Notfallverhütung ist erste Hilfe – Der Bundestag berät über die »Pille danach«

(CC-BY) Julien Haler

Von Jasna Lisha Strick, @Faserpiratin.

Im vergangenen Jahr sprach sich der Bundesrat dafür aus, die »Pille danach« mit dem Wirkstoff Levonorgestrel rezeptfrei zugänglich zu machen, um eine möglichst schnelle und sichere Notfallverhütung zu ermöglichen. Weiterhin soll durch einen Gesetzentwurf sichergestellt werden, dass die Entlassung aus der Rezeptpflicht nicht zu negativen Folgen für die Kostenübernahme führt. Am Donnerstag wird im Bundestag über zwei Anträge der Fraktionen von DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN beraten, die sich beide für die Rezeptfreiheit der »Pille danach« aussprechen. Entscheiden muss über die Frage letztlich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU).

Bei der »Pille danach« handelt es sich um eine Notfallverhütung, die ungewollte Schwangerschaften verhindern soll – sie kann keine bestehenden Schwangerschaften abbrechen. Es wird der Eisprung verzögert oder, wenn er schon stattgefunden hat, die Befruchtung der Eizelle verhindert. Bei der Einnahme kommt es also auf Schnelligkeit an: Innerhalb der ersten 24 Stunden können 95 Prozent der Schwangerschaften verhindert werden, danach sinkt die Wirksamkeit sehr schnell. Es ist also wichtig, die Hürden für die Beschaffung der Pille besonders niedrig zu halten, um Zeit zu sparen.

Bereits 2003 und erneut Anfang des Jahres sprach sich der Expertenausschuss für Verschreibungspflicht gegen die Rezeptpflicht für die »Pille danach« aus , 2010 tat dies sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO. In 28 europäischen Staaten ist die »Pille danach« rezeptfrei in Apotheken erhältlich, und die Erfahrungen dort sind durchweg positiv. Es gibt keine medizinischen Argumente, die eine Untersuchung vor der Einnahme nötig machen.

Immer wieder werden Nebenwirkungen vorgeschoben – Nebenwirkungen, die nur vereinzelt auftreten und die vergleichbar sind mit denen des Menstruationszyklus oder verschreibungsfreier Medikamente gegen Erkältungen. Selbst wenn die »Pille danach« also einmal unnötig eingenommen wird, ist dies im Gegensatz zu einer ungewollten Schwangerschaft absolut hinnehmbar.

Diskrete Beratungen über Wirkweise und Einnahme von Medikamenten können auch Apothekerinnen und Apotheker leisten und tun dies längst. Nur weil die Beratung von einer Ärztin oder einem Arzt vorgenommen wird, ist sie weder besser noch einfühlsamer für die betroffenen Personen – Schilderungen von übergriffigen Beratungen und unnötigen Untersuchungen in gynäkologischen oder anderen ärztlichen Praxen gibt es genug.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Bundesverband der Frauenärzte stellen sich bei der Rezeptfreiheit für die »Pille danach« quer. Dies ist nicht verwunderlich, denn dort sitzen Menschen, die von einer weiterbestehenden Rezeptpflicht profitieren. Ärztinnen und Ärzte verdienen Geld an Untersuchungen, die für Betroffene nicht nur unnötig und zeitraubend, sondern gegebenenfalls (re-)traumatisierend sind. Bei der Frage nach der Rezeptfreiheit der »Pille danach« geht es ihnen vor allem um wirtschaftliche und politische Interessen von Lobbyverbänden, nicht um medizinische Fragen oder gar die Interessen der betroffenen Personen.

Hinweis an Jens Spahn: Bitte verwechseln Sie den lecker Smarties-Kuchen auf unserem Titelbild nicht mit einem Notfall-Antirezeptivum.

Da ernsthafte Argumente offensichtlich fehlen, bemühte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn, ein weiteres Mal die populistische Aussage, die »Pille danach« sei »keine Smarties«. Als ob Menschen mit Uterus für die Unterscheidung zwischen einer Süßigkeit und einem Medikament ärztliche Beratung bräuchten. Umgekehrt werden sie durch Untersuchungen und unangenehme Fragen von Notfallverhütungsmitteln ferngehalten. Diese als medizinisch notwendig darzustellen ist schlicht falsch und zeigt nur eines: Menschen mit Uterus sollen nicht selbst über ihren Körper bestimmen dürfen. Diese weltanschaulich motivierte Bevormundung ist ein reines Machtspiel – mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen.

Bundesgesundheitsminister Gröhe geht es angeblich nicht darum, die »Selbstbestimmung von Frauen« einzuschränken, doch genau dies tut er, wenn er beschließt, die »Pille danach« weiterhin rezeptpflichtig zu lassen. Vielfach werden angestaubte Moralvorstellungen aus dem Keller geholt, denn gerade Konservative fürchten ein ausschweifendes Sexualleben von Jugendlichen – beziehungsweise von Jugendlichen mit Uterus. Dies ist nach den Erfahrungen in anderen Ländern weder haltbar noch ein Argument. Jeder Mensch muss selbst über das eigene Sexualleben entscheiden dürfen.

Hermann Gröhe hat keinerlei Vorstellung von der Lebensrealität vieler Menschen in Deutschland – dies fängt damit an, dass er Trans*personen in seiner Argumentation nicht einmal benennt. Hier handelt es sich aber um Menschen, für die die Hürden eines Besuchs bei der Gynäkologin oder dem Gynäkologen gegebenenfalls noch höher sein können. Zudem mag es in Deutschland vielleicht in Ballungsgebieten flächendeckend Krankenhäuser und Notfallpraxen geben – in ländlichen Gegenden sieht dies anders aus. Und wer schon mal am Wochenende in einer Ambulanz gesessen hat, weiß, wie lange das dauern kann. Menschen, die in ländlichen Gegenden leben, nicht auf ein eigenes Auto zurückgreifen können, minderjährig sind und kein Geld für ein Taxi haben, erreichen die Ambulanz gegebenenfalls überhaupt nicht. Wem die Krankenversicherung fehlt, drohen neben den Kosten für das Medikament selbst weitere Kosten für die Beratung. Wer dann nur auf katholische Krankenhäuser zurückgreifen kann, hat oft das Pech, dass die »Pille danach« gar nicht erst verschrieben wird. Die Rezeptfreiheit würde auch ermöglichen, dass nicht mehr die betroffene Person selbst für die Notfallverhütung sorgen muss, sondern sie gegebenenfalls eine andere Person vorschicken kann. Dies ist für Opfer von sexualisierter Gewalt und Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Verpflichtungen zuhause oder am Arbeitsplatz oft eine deutliche Erleichterung. Gründe, nicht rechtzeitig an ein Rezept zu kommen und damit den letztmöglichen Einnahmezeitpunkt der »Pille danach« zu verpassen, sind also vielfältig.

Gröhes Aussage, dass die Sexualaufklärung in Deutschland so gut sei, dass diese die rezeptfreie Abgabe von Notfallverhütung unnötig mache, ist nicht nur nicht nachvollziehbar, sondern zudem schlicht falsch. Dies zeigt sich beispielsweise in den gravierend falschen Annahmen der Jungen Union, die von den Jungen Piraten erst noch einmal Nachhilfe bekommen musste, was Fakten zur »Pille danach« angeht.

Der Zugang zu Verhütungsmitteln muss so niedrigschwellig sein wie nur möglich. Die »Pille danach« muss rezeptfrei werden, damit sie in Zukunft in keinem Erste-Hilfe-Schränkchen mehr fehlt.

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Kommentare

9 Kommentare zu Notfallverhütung ist erste Hilfe – Der Bundestag berät über die »Pille danach«

  1. lara schrieb am

    mit ad hominem-Argument gegen den Verband der FrauenärztInnen, typisch linke Piratin

  2. Luka schrieb am

    Danke, sehr informativ.
    @lara: Hast Du auch inhaltliche Kritik zu bieten?

  3. Wahn schrieb am

    Ich habe zwar eine etwas andere Meinung als die Autorin, aber ich war im ersten Drittel des Texts überrascht, dass die Argumentation sinnvoll sachlich war.

    Zumindest wurde dann aber die Erwartung erfüllt, als das Verschwörungstheoriegeschwafel über Machtspielchen losging.

    Hier dennoch ein paar Punkte:

    Minderjährige: Ich denke grade hier sollte es keine Rezeptfreiheit geben. Wenn ein minderjähriges Mädchen in eine solche Situation kommt, ist es definitiv angebracht noch einmal ein vernünftiges Gespräch mit ihr zu führen, zumal hier ebenfalls die möglichen Nebenwirkungen ganz anders einschlagen können.

    Keine Notfallambulanz auf dem Land: Grundsätzlich erstmal ein sinnvolles Argument, das Problem an der Sache ist aber genauso einfach. In Dörfern in denen es keine Notfallambulanz gibt, gibt es auch in sehr vielen Fällen keine Notfallapotheke, bzw. die naheliegenste ist meistens ebenfalls dort, wo die Notfallambulanz ist. Was ist also gewonnen?

    Meiner Meinung nach, wäre eine sinnvolle Regelung, dass es vor dem erstmaligem Nutzen der PiDaNa eine ausführliche Beratung geben sollte und man danach die Möglichkeit haben sollte diese mit einer Art Schein oder so auch ohne Rezept zu holen.

    Wobei hier anzumerken ist, dass die PiDaNa sowieso bei den wenigsten Frauen zum Einsatz kommen sollte. Denn Gummis und Pille oder ähnliches sind eigentlich auch keine Raketenwissenschaft ;)

    • Dirk schrieb am

      Eine „Pille danach“ kostet glaub ich um die 60-80 Euro. In den Packungsbeilagen kann man sich über die Nebenwirkungen und ihre Häufigkit informieren. Aus beidem wird klar: Das ist ein Notfallmedikament und in keinem Fall ein „normales“ Antirezeptivum.

      • andrea schrieb am

        hi Dirk,

        zwar glaube ich nicht, dass die „Pille danach“ wirklich so viel kostet.

        Aber: es geht hier um die sexuelle Selbstbestimmung der Frau und es geht darum, dass durch diese Warterei auf einen Arzt-Termin beim Gynäkologen (bis zu 3 Monaten) es zu spät ist für die Einnahme!!

        Außerdem Dirk,

        in vielen ländlichen Gebieten haben nachts keine Arztpraxen offen, wenn dieses Medikament gebraucht wird, wenn z.B. das Kondom geplatzt ist. Außerdem sind in ländlichen Gebieten die nächsten Krankenhäuser oft weit weg. Das heißt: die Frau muss erst mit dem Auto hinfahren und dadurch geht zu viel Zeit verloren und die Wirksicherheit sinkt. Denn du sollest wissen, dass bei dieser „Pille danach“ das Einnahme-Zeitfenster nur 72 Stunden beträgt, sonst ist es zu spät!!

        Dann ist es – im Falle einer Vergewaltigung – so, dass die Frau total traumatisiert ist. Wie willst du ihr da eine Fahrt mit dem Auto ins nächste Krankenhaus zumuten?? Das ist viel zu gefährlich! Hier braucht es eine rezeptfreie Abgabe der „Pille danach“ an das betroffene Opfer!!

        Darüber hinaus haben auch schon einige katholische Bistümer diese „Pille danach“ mit dem Wirkstoff Levonorgestrel in ihren Bistümern zugelassen. Denn diese Sperrung war deswegen, weil die bisherigen Pillen abtreibende Wirkung hatten und da sperrt sich die katholische Kirche auch weiterhin.

        Als drittes ist es so, dass die Ärzte sich deshalb gegen die Freigabe sperren, weil es denen um puren Lobbyismus geht. Damit meine ich nämlich die Gelder, die sie mit diesen Rezepten verdienen und mit dieser Beratung, die nur alles verzögert und damit die Wirkung der „Pille danach“ herabsetzt!! Du siehst also, hier geht es auch um Lobbyismus!! Lies dazu bitte diesen Tagesschau-Artikel:

        http://www.tagesschau.de/inland/pille-danach112.html

        „Ärzte wollen an der Rezeptpflicht festhalten

        Dissens gibt es allerdings über die gesundheitlichen Risiken. Der Fachverband der Gynäkologen und die Bundesärztekammer halten die Einnahme des Präparats für nicht ganz ungefährlich. Die Pille bedeute einen gravierenden Eingriff in den Hormonhaushalt. Sie könne in Einzelfällen „gravierende Nebenwirkungen“ haben – wie Migräne und Unregelmäßigkeiten bei den folgenden Monatsblutungen.

        Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, fordert deshalb die Beibehaltung der Rezeptpflicht. Ein Arztbesuch sei unverzichtbar und den Frauen auch zuzumuten. Man dürfe nicht einfach mal „eine Pille über den Tresen der Apotheke“ schieben. „Wir möchten den großen Vorteil des deutschen Gesundheitssystems bewahren, dass man in einem Gespräch mit einem Arzt eine kompetente Beratung bekommt, wie der Gebrauch des Medikaments in Zukunft verhindert werden kann.“

        Aber hier stelle ich die Frage: kann das ein Apotheker nicht genauso gut und kompetent wie ein Arzt?? Und ich stelle die zweite Frage: wieso zum Teufel würdigen die Ärzte hier die Apotheker so herunter??

        Weiterhin ist es so, dass in diesem Artikel auch gesagt wird, dass aktuelle WHO-Studien keine größeren Risiken sehen. Hier dazu der entsprechende Auszug aus dem Tagesschau-Artikel:

        WHO-Studie: Keine größeren Risiken

        Die Familienberatung „pro familia“ vermutet, dass dieses Votum nicht ganz uneigennützig ist. Denn immerhin verdienen die Ärzte an der Beratung und Verschreibungspflicht. Der Verein hält die Pille für „gut verträglich, wirksam und sicher“ und beruft sich dabei auf eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese kam 2010 zur Einschätzung, dass das Medikament von Frauen und Mädchen auch ohne ärztliche Beratung und Rezept ohne größeres Risiko eingenommen werden kann. Viele Länder folgten diesem Votum: in 28 europäischen Ländern gibt es die Pille danach mittlerweile ohne Rezept, nur Polen, Italien und Deutschland halten an der Rezeptpflicht fest.

        Von daher: warum zum Teufel werden die Frauen hier in Deutschland immer noch so mies bevormundet?? Warum wird hier die sexuelle Selbstbestimmtheit der Frau so mit Füßen getreten??

        Was Gesundheitsminister Gröhe hier abzieht, ist absolut tiefstes Mittelalter und vorsintflutlich!! Sorry, aber so ist es!!

        Deswegen: FREIGABE JETZT!!

        Grüße
        Andrea

        • Dirk schrieb am

          Der Preis von 60-80 Euro für eine Tablette stammt von einer stichprobenartig angeklickten Online-Apotheke. Beim Nachsuchen habe ich auch Angebote um die 50 Euro gefunden. Inhaltlich musst Du mich übrigens nicht von der Aufhebung das Rezeptzwangs überzeugen – da bin ich völlig bei Dir.

      • Grimnir schrieb am

        Das Bild finde ich unpassend. Notfallverhütung bleibt auch ohne Rezeptpflicht für die betroffene Frau eine unangenehme Angelegenheit, die nichts mit dem Konsum von Süßigkeiten zu tun hat.

  4. Andrea schrieb am

    hi zusammen,

    für alle Piratenfrauen, die nich auf einen Arzt-Termin warten wollen, bin ich auf was interessantes gestoßen. Guckt mal hier:

    http://www.zeit.de/2013/04/Pille-danach-Internet-DrEd

    Die britische Onlinepraxis DrEd.com will deutschen Frauen jetzt einen schnelleren Zugang verschaffen. Auf der Website müssen sie zunächst 20 medizinisch relevante Fragen beantworten, etwa zum Zeitpunkt der letzten Menstruation und zu chronischen Erkrankungen. Ärzte der Internetpraxis prüfen, ob die Einnahme der Pille geraten ist, und stellen ein Rezept aus, das an eine Versandapotheke geschickt wird. Die liefert das Medikament ins Haus. Ein Test durch die ZEIT ergab: Bei Bestellung am vergangenen Montagnachmittag wurde am folgenden Dienstag mittags geliefert. Der gesamte Service kostet 35 Euro. Möglich ist er, weil in der EU die freie Arztwahl gilt und die deutsche Verschreibungspflicht nicht verletzt wird.

    Das ist eine legale Umgehung der Rezeptpflicht in Deutschland! Damit kommt ihr schneller an diese Pille und müsst nicht unbedingt lange auf einen Arzt-Termin warten!!

    Link zur Praxis: https://www.dred.com/de/

    Hier mal auf den Button „Pille Danach“ klicken.

    So einfach kann es gehen. Aber dass ist natürlich kein Weg für eine vergewaltigte Frau, die unter Schock steht und bei der eine Sofortmaßnahme geboten ist, damit es nicht zur Schwangerschaft kommt.

    • Autolykos schrieb am

      Ist ein schöner legal hack, aber ich finde niemand sollte zu solchen Tricksereien gezwungen sein um etwas zu bekommen worauf sie zumindest ethisch betrachtet einen Anspruch hat. Das ist auch nicht der Piraten-Weg (sei kein Ninja…).
      Selbstbestimmung und Freiheit zu untergraben war ja schon immer einer der Kernpunkte von Konservativen und von Religion, und so lange die immer noch mächtig sind ist es gut dass es zumindest die Schleichwege gibt.

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