Gefahr in unserer Mitte: Islamophobie

CC-BY-NC-SA FirasMT

Im Rahmen des Nahostkonfliktes tritt Islamophobie auch hier bei uns immer offener zu Tage.

Ein Kommentar von Ali Utlu, Beauftragter der Piratenpartei für Queerpolitik.

Nicht nur der aktuell wieder aufflammende Antisemitismus, sondern auch die Islamophobie in Deutschland nimmt bedenkliche Ausmaße an: Muslimische Mitbürger werden immer öfter offen oder versteckt angegriffen – in Worten und leider auch in Taten. Die Angriffe treffen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und reduzieren sie pauschal auf ihre Religion.

Die muslimische Community in Deutschland bietet in jedem Jahr am 03.Oktober die Möglichkeit, sie am Tag der offenen Moschee kennenzulernen. Bürger haben die Gelegenheit, über Konfessionen hinweg Muslimen vor Ort zu begegnen und sich zu informieren. Mehr dazu auf der Webseite
Tag der offenen Moschee.

Der Islam und die Kulturen, in denen er vorwiegend praktiziert wird, sind so divers wie es auch das Christentum ist. Wenn zum Beispiel ein Einzelner auf einer Demonstration antisemitische Sprüche skandiert, dürfen Angehörige derselben Religion nicht dafür in Sippenhaft genommen werden. Allgemein dürfen Muslime nicht pauschal für das verantwortlich gemacht werden, was einzelne Personen oder Gruppen tun.

Was sich zurzeit im Nahen Osten ereignet, bewegt die Menschen auf allen Seiten. Es finden Demonstrationen statt, die in Teilen sehr emotionsgeladen sind. Auch wenn sie selbstverständlich nicht von allen Teilnehmern geteilt werden, werden die Hetzparolen bedauerlicherweise besonders prominent wahrgenommen und verletzen Menschen in ihren Gefühlen. Diese aufgeheizte Stimmung versuchen Rassisten auszunutzen und verstecken ihre Islamophobie hinter sogenannter Islamkritik.

All diese Entwicklungen sind für sich selbst bedauerlich und besorgniserregend genug.
Dass in der auflagenstärksten Zeitung Deutschlands nun aber ein Kommentar erscheint, der der Islamophobie rechter Gruppen in nichts nachsteht, ist eine sehr bedenkliche Entwicklung. Den Islam als Fremdkörper in der deutschen Gesellschaft zu betrachten, ist nicht nur eine Aussage, die Integration behindert und Misstrauen vertieft. Es ist ein Schlag ins Gesicht für jedes Muslims in Deutschland, der ihm vermittelt: „Du bist hier nicht willkommen“.

Dass sich eine auflagenstarke Tageszeitung wie die „Bild“ dazu hinreißen lässt, Vorurteile derart zu befördern, hat uns Piraten wirklich schockiert. Zwar hat uns das klare Statement gegen Antisemitismus gefreut, aber daraus folgt kein Freifahrtschein für Islamophobie. Im Gegenteil: Es ist im höchsten Maße kontraproduktiv, vom Hass auf eine Gruppierung in Hass auf eine andere umzuschwenken.

Dazu bemerkte Marina Weisband, die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, in einer Pressemeldung der Piratenpartei:

Es darf nicht passieren, dass vor dem Hintergrund des Gaza-Konflikts in Deutschland die eine Minderheit gegen die andere ausgespielt wird. Gerade im friedlichen Deutschland ist es vielmehr unsere Pflicht, Akzeptanz zu leben.

Ein Thema, das mir als Bundesbeauftragtem für die LGBTI-Community besonders am Herzen liegt, ist die pauschale Beschuldigung, nur der Islam wäre homophob. Besonders wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine verzerrte Sicht der Realität handelt: Homophobie existiert in vielen Bereichen der Gesellschaft. Gruppierungen wie die Piusbrüder, die Evangelikalen in den USA oder die Orthodoxen in Russland liefern Beispiele für Homophobie vor christlichem Hintergrund. In einer pluralistischen Gesellschaft kann Homophobie nicht auf Religionen reduziert werden, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Es wird dem Islam im Kommentar unter anderem unterstellt, Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde zu legitimieren, beide sind jedoch nicht im Islam verankert. Auch sie sind ein gesellschaftliches Problem, kein religiöses.

Die Piratenpartei stellt sich gegen Islamophobie, wir stehen für eine bunte Gesellschaft, in der sich jeder frei entfalten, seine Religion frei im Rahmen unseres Grundgesetzes ausüben kann, und in der niemand für seinen Glauben vorverurteilt wird.
Wir wollen ein besseres Miteinander, das von Respekt geprägt ist und zu dem der Austausch in unserer kulturellen Vielfalt gehört.
Islamophobie darf sich nicht festsetzen und menschenfeindliches Gedankengut nicht in der Gesellschaft toleriert werden. Nicht nur jeder von uns, sondern gerade die Medien haben hier eine besondere Verantwortung.
Sie sollten das Miteinander durch Aufklärung unterstützen anstatt Vorurteile zu verbreiten und so Diskriminierung noch den Boden zu bereiten.

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Kommentare

8 Kommentare zu Gefahr in unserer Mitte: Islamophobie

  1. Alchymist schrieb am

    Auch hier nochmal: „Islamophobie“ ist ein ganz schlechter Begriff. Eine Phobie ist eine Angststörung, eine psychische Erkrankung. Es ist eine Diskriminierung gegenüber psychisch Kranken, diesen Terminus zu benutzen, um damit ein bestimmtes negatives Welt- bzw. Menschenbild zu bezeichnen.

    „Antiislamismus“ als Gegenstück zum Antisemitismus passt auch nicht. „Islamhass“ wäre eine Möglichkeit – wobei das auch nicht die beschriebene Einstellung eines gruppenbezogenen Menschenhasses trifft. Die Menschen, die dem Islam anhängen sind Muslime, also geht es um „Hass auf Muslime“. Hass auf Muslime ist strikt zu verurteilen, aus den von euch beschrieben Gründen. Menschen dürfen nicht auf ihre Religion reduziert werden, sondern sind individuell an ihren Taten zu messen.

    Allerdings bitte ich euch auch zu berücksichtigen, dass nicht jede Kritik am Islam, und zwar insbesondere am Islam als politischer Ideologie, als muslimfeindlich betrachtet werden kann. Um aus der Abschlusserklärung der „Kritischen Islamkonferenz“ zu zitieren:

    Die Freiheit der Meinungsäußerung, der Kunst und Wissenschaft ist die unverzichtbare Grundlage einer modernen, offenen Gesellschaft und darf nicht aus Rücksicht auf religiöse Denkverbote beschnitten werden. Auch sollte sachlich begründete Kritik am Islam/Islamismus nicht als „rassistisch“, „fremdenfeindlich“ oder „islamophob“ diffamiert werden. Zwischen einer humanistischen Islamkritik, die sich für die Stärkung der Menschenrechte einsetzt, und chauvinistischer Muslimfeindlichkeit, die die Menschenrechte untergräbt, bestehen grundsätzliche Unterschiede, die nicht übersehen werden dürfen.

    Ansonsten danke für den Artikel.

  2. Christoph Zwickler schrieb am

    Überwiegende Zustimmung. Aber bitte auch keine Bildzeitungsphobie schüren. Verlagsleitung und Chefredakteur haben den Quatsch aus dem eigenen Haus längst offen kritisiert.

  3. Iris Rohmann schrieb am

    Ich wünsche mir mehr Intelligenz im Umgang mit den Religionen. Haben wir nicht genug davon, alles und alle über einen Kamm zu scheren und – wieder einmal – das Trennende zu schüren anstatt das Gemeinsame zu betonen? Warum fällt es uns so leicht, Menschen in Schubladen zu stecken und in einer Art mentaler Sippenhaft alle Muslime für Terroranschläge von Muslimen verantwortlich zu machen, oder alle Christen für Unrecht und Ausbeutung in der globalen Welt? Ich wünsche mir mehr Differenzierung im Umgang im, und Gespräch über Religionen – die übrigens in ihrem Kern alle dasselbe lehren, denn alle Religionen haben einen mystischen Grund. Er spricht aus M. Eckhart ebenso wie aus D. Rumi, aus Ramana Maharshi ebenso wie aus Laotse oder G. Buddha. In meinen Augen gibt es nur einen einzigen Weg, den Mißbrauch der Religionen durch gierige, zornige und ignorante Menschen zu verhindern, und das ist die radikale Privatheit der Glaubensausübung bei gleichzeitiger Garantie der Religionsfreiheit überall in der Welt. Sobald Staaten oder Regierungsvertreter sich Gottes bemächtigen, geht Gott verloren. Sobald heilige Kriege ausgerufen werden, sind die beteiligten Seelen dem Untergang und der Dunkelheit geweiht, denn jeder Krieg bringt das Dunkelste aus uns ans Licht. Aber das können nur intelligente Menschen erkennen, die sich aus den Gartenzwergideologien ihrer Väter und kulturellen Kontexten befreit haben. Keine leichte Sache, die Freiheit…

    • Manfred Steffan schrieb am

      Zustimmung. Religion wirkt mittelbar über Weltbild und Gewissen der Akteure in die Politik hinein. Damit sollte es aber sein Bewenden haben. Keine Religion als Staatsdoktrin! Gilt übrigens für profane Weltanschauungen genauso.

  4. Aranita schrieb am

    Ich erlebe in der heutigen Zeit immer mehr Verallgemeinerungen und das gilt nicht nur für Religionen. Das ist der schnelle Vorwurf einer *phobie oder eines *ismus, wenn man irgend etwas kritisiert. Das ist genau so unsinnig wie von Einzelnen einer Gruppe auf alle zu schließen. Vielleicht sollten wir wieder lernen, weniger empört zu tun nur weil irgendwer irgendwen angreift oder irgendwer irgendwo Müll schreibt. Das ist für mich die Wurzel allen Übels.

  5. Mervy Kay schrieb am

    Ich danke Ali, Czossi und Marina für die Gaza-PM der letzten zwei Tage. (Soweit ich das mitbekomme)

    Es zeugt von großer, weltoffener Sozialcourage und Solidarität in diesen Tagen diese Worte fallen zulassen.

    Zumal ich weiß, das gerade Homophobie ein ehrliches Problem in meinem Kulturkreis darstellt. Ich kann nur sagen, dass ich euch unterstütze und dass wir in einer Umbruchphase sind, von der ich hoffe, dass wir sie positiv überwinden, wenn nicht als Chance wahrnehmen.

    Dabei spreche ich nicht von pirateninternen Reibungen oder der Welt. Die Sterne scheinen sich zu verschieben derzeit, wenn man es so sagen will.

    Beste Grüße,
    Eure primamuslima

    • Czossi schrieb am

      @Mervy Kay Danke dir hab es an die anderen beiden weiter gegeben =) *bedankt aber da gibt es eine Menge Piraten denen man Danken muss dass diese Beiträge zustande gekommen sind ;)

  6. zarathustra schrieb am

    moin

    bibel, qu´ran, thora…

    das at hab ich gelesen, die thora nicht.
    (den bab talmud schon)

    „die selbe strasse – ne andere hausnummer“
    das selbe prinzip.

    @ mervy: welche sure?

    zarathustra

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