web auf. Die selben Bilder toter Kinder, die schon aus Afghanistan zu sehen waren, finden, mit neuem Logo einer syrischen Widerstandskämpfergruppe versehen, ihren erneuten Einsatz als Opfer von Assads Bombenangriffen, nur um wenig später als Beleg für die Gräueltaten von ISIS oder als Anklage gegen die israelischen Angriffe auf Gaza zu dienen. Ganz davon abgesehen, dass es schon sehr geschmacklos ist, mit Fotos zerschmetterter Kinderkörper Propaganda zu betreiben, ist es noch geschmackloser, diese Toten dann noch mehrfach zu „recyclen“. Da der Schwall an grausamen Bildern aus den Krisengebieten in sozialen Netzwerken aber mittlerweile enorme Ausmaße angenommen hat und viele User diese Bilder auch nicht dauerhaft im Gedächtnis behalten, fällt diese Praxis eher selten auf.

Sind Sie für oder gegen diese oder jene Seite? Wählen Sie, Sie haben keine Wahl!

Auch die Verfügbarkeit effizienter Bildbearbeitungssoftware eröffnet den Propagandisten aller Seiten neue Möglichkeiten. Über den Twitter Account und den Blog von @brown_moses lässt sich beispielsweise ein buntes Kaleidoskop von Fakes finden. Darunter befinden sich zur Zeit viele Bilder, die von ISIS-Accounts gefaked wurden. Da wird munter geschnitten, hinein- und herauskopiert, Köpfe von ISIS-Kämpfern über die von Peshmerga gelegt und allerlei Hokuspokus veranstaltet, um die Waffen der Anderen als die eigenen darzustellen. Bilder von russischen Panzern aus Afghanistan bekommen ISIS-Flaggen ankopiert, unliebsame Details schneidet man heraus. Wer die Originalquellen nicht kennt oder nicht bereit ist, jedes Bild im Netz nachzurecherchieren, hat kaum mehr eine Möglichkeit, die Authentizität des Gezeigten objektiv zu beurteilen.

Um so wichtiger werden damit Blogger wie z.B. @brown_moses, die – häufig zusammen mit einem lockeren Team von Zuarbeitern, Analysten, Aktivisten und aufmerksamen Beobachtern – die Flut an Bildern, Videos und Berichten unter die Lupe nehmen und bewerten. Diese Menschen sind es häufig, die Propagandalügen enttarnen, die Realität aus den vielen Ansatzpunkten zusammensetzen und ein einigermaßen neutrales Bild der Lage auch für jene erlauben, die nicht vor Ort sind. Dennoch bleibt dem interessierten Leser nach wie vor keine andere Wahl, als auch diese Informationen gegebenenfalls noch einmal mit anderen Quellen zu vergleichen.

Besonders prekär wird es, wenn Nachrichtenagenturen ohne Vor-Ort-Präsenz ihre Meldungen auf Material aufbauen, welches hauptsächlich aus den sozialen Netzwerken stammt. Die Meldungen, die dann z.B. über die Ticker der großen Newsagenturen gehen, werden von vielen Online-Redaktionen und Printmedien kommentarlos übernommen und veröffentlicht. Die Agenturen selbst übernehmen Material über ihre Regionalstrukturen oder über Webinfos – sind sie erst einmal in die Verwertungskette “gekippt”, wird bei den weiterverarbeitenden Medien häufig keine Verifizierung mehr vorgenommen. Man geht einfach davon aus, dass die Informationen Ergebnis einer fundierten Recherche waren. Zeit- und Gelddruck lassen eine andere Art von Journalismusbetrieb häufig kaum mehr zu, auch Angesichts der Informationsflut aus der digitalen Welt.

Das klassische Medien-Konsumverhalten funktioniert nicht mehr, wenn die Vertrauensbasis zum Medium nicht mehr gegeben ist. Ob man diese Krise als systemimmanent oder wirtschaftsinduziert ansieht, ob man die Medien als Lügenapparat ansieht oder den Fehler in der Unübersichtlichkeit der Quellen verortet, ist dabei vollkommen irrelevant. Fakt ist, dass sich im Netz bezahlte und freiwillige Propagandisten tummeln, die bewusst das Material ausstreuen, welches ihrer Agenda dient und sich der Vielzahl an Multiplikatoren bedienen, die das soziale Netzwerk ihnen anbietet. Gegen deren Treiben ist auch der Journalismus nicht immun. Aus dem Gesehenen und Gehörten bilden sich die Konsumenten dann ihre Meinung, oft ohne zu wissen, woher diese stammt. Diese Entwicklung findet übrigens nicht nur in Fragen von Konflikten und Weltpolitik statt, sie schlägt sich auch ganz konkret in anderen Lebensbereichen nieder – bestes Beispiel sind hier bezahlte Schreiber, die in Bewertungsportalen von Verkaufsplattformen positive Rezensionen einstellen oder in Diskussionsforen missliebige Kritiker niederbügeln.

Es ist daher um so wichtiger, dass wir alle uns eine neue Art von Medienkompetenz zulegen und die Art und Weise, wie wir Medien konsumieren, überdenken und anpassen. Medienkompetenz sollte bereits ab der Grundschule zum festen Bestandteil der Lehrpläne in unseren Schulen gehören. Kritikloses Abtippen von Wikipedia-Artikeln, wie es viel zu häufig stattfindet, ist dafür das schlechtestmögliche Beispiel.

Wenn Du bei außen- und sicherheitspolitischen Themen mitarbeiten möchtest, oder einfach nur mit Piraten darüber reden, kannst Du uns in einer Sitzung der AG Außen- und Sicherheitspolitik besuchen – egal ob Du selbst Pirat bist oder nicht. Die Sitzungen finden jeden zweiten Dienstag um 20 Uhr im Mumble NRW statt. Bitte informiere Dich auf der Homepage der AG über die Details.

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Hinweis: Dies ist ein Gastbeitrag und stellt nicht notwendigerweise die Meinung der Piratenpartei Deutschlands dar.

Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

5 Kommentare zu In der Infowarzone – Das Internet als Erweiterung der Kriegsschauplätze in aller Welt

  1. Das Nerd Pferd schrieb am

    Wenn es echte Transparenz gibt, also alle Dokumente und Fakten offenliegen würden dann gäbe es auch nicht mehr so viel Raum welchen die Propaganda für sich vereinnahmen könnte.

    • Slash schrieb am

      Da sagste was. Mir geht’s beim Ukraine-Konflikt beispielsweise so: Ich vernehme kritisch, wie aus den Mainstream-Medien nur Propaganda gegen Russland rausquirlt. Dann hab‘ ich in meinem Umfeld jemanden, der sich sehr intensiv und eigenständig mit dem Konflikt befasst und für die Ukraine Partei ergreift. Ja, und das ist dann der Punkt, wo auf meiner Stirn prankt „Game over – Du weißt zu wenig; Fortsetzung der Erwägung nur mit besserer Informationslage möglich“… Ich bezweifle, dass es anderen Menschen anders geht, so sie denn selbst denken und ebenfalls offen gestanden nicht die Muße haben, sich intensiv mit der Materie auseinander zu setzen…
      Ja, und das führt mich eigentlich wieder zum Grundproblem zurück, wie wir als Gesellschaft Willensbildungsprozesse gestalten:
      Was es bräuchte wäre ein web-basiertes Informationssystem und ein web-basiertes Diskussionssystem, über das man sich jeweils informieren und diskutieren kann, und das auf eine extrem effiziente, und basis-demokratische und anti-korruptive Weise.
      Anders denk‘ ich nicht, dass das Problem in Griff zu bekommen ist; also abgesehen von der Behelfs-Lösung eines Medien-Verlags, der kritisch und informativ über Konflikte berichtet.

  2. zarathustra schrieb am

    moin

    estland…da war mal was.

    wiederholt wurde mir nicht nur von parteibonzen erklärt, das es geld braucht, um mitreden zu können.
    fakt ist.
    ponader ist kein geheimargent des pringerkonzerns.
    der behauptung, er bekäme es von jenem medienkonzern bezahlt, sich öffentlich aufsofas rumzuwälzen – barfuss, damit es glaubhaft rüberkommt – widerspreche ich.
    die forderung, die freiheit der meinung einzuschränken, habe ich seitens der piraten wiederholt gehört.
    die presse zu zensieren, damit sie nicht berichtet, was ponader von sich gibt….

    sehr geheter herr köhle,
    liebe ag aussen – sicherheitspolitik

    ihr labert blödsinn.

    also das Grundgesetz finde ich prima.

    eure idiologie ist schei…falsch.

    also kritik an parteibonzen der piraten ist falsch, schon im kindergarten müssen sie gelöehrt werden, das polen unwürdig sind.

    was der herr köhle hier verbreitet…
    karl marx, … und da war war noch was.
    (was – das verbietet zu sagen verbietet der anstand)

    ag aussen- und sicherheitspolitik?

    ist das meinung der piratenpartei?

    schön, die piraten nicht zu wählen.

  3. Otla schrieb am

    Da es zufällig gerade heute erschienen ist, ein praktisches Beispiel (etwas länger und in Englisch): http://www.truth-out.org/news/item/25999-israels-video-justifying-destruction-of-a-hospital-was-from-2009
    Ein Artikel, in dem der preisgekrönte investigative US-Journalist Gareth Porter massive, von der IDF benutzte Fälschungen recherchierte, mit denen die IDF die Zerstörung des Wafa-Hospitals in Gaza rechtfertigen wollte, die ansonsten als reguläres Kriegsverbrechen gelten würde.
    So mal als gerechter Ausgleich.
    Denn üblicherweise wird viel über die zweifellos vorhandenen Fälschungen irgend welcher Revoluzzer geschrieben, die jedoch relativ harmlos, relativ folgenlos und relativ leicht zu entlarven sind.
    Dass an sich als seriös geltende staatliche Institutionen mindestens genau so fälschen, nur mit erheblich gravierenderen Folgen, muss gerechterweise auch erwähnt werden.
    Hier wurde u.a. ein Video aus dem Gaza-Krieg 2008/2009 genommen, auf dem Explosionen in unmittelbarer Nähe des Wafa-Krankenhauses zu sehen waren. Das wurde mit einem Audio-Clip unterlegt, das mit dem Krankenhaus gar nichts zu tun hatte und das ganze wurde dann durch das israelfreundliche Netz gepostet als Beleg dafür, dass auf dem Gelände des Krankenhauses bzw. in unmittelbarer Nähe die Hamas Raketenabschussrampen unterhielte.
    Das muss man den mit viel Rot aus dem Photoshop versehenen relativ harmlosen Bildern entgegen halten: solchem Unfug stehen nicht nur Fälschungen wie diese oder wie der berüchtigte gefälschte Videobericht aus Kuwait während des ersten Golfkrieges, nach dem irakische Soldaten angeblich Neugeborene aus Brutkästen holten, entgegen, sondern auch angebliche Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, die immerhin den Irak-Krieg begründen oder gar die false flag Operation, die den Angriff auf Polen rechtfertigen sollte.
    Es ist also zu raten, staatlichen Stellen mit mindestens eben solchem Misstrauen entgegen zu treten; die meist doch recht durchsichtigen Fälschungen eifriger Fans erkennt man mit ein bisschen Routine meist sofort.

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