Bald nur noch Beifahrer im eigenen Auto?

Bild: Tobias M. Eckrich

Von Bernd Schreiner.

Von Auto zu Auto

Anlässlich der CeBit und der Umbenennung von Apples „iOS in the Car“ in „CarPlay“ rückt die „Car to car” genannte Zukunftstechnologie, die unseren Individualverkehr revolutionieren wird, wieder in das Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Google und andere Unternehmen haben bereits bei der »Consumer Electronic Show« (CES) die »Open Automotive Alliance« gegründet. Hinter diesen Gruppen und Abkürzungen steht das Interesse, Daten zu erfassen und Mehrwertdienste für den Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer zur Verfügung zu stellen.

Dazu gibt es die beiden großen Systeme: »CarPlay« von Apple, basierend auf dem Betriebssystem des iPhone, und »Android«, das Pendant von Google. Die Integration als Schaltzentrale in die Fahrzeuge ist dabei in vollem Gang. Erste Automobilhersteller haben nicht nur Schnittstellen geschaffen, sondern die Systeme fest integriert. Sie können nicht nur die Fahrzeuge per Software-Update auf dem neuesten Stand halten, sondern auch neue Funktionen einfach, wie von Smartphones, nachkaufbar anbieten.

Bereits heute unterscheiden sich oft aufpreispflichtige Zusatzfunktionen nicht aufgrund mechanischer Zusatzeinrichtungen, sondern nur durch entsprechende Software-Module oder Freischaltungen im Fahrzeugcomputer.

Der wichtige und zukunftsträchtige Teil dieses Schrittes zum intelligenten Auto besteht in der Kommunikation zwischen den Fahrzeugen. Vorausfahrende Fahrzeuge teilen den nachfolgenden mit, dass sie bremsen und das ABS-Bremssystem gerade auf vereiste Straßenoberfläche reagierte. Damit wird ein immenser Gewinn an Sicherheit einher gehen. Es ist vorgesehen, dass Fahrzeuge regelmässig Informationen aussenden um die anderen Fahrzeuge zu informieren. Daneben wird es auch die „Car to x“ Kommunikation geben: Fahrzeuge können mit umliegenden Verkehrseinrichtungen, wie Ampelanlagen, Daten austauschen.

Alles ist vorstellbar, was wir aus dem Handybereich schon kennen. In die Fahrzeuge eingebaute Kameras können die Müdigkeit überwachen. Sensoren können die Fahrweise überwachen und beispielsweise bei betrunkenen Fahrern veranlassen, den Motor nicht zu starten. Ebenso ist es möglich, dass bei Unfällen automatisch der Rettungsdienst angefordert wird, sogar ein erster Eindruck von der Unfallart und der Art der Verletzung sind übertragbar, lange bevor die Helfer vor Ort sind.

Diese grundsätzlich zu begrüßende technische Entwicklung birgt jedoch ein gigantisches Missbrauchspotential: Jedes dieser Datentelegramme zwischen den Verkehrsteilnehmern kann – je nach Informationsgehalt – zu Eingriffen in die grundsätzlichen Fahrzeugfunktionen führen. Das allein stellt bereits extrem hohe Anforderungen an die Sicherheit der Information an sich. Dazu kommt aber auch eine ganz neue Qualität, denn die registrierten und ausgesendeten Daten – und damit natürlich auch alle Fahrzeugbewegungen – werden speicher- und damit nachvollziehbar.

Versicherungen haben bereits angekündigt, dass sie die Nutzungsdaten zur individuellen Fahrweise gern in entsprechend angepassten Versicherungstarifen nutzen würden. Automatische Geschwindigkeitsüberwachung ist damit ebenso denkbar wie das angemeldete Interesse seitens der Polizei, Fahrzeuge von außen per Knopfdruck stoppen zu können. Damit entsteht ein immenses Missbrauchspotential. Wer stellt sicher, dass Fahrzeuge missliebiger Fahrer nicht bei 180 km/h auf der Autobahn von Geheimdiensten zwangsgestoppt werden? Wie soll sicher gestellt werden, dass nicht Hacker in die Systeme eindringen und sich dieser Technologie bemächtigen? Die Autobombe der Zukunft benötigt keine Sprengladung mehr, der Zugriff auf die intelligente Fahrzeugsteuerung reicht vollkommen aus, um Fahrzeuge mit Vollgas in Menschenmengen zu steuern.

Mehr Kontrolle

Besonders kritisch ist der erneute Schritt hin zu Überwachung und Kontrolle eines wichtigen Lebensbereiches und der Mobilität der Menschen. Wie bereits bei Funkzelleninformationen unserer Mobiltelefone und der angestrebten Vorratsdatenspeicherung im Internet entstehen so Bewegungsprofile, die weit mehr über Menschen aussagen, als die eigentlich zurückgelegte Strecke impliziert. Durch die Zusammenführung aller Informationen liefern Big Data Anwendungen einen tiefen Einblick in die Lebensrealität, in individuelle Eigenschaften und Vorlieben von Menschen.

Fest integriert ist dabei der Rückkanal, also die Manipulationsfähigkeit. Was bei Handys noch undenkbar ist, etwa wenn ein Bankräuber in eine Bank eindringen will, ist bei den Fahrzeugen möglich: Ergibt dein Datenmuster ein risikobehaftetes Verhalten, kann dein Vorhaben automatisiert ausgebremst werden. Verkehrsleitsysteme schalten Ampelanlagen auf Rot, steuern Streckenumleitungen – oder schalten deinen Motor aus der Ferne einfach ab.

Damit sind mögliche negative Potentiale bei weitem nicht ausgeschöpft!

Wir bewegen uns bisher mehr oder weniger nur im Verkehrsraum. Jeder, der ein Smartphone besitzt und dessen Möglichkeiten auch nutzt, weiß, dass dieses Smartphone Dreh- und Angelpunkt des Lebens in der heutigen Informationsgesellschaft ist. Dein Smartphone kennt alle deine Freunde und Geschäftspartner ebenso wie deine Termine. Es weiß, wann du einen Flug gebucht hast, es kennt deine Urlaubsorte und natürlich auch deine Vorlieben, angefangen bei den Webseiten, die du unterwegs ansteuerst, bis zu deiner Essensauswahl.

All diese Informationen werden vernetzte und vereinheitlichte Betriebssysteme miteinander austauschen. Dein Handy wird deinem Auto mitteilen wo du hinfährst und an welchem Restaurant du vorbei fährst. Jede Verspätung wird rückgekoppelt, damit deine Kollegen im Büro wissen, dass dich der Verkehr auf deinem Arbeitsweg ausgetrickst hat und du nicht verschlafen hast. Deine Wohnung wird wissen, dass du heute nach dem Büro noch mit der Freundin in die Bar fährst und deswegen die Heizung erst später hochgefahren werden muss.

All das sind technologische Entwicklungen, die bei sehr vielen Menschen auf Gegenliebe stoßen werden. Das moderne Leben wird ein angenehmes sein, denn keine Verspätung der Eisenbahn muss dich mehr ärgern, dein Hotel wird automatisch gebucht und du wirst durch dein Leben geführt, ohne selbst denken zu müssen.

Chilling Effects

Hier wird aber auch eine der wichtigsten Grundlagen einer freiheitlichen Gesellschaft nicht nur angetastet, sondern in ihren Grundfesten erschüttert: Die Privatsphäre und der Bereich deines Eigentums werden aufgebrochen. Deine informationelle Selbstbestimmung findet nicht mehr statt. Die Grundrechte aller werden verletzt: Der Mensch verfügt nicht mehr wirklich über sein Auto, sondern das Auto mit seiner vernetzen Software bestimmt über den Menschen.

Höchste Zeit, jetzt zu überlegen, wie sich die vernetzte ‚Informationsmaschine Auto’– ein SmartCar – auf das Verhalten von Menschen und die Gesellschaft auswirken wird. Heute noch gibt uns das eigene Fahrzeug Bewegungsfreiheit – ab sofort müssen wir überlegen, wie die konsumorientierte Akzeptanz der möglich gewordenen Überwachung und Fremdsteuerung unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung verhindert werden kann.

Wir müssen den Eingriff in unsere nicht veräußerbaren Grundrechte durch den reinen Kauf und die Nutzung von Produkten – wie hier das Auto – durch global agierende Konzerne auch mit Blick auf ihre Sittenwidrigkeit diskutieren.

Werden die Menschen weiterhin aus einer sicheren Position heraus freie Entscheidungen treffen, auch wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden? Oder wird es – wie es unter der Bezeichung »chilling effects« bekannt geworden ist und auch schon Eingang in die Rechtsprechung der Verfassungsgerichte gefunden hat – dazu führen, dass Menschen aufgrund der Totalüberwachung ihr Verhalten anpassen werden? Werden wir zu einer Gesellschaft des vorauseilenden Gehorsams? Zu einer uniformen Gesellschaft?

Das sind viele Fragen, die jetzt beantwortet werden müssen – bevor uns diese Technologien in Marionetten verwandeln.

– Wer darf wann auf welche Daten zugreifen?
– Zu welchem Zweck darf ein Datenaustausch erfolgen?
– Dürfen die Daten mit anderen kombiniert genutzt werden?
– In welchem Umfang dürfen der Staat und seine Institutionen auf diese Daten zugreifen?
– Wie verhindern wir unzulässige Zugriffe und Ausspähung zuverlässig?

Aus den Antworten muss – analog zu dem Brief- und Fernmeldegeheimnis – jetzt eine Regelung zum digitalen Briefumschlag erfolgen: Jedermann muss frei entscheiden können, welche Daten das eigene Umfeld verlassen und für welchen Zweck sie genutzt werden dürfen.

Das muss zum wirklichen »Supergrundrecht« des Informationszeitalters werden.

Europa täte in der aktuellen Situation rund um die Snowden-Leaks gut daran, innergemeinschaftlich als Vorreiter für ein globales Abkommen einen klaren Rechtsrahmen für einen Digitalen Briefumschlag zu schaffen. Ohne diesen stehen anderen Grundrechte nur noch wertlos auf dem Papier.

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Kommentare

7 Kommentare zu Bald nur noch Beifahrer im eigenen Auto?

  1. Idee schrieb am

    Du bist auch jemand, der „Internet of Things“ wörtlich nimmt:
    „du wirst durch dein Leben geführt, ohne selbst denken zu müssen.“
    So einen Satz hören früher meist nur Soldaten, die Befehle befolgen sollen.

    • Dirk schrieb am

      Über die Bewertung dieser Frage werden wir noch viel nachdenken müssen.
      Von was möchte ich entlastet werden? Routinekram. Lästig. Das kann weg. Gewinn an Freiheit.
      Aber welchen Preis muss ich dafür zahlen? Funktioniert das alles zuverlässig? Wie kann ich Datenspuren vor Missbrauch schützen? Verlust an Freiheit.
      Eins ist klar: All das und noch viel mehr wird kommen. Und viele werden es freudig begrüßen. Zurück ist keine Option. Wir können nur die Weichen stellen, dass das Voran kein Rückschritt wird.

  2. Christine schrieb am

    Es liest sich wie der Vorspann für den Stephen-King-Thriller, der mich seit Jahren verfolgt, sobald ich die Choreografie von standortbezogenen Zufällen in Verkehrsmeldungen zu erfassen versuche.

    https://www.youtube.com/watch?v=aMytT1O8iNo

    Mein persönliches Handicap: Uwe Groke, der Inhaber der Radiostimme, die ich am meisten mag, ist nicht mehr on air, sondern inzwischen Redakteur der Zentralen Verkehrsredaktion des SWR. 2008, als er gerade beim SR1 arbeitete, fühlte er sich leider von mir gestalkt, als ich ihm während einer ARD-Popnacht ein ruhiges Moderieren wünschte, nachdem er erst einen Falschfahrer und dann einen Unfall auf dem selben Autobahnstreckenabschnitt melden musste.

    Ebenfalls 2008 hatte ich beim Dresdner Stadtmagazin SAX ein redaktionelles Praktikum gemacht und dazu auch das Kinoprogramm Wort für Wort nochmals Buchstabe für Buchstabe in die Hand genommen und ins Terminal- einen Mac – eingegeben. Dabei verschwammen auch schon mal Wirklichkeit und Phantasie. So wurde ich am 29. Oktober 2008 durch SR1-Verkehrsmeldungen auf den Eppelborner Feuerwehrmann Steven Brill aufmerksam, der gerade tödlich verunglückt war, als ich die Vorführzeiten des Films „Ein Mann für alle Unfälle“ des gleichnamigen Regisseurs ins Terminal einspeiste.

    Jetzt findet sich in Eppelborn nur noch der Hinweis auf die Beerdigung des Kameraden Steven Brill am 5. November 2008, Frank Recktenwald, der Pressesprecher der FFW Eppelborn, konnte mir schon damals nichts Genaues zu den Todesumständen sagen. Die Zeit ist eben schnelllebig. Aber der Film ist immer noch zu sehen.

    Bereits seit 2005 träume ich von einem gesamtdeutschen Verkehrsticker, der Manipulationen von Verkehrsmeldungen schneller zu offenbaren hilft – ob sie nun redaktionell, anrufer- oder ereignisbedingt sind.

  3. derantichrist schrieb am

    Die Cebit 2014 ist nur ein weiterer Schritt zur Installation des totalen Überwachungsstaates. Jedoch ist für vielen nicht bewusst, was ein totaler Überwachungsstaat auf alle Bürger auswirken wird. Dadurch wird der Postfach vollgepumpt mit Werbungen, Mahnungen und Strafanzeige aufgrund der Straftat von anderen, die Identitätsdiebstahl begangen haben. Es wird dadurch wahrscheinlicher, dass man ins Gefängnis landet, ohne dass man etwas getan hat. Es wird wahrscheinlicher, dass man wegen Schulden die Wohnung verliert und in die Insolvenz geht, weil der einzelne Bürger nicht beweisen kann, dass die Mahnungen falsch sind. Man verliert so total das Existenzminimum und jede Möglichkeit sein Leben zu gestalten.

  4. zarathustra schrieb am

    moin

    es gab mal eine zeit ohne handy und die festplatte eines computers passte in keinen pkw.
    (ja ich weiss – meinem neffen hab ich mal erzählt, dass ich vor nem com mit 5 mghz sass, der meinte, ich würde ihn vergenschern wollen)

    na logo werden in zukunft die pkw immer mehr von computern gesteuert.
    werden sie ja jetzt schon.

    bei immer dichter werdenden verkehr geht es ja nicht ohne.
    stellt euch mal vor, alle autos währen per com miteinander vernetzt.
    (was kommen wird)

    wie viele weniger unfälle würde es gäben, wie dichter könnten die strassen gepackt werden?

    in the future wird jemand am bahnhof in ein auto steigen, sein ziel nennen und hingegefahren werden – ohne die anwesenheit eines taxifahrers?
    (bezhalt per handy)

    aber back to gegenwart:

    wie ist es nun mit der pkw-maut?

    fair wäre abrechnung pro kilometer und die bedarf der überwachung.
    (missbrauch)

    oder

    pauschale
    ((egal wieviel autobahn-kilometer jemand verbrät, jeder zahlt das selbe)

    wie nun

    fragt
    zarathustra

    • Idee schrieb am

      Genau! Zuerst konkurrierten Männer mit Frauen. Dann standen Qualifizierte und Unqualifizierte im Wettbewerb. Momentan werden Niedriglohnbeschäftigte, die 1 Euro Jobbler, die Hartzer und Zuwanderer aufeinander losgelassen. Selbst über den Mindestlohn wird sich nicht viel ändern, eher im Gegenteil: Unternehmen drohen schon einzelne Bereiche so auszugliedern, dass z.B. 100.000 Asiaten in den Pflegeberuf strömen sollen.
      Und zeitgleich schreitet die Globalisierung voran, sodass wir Schnäppchenjäger vergessen, dass wir bei jedem Teil auch die Gehälter und Löhne implizit festlegen und damit dann auch der Deutsche Arbeitnehmer mit den flinken Fingern eines Kindes in fremden Ländern konkurrieren muss. Wir bekommen es gerade noch auf die Reihe, dass wir es uns aussuchen können, ob wir einen Amazon-Mitarbeiter entweder krank zur Arbeit schicken oder arbeitslos und „gesund“ nach Hause.
      Getoppt wird aber der menschliche Wahnsinn dadurch, dass wir Menschen meinen, wir könnten auch gegen die Arbeit von Maschinen anstinken. Die brauchen keinen Schlaf, keine Lohnerhöhung, keine Rente, keine Sozialabgaben, streiken nicht, werden nicht krank, kommen mit Streß klar und fressen nur den Strom, den wir ihnen über die EEG Umlage bezahlen.
      https://news.piratenpartei.de/showthread.php?tid=383597
      „Ganze Berufsgruppen werden sich also umstellen müssen: Exekutive, Boten und Lieferdienste, Wartung…Jede® den ich gerade nicht aufgezählt habe, könnte sich Gedanken machen, wie er / sie beruflich ersetzt werden könnte. Dann trifft man sich gemütlich auf dem Amt und wartet auf Arbeit. Ah neee, das Amt kommt als Drohne nach Hause, soviele Kerls beim Staat braucht man dann auch nicht mehr. :) Außerdem könnte der einzelne ja sehen, wieviele es noch betrifft und mal so eben „beunruhigt“ sein und dies hätte dann doch Wirkung auf die Ordnung.“

  5. thepiratebay schrieb am

    Warum konzentriert ihr euch nicht mal auf Strukturen? Im Gegensatz zur Piratenbucht, werden diese in Parteien zwingend gebraucht! Auch um Fehlverhalten schneller ausbügeln zu können.

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