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CC-BY-NC-SA by Jorge López

In Deutschland wurde am 3. August 1984 um 10:14 Uhr MEZ die erste Internet-E-Mail empfangen: […]
„Wilkomen in CSNET! Michael, This is your official welcome to CSNET.“

So begann, jedenfalls laut Wikipedia, die Geschichte der E-Mail hier bei uns. Anderswo hatte man natürlich schon Jahre zuvor entdeckt, was wirklich wichtig war an dem neuen Medium.

„Das Internet“ war damals noch sehr textbasiert: Meinen ersten E-Mail-Account bekam ich 1988. Mir war gar nicht klar, wie neu das damals war. Ich wollte mit meinem Professor kommunizieren, der gerade in Neuseeland las. Also beantragte ich im Rechenzentrum so ein ‚Ding‘ und bekam es einige Wochen später. Das Mailprogramm lief nicht in irgendeinem Browser – der wurde erst ein Jahr später entwickelt, hieß Mosaic und war noch Jahre nicht für sowas zu gebrauchen – sondern wurde von der Kommandozeile einer multics-Shell aus bedient. Zugriff auf den Mail Account hatte ich aus einem tageslichtbefreiten Raum an einem sehr ergonomischen, briefkastengroßen Hazeltine-Terminal, neben dem ein kleines Kästchen stand, das das Terminal mit dem Zentralrechner verband. Full duplex natürlich. Die Mails selbst konnte man mit einem Editor namens emacs editieren. Nur schade, dass das Speicherkommando Ctrl-X Ctrl-S von emacs auch das Steuerzeichen „xoff“ für das kleine Kästchen war – das daraufhin seine Arbeit erst einmal einstellte. Scheinbar anlasslos und sehr umfassend. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden wir gebraucht haben, um herauszufinden, woran das lag.

Die Erinnerung ist schon ein wenig verwischt, denn das waren Zeiten, als viele Piraten noch nicht einmal geboren waren. Aber den Wählton eines 2400 baud Modem vergisst Du nie.

Fast dreißig Jahre später habe ich mein erstes Date mit meiner Ex-Freundin – meiner jetzigen Frau – per E-Mail ausgemacht. Wenn DE-Mail endlich durch ein Verfahren ersetzt wird, bei dem der Betreiber nicht den Inhalt meiner Nachrichten entschlüsselt, damit das mit dem anlasslos und umfassend einfacher wird, werde ich vielleicht auch irgendwann einmal rechtssicher mit einer Behörde per E-Mail kommunizieren. Sonst ist ja fast jeder schon vernünftig zu erreichen, und auch die Aufkleber für die Piratenplakate zur Europawahl habe ich per E-Mail bestellt – und per „Snail-Mail“ bekommen. Anderswo geht es schon komplett papierlos, wenn ich z.B. per E-Mail einen QR-Code bekomme, mit dem ich den Aufzug im Berliner Fernsehturm benutzen kann. Ich ahne: Da geht noch was.

Aber heute ist nicht der richtige Tag für Ausblicke. Heute ist auch nicht der Tag, die immer weiter ausgedehnte Überwachung aller Kommunikationswege – darunter natürlich auch die E-Mail – zu beklagen. Heute dürfen wir uns zurücklehnen und ein wenig von der Guten Alten Zeit™ träumen. Was ist eure erste Erinnerung an E-Mail? Was ist eure schönste E-Mail, euer lustigstes Erlebnis mit E-Mail? Mitmachpartei – teilt eure Gedanken mit uns, hier in der Kommentarspalte.

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Kommentare

5 Kommentare zu Sie haben Post.

  1. ein Pirat schrieb am

    Emacs ist hier auch heute noch als „Mailprogramm“ in Verwendung, auch auf Parteitagen. Es ist doch schön, wenn manche Dinge nie vergehen. Der Autor macht hier aber den gleichen Fehler wie so viele „Journalisten“: Er stellt „das Internet“ als nicht mehr textbasiert dar. Als wäre eine Website oder ein Usenet-Artikel auf dem Piratenserver plötzlich kein Text mehr, nur weil man hineinklicken kann!

    • Dirk schrieb am

      Nein, natürlich passieren noch immer viele wichtige Dinge im Netz mit Text. Auch ich schreibe gerade einen Text. Ich tue es aber nicht in einer „Oberfläche“, deren Ausdrucksmöglichkeiten sich in 127 verschiedenen Zeichen erschöpfen, sondern in einer, die den Text zugänglicher macht, indem sie Teile davon optisch hervorhebt, Grafiken einbettet, ihn umgekehrt in grafische Elemente einbettet usw. All das, was ein Browser heute einfach so tut und keins denkt mehr dran. Tatsächlich senkt diese – funktional weitestgehend irrelevante – Einbettung die Zugangshürden ungemein. Und so ist es eben kein Sonderfall mehr, dass ich mit meiner Mutter(74) per email kommuniziere. Ich fürchte, vor 25 Jahren wäre es das gewesen. Und deswegen freue ich mich ein bisschen, dass ich jetzt mit der Maus auf einen „Genehmigen und Antworten“-Knopf drücken kann und eben nicht C-X m … C-c C-c verwenden muss. Und noch feiner: Wenn Du es tun möchtest steht Dir auch das frei. So geil <3

  2. Nee, nee schrieb am

    Der Termin ist falsch – wir haben in Deutschland schon etwa 1978 oder 1979 e-mails per Internet bekommen und verschickt, auch wenn das natürlich mit einigen technischen Klimmzügen verbunden war und vielleicht kein ,offizieller‘ deutscher Provider beteiligt gewesen sein mag. Glaubt also der PR-Maschine und der Abshreibern bei Wikipedia nicht.

    • Dirk schrieb am

      $Dinge von der Mailingliste SF-LOVERS als Beweis oder nie passiert :)

  3. Björn schrieb am

    Ich hatte auch ein 2400 Baud-Modem. Auch 1988. Und auch ich habe mindestens eine Dekade lang darunter gelitten, wie mein Gehirn fast jeden Vorgang in der realen Welt wie Kaffeekochen oder Wäschewaschen unweigerlich mit dem „Negotiation-Sound“ des Modems unterlegte. Wenn ich ehrlich bin war ich aber ganz froh, denn die UKW-Bandbegrenzung konnte ich schon lange nicht mehr hören…

    Ich hatte ein paar sehr interessante Monate mit der DFÜ zugebracht und vermutlich etwas kennengelernt, das heute als „Mailbox-Szene“ in den Geschichtsbüchern steht. Die Technik war bestechend interessant und mysteriös. Die Inhalte, zu denen man Zugang erhielt, waren dann aber stets ernüchternd irrelevant. Meist wählte man sich zum teuren Gesprächstarif in einen Computer der nächsten Großstadt ein – die Zugangsdaten hatte man von einem FEF – um dann nichts weiter zu tun, als Programme herunterzuladen, die wieder die eigene DFÜ konfigurierten. Eine reine Nerd-Beschäftigung. Mit meinem heutigen IT-Fachwissen hätte ich damals sicher die Welt erobert.

    Aber leider war ich noch ein Kind und als mein Vater merkte, dass die Telefonrechnungen plötzlich 200 Mark höher waren als zuvor, musste meine geliebte Modemkarte herhalten, diese „offensichtliche“ Geldverschwendung zu kompensieren – indem sie verkauft wurde…

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