Ich bewerbe mich

(CC-BY-SA) Marcus Sümnick
An das
Präsidium des ADAC e.V.
z.H. Dr. August Markl
Hansastraße 19
80686 München

Sehr geehrte Herren,

ich habe vernommen, dass bei Ihnen seit gestern eine Stelle im Vereinspräsidium des ADAC unbesetzt ist. Für den vakant gewordenen Posten möchte ich auf der nächsten ADAC-Hauptversammlung gern kandidieren. Ich bin eine mutige und engagierte Ingenieurin und bitte um Ihre Unterstützung für dieses Unterfangen.

Bevor ich zu den Gründen komme, weswegen ich eine personelle Neuaufstellung an der Spitze des Clubs für unabdingbar halte und welche Ideen ich für die Neuaufstellung habe, möchte ich zuerst einige Worte zu mir verlieren. Möglicherweise bin ich Ihnen bekannt als stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei Deutschland. Ich verfüge also durchaus über Führungserfahrungen in einer großen Organisation. Der Hinweis auf meine politische Überzeugung soll Ihnen aber vor allem verdeutlichen, was essentieller Bestandteil meines Wertekanons ist: Transparenz.

Darüber hinaus zeichne ich mich durch umfassende fachliche Kompetenz aus. Ich habe Maschinenbau und Verkehrsingenieurwesen studiert. Sowohl in der Wissenschaft als auch in meiner beruflichen und politischen Praxis habe ich mich nicht nur mit dem motorisierten Individualverkehr, sondern mit dem gesamten Themenkomplex Verkehr intensiv und auf sehr unterschiedlichen Ebenen befasst. Weitere Informationen zu mir und meinem beruflichen Werdegang entnehmen Sie bitte meinem Lebenslauf und meinem Profil in einem einschlägigen Internetportal.

Jetzt steht eine Frage im Raum: Warum tue ich das?

Der ehemalige Präsident Peter Meyer bezeichnete den ADAC als »nicht gemeinnützig, sondern [als] Idealverein, der seine Tätigkeit nicht nach wirtschaftlichen Zwecken ausrichtet, sondern sich an den Interessen und Bedürfnissen seiner Mitglieder orientiert«. Das ist ein hehres Ziel, dessen Erreichung ich als langjähriges Mitglied allerdings nur sehr eingeschränkt wahrnehmen kann. Meine Interessen haben für den ADAC vielmehr nie eine Rolle gespielt. Der Club hat nie danach gefragt. Er hat nie gefragt, ob ich mich durch ihn verkehrspolitisch vertreten lassen wollte. Er hat auch nie gefragt, ob ich seine Nähe zu Automobilkonzernen oder anderen großen Herstellern auf dem Automobilsektor gut finde.

Der aktuellen Krise liegt nicht nur das Fehlverhalten Einzelner zugrunde, sondern es bestehen grundsätzliche Mängel im Selbstverständnis des ADAC und in der Kultur des Clubs. Daran muss der ADAC zuerst arbeiten, bevor sich konkrete strukturelle, prozessuale und auch personelle Entscheidungen ableiten lassen.
Im Folgenden finden Sie die aus meiner Sicht substanziellen Problemfelder, die dringend bearbeitet werden müssen.

Lassen Sie Ihren Zehn-Punkte-Plan für die Zukunft des Clubs in der Tasche, bevor nicht eine gründliche Aufarbeitung der Geschehnisse der letzten Jahre erfolgt ist. Und unterlassen Sie es möglichst, in der Vereinszeitung MOTORWELT schon die Chance hinter der Krise zu postulieren, bevor deren Zenit noch nicht erreicht ist. Das Lernen kommt nach der Aufarbeitung. Was zuvor kommt, ist Koketterie mit der eigenen »menschlichen Fehlbarkeit«.

Führen Sie eine Analyse Ihrer Personal- und Prozessstruktur durch und beleuchten Sie Ihre Firmenkultur, um zu erkennen, wie es zu den massenhaften Manipulationen kommen konnte, ohne dass nicht schon zuvor Warnungen ausgesprochen oder wahrgenommen wurden. Implementieren Sie auf Basis der Ergebnisse der Aufarbeitung wirksame Kontrollmechanismen.

Lassen Sie Ihre Strukturen und Prozesse regelmäßig auditieren. LobbyControl oder andere Vereine und Institutionen stehen dafür mit Rat und Tat zur Seite.

Überdenken Sie Ihr Bild von sich und Ihren Anspruch an das Wirken des ADAC. Ist Ihr Ziel, ein Dienstleister zu sein, der Pannenhilfe, Luftrettung und Beratung bei der Urlaubsbuchung anbietet? Oder ist Ihr Ziel, der Lobbyverband sonst nicht organisierter Autofahrer zu sein? Wofür auch immer Sie sich entscheiden: Kommunizieren Sie es klar. Besser noch: Befragen Sie Ihre Mitglieder, welche Ausrichtung der ADAC deren Meinung nach haben soll. Fragen Sie Ihre Mitglieder, warum diese in den ADAC eingetreten sind. Haben Sie vor den Antworten keine Angst. Sie können daraus die Legitimation für Ihr Handeln ableiten.

Reformieren Sie Ihre Struktur. Das Dienstleitungsgeschäft und die Arbeit zur Förderung des Vereinszwecks sind zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche und müssen auch als solche gehandhabt werden. Die »Wahrnehmung und Förderung der Interessen des Kraftfahrwesens, des Motorsports und des Tourismus« sind legitime Vereinsziele. Der Grund, weswegen ein großer Teil Ihrer Mitglieder überhaupt solche geworden sind, sind aber die von Ihnen angebotenen Dienstleistungen. Dieses Aufgabenspektrum muss klar voneinander getrennt werden, und die Dienstleistungen müssen aus der Vereinsstruktur ausgegliedert werden. Die weitgehend unkontrollierte Steuerung des Clubs und seiner Geschäfte durch einige wenige Funktionäre wäre damit nicht mehr möglich. Für die Mitglieder, die dann tatsächlich und bewusst Mitglieder des Clubs und nicht nur Kunden der Tochtergesellschaften sind, sind Sie dann eine legitimierte politische Interessenvertretung und nicht nur ein »Gelber Engel«, der nebenher – und weitgehend ungefragt – noch Politik macht.

Behalten Sie Ihre Zielgruppe und deren Interessen genau im Auge. Massenhafte Manipulationen an Umfragen und gar an Tests sind nichts anderes als Betrug an Ihren Mitgliedern. Der Betrug wiegt umso schwerer, als dass sich tausende, möglicherweise gar Millionen Kaufentscheidungen auf Ihre Untersuchungen stützten. Gerade die auf durch Sie durchgeführte Produkttests fußenden Kaufentscheidungen betreffen fast ausnahmslos Komponenten und Systeme, deren Funktionalität und Qualität über nicht weniger als Leben und Tod entscheiden können. Derzeit macht es nicht den Anschein, als seien Ihre Mitglieder der Fokus Ihrer Tätigkeit; eher im Gegenteil. Der Anspruch, eine große Zahl von Autofahrern auch politisch zu vertreten, wirkt vor diesem Hintergrund noch irritierender.

Erneuern Sie sich. Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Nicht nur das Konfliktfeld von Mobilitätsbedürfnis auf der einen und der berechtigterweise immer bedeutender werdende Aspekt des Umweltschutzes auf der anderen Seite hatten entscheidenden Einfluss auf das individuelle Bewegungs- und Konsumverhalten und die Debatten darüber. Auch andere, mit Verkehrspolitik auf den ersten Blick wenig assoziierte Themen sind in der öffentlichen Wahrnehmung wichtiger geworden. Dazu zählen ein stärkeres Bedürfnis nach Transparenz und deutlich veränderte Anforderungen an die gesellschaftliche Repräsentanz eines Organs von der Reichweite des ADAC. Eine Bühne voller alter Männer während der Verleihung des »Gelben Engels« repräsentiert nicht, sondern schreckt ab.

Verstehen Sie meine »Bewerbung« bitte auch als Zusammenstellung von Hinweisen eines (ehemals wohlmeinenden) Mitglieds. Ob ich das wieder werde, hängt sehr stark von Ihrem weiteren Vorgehen ab – das hat aber mit meiner Karriereplanung bei Ihnen oder anderswo nichts zu tun.

Ich freue mich, von Ihnen zu hören und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Dipl.-Ing. Carolin Mahn-Gauseweg
Ingenieur für Produktsicherheit
Stellvertretende Bundesvorsitzende der Piratenpartei Deutschland

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Kommentare

25 Kommentare zu Ich bewerbe mich

  1. NeoXtrim schrieb am

    Ich war selten so beeindruckt von einer Aktion in den letzten zwei Jahren :-)

    Einfach nur toll!

  2. samy schrieb am

    Glückwunsch! :) Geile Aktion – und jetzt auch für #piraten (einiges ist sehr zutreffend) Wären sie _sehr klug_ würde der ADAC dich einstellen…

  3. Christine schrieb am

    auch wenn sich kein job daraus ergeben sollte, ist der kontakt sinnstiftend :) viel spaß beim dranbleiben und verwirklichen deiner konkreten träume. meiner einer wäre ein gesamtdeutscher verkehrsticker als mutter zweier recht mobiler kinder.

  4. Anonym schrieb am

    Was sind denn die Referenzen dieser „Bewerberin“? Etwa die Real-Verhältnisse in der Piratenpartei? Sehr fraglich, dass ihr die anderswo weiterhelfen würden! Angefangen bei der angeblichen Transparenz … und alle übrigen Aspekte betrifft es genauso.
    „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen!“ Und auch nicht per „Bewerbung“ andere durch Spott zurechtweisen wollen, lässt sich hinzufügen.

  5. Bürger schrieb am

    Piratenpartei goes ADAC und jetzt fehlt noch die Bewerbung bei der GEMA oder dem BND

  6. Guido Körber schrieb am

    Prima!

    Wie kann ich als ADAC Mitglied diese Kandidatur unterstützen?

  7. Joerg Krause schrieb am

    Na ja, immerhin hört man mal was von den Piraten an sich.
    Aber warum muß auf jeden stinkenden Häufchen ein Piratenfähnchen wehen ?
    Sonst hört man N I X.
    Ich hoffe es folgt eine ebenso lustige „Bemerkung“ zur europäischen Entscheidug Snowden kein Asyl zu gewähren, ihn damit zum Vogelfreien erklärt. Haut rein, sagt was, ich will mich totlachen!

  8. Joerg Krause schrieb am

    Ich muß nochmal, ich bin außer mir!!!
    Frau Dipl.Ing. sollte die Produktsicherheit ihrer eigenen Produkte auf den Prüfstaned stellen. So einen Zinnober kann sie anonym in der Titanic veröffentlichen, als stellvertretende Bundesvorsitzende eines Karnevalsvereines. Außendarstellung einer ernstzunehmenden politischen Kraft sieht anders aus. Ist das Zeugnis ihrer politischen Aktivität? Nach Bremen war ich so zuversichtlich, aber es tut sich immer noch nichts. Wir verkommen zu kommunalen Bürgerbewegungen und verschenken unser Potential an den Entscheidungsfindungen teilzuhaben.

    • Anonym schrieb am

      Karnevalsverein? Man könnte über diesen „Verein“ lachen, wenn nicht immer wieder eine Menge gutgläubige Wähler ihre Stimmen an die Piratenpartei verschleudern würden. Ernstzunehmen ist hier nur die Doppelgesichtigkeit, mit der agiert wird: die immer größer werdende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das ist nicht ganz so lustig!
      Das Bild, das sich heute bietet, hat nicht mehr viel zu tun mit dem, was von der Piratenpartei in 2010 oder 2011 noch wahrzunehmen war. Einen kleinen Hinweis gibt auch der Zuspruch, den dieses Kommentarforum selbst erfährt: Die Zahl der Teilnehmer ist hier ganz erheblich zurückgegangen!

  9. Peter Strohm schrieb am

    Die Piraten baden sich in Doppelmoral wo es nur geht.
    Gestern auch wieder so n Dreck auf der Seite der Tagesschau. Pauschaltarif für 19,- für ganz Saarland. Ganz toll, wenn wieder über „Freiheit“(tm) herum philosophiert wird und man sich über eine Zwangsgebühr fürs Fernseh sich aufregt, dann wieder allen diese Pauschaltarif auf die Nase binden, egal ob man nur einmal im Jahr oder gar nicht mit dem Bus+Zug fährt. Klar, ist es für den täglichen Busfahrer dann günstiger aber für jemanden der selten fährt eine Bevormundung. Aber man soll auch ruhig dann zahlen, wenn die Arbeitsstelle nur 5 Minuten zu Fuß entfernt ist. Ganz toll! Was zählt ist der Fun-Faktor der Piraten. Es wird erst dann Politik gemacht, wenn die Mitglieder selbst betroffen sind. Warum gibt es noch keine gesetzliche Forderung auf kostenlose Hamburger und Club Mate für alles und jeden?! „Ja und 1000 Leute haben auf der Tagesschau Seite dafür gestimmt!“. Klar, es gab auch sicherlich keine Rundmail über allen Kanälen sich daran zu beteiligen. Huxley4Forever

    • CP schrieb am

      @PeterStrohm Wer Huxley4forever schreibt sollte grundsätzlich vorsichtig sein mit Polemik. Entweder Huxleyforever oder Huxley4eve oder einfach ganz weglassen. Ist das Beste. Die Bewerbung auf die „Stelle“ finde ich, davon abgesehen, ein ziemlich gutes Statement.

  10. June schrieb am

    Von Bundesparteitagen habe ich einiges gelernt. Unter anderem, das Bewerber für einen Posten, die in ihrer Bewerbungsrede die organisation kritisieren und ständig Fehler und Probleme aufzeigen NIEMALS gewählt wurden. So kann man auch schon diese Kandidatur komplett vergessen.

  11. Marc Ziemann schrieb am

    Schuster bleib bei deinen Leisten, und vielleicht sollten sie im Vorfeld von wichtigen Wahlen erst einmal an ihre Partei denken und zusehen das ihre Partei wieder in Fahrt kommt.

  12. Peter Strohm schrieb am

    Sich zu bewerben, egal ob Mann oder Frau ist die eine Sache. Aber sich dafür auszusprechen zu sagen, eine Frau sei prinzipiell besser oder wünschenswerter ist die andere Sache. Ihr fordert Gleichheit, dann aber sind bestimmte Leute aus Prinzip zu fördern, „die darf das“, „der kommt aus dem Kulturkreis, der darf das“, blabla.
    Die gesamte Emanzenwelt sah Merkel als neue Hoffnung für alle Frauen auf der gesamten, weiten Welt und was ist passiert? Gar nichts. In USA ist ein farbiger Mann zum ersten Mal Präsident geworden. Das ist auch gut. Das Problem ist das alle so getan haben als würde sich was ändern, er bekam einen Friedensnobelpreis obwohl er zuvor nichts gemacht hat und später noch eine mögliche Syrien-„Operation“ förderte. Wenn ihr irgendwelche hübschen Mädels irgendwo reinwählt und als ein Parteimitglied sich insgeheim einen gemeinsamen Kerzenlicht-Cosplay-World-of-Warcraft-Abend erträumt ist es eure Sache. Aber es ändert sich nichts an der Tagsache das eine geschlecht- oder phänotypisches Merkmal alleinig nichts dazu beträgt das sich was ändert. Im Prinzip ist es negative Diskriminierung. „Männer sind dazu nicht geeignet, Frauen können das besser“, dann quatscht aber nichts von Gleichberechtigung.

    • Dirk schrieb am

      Der Wunsch nach einem weiblichen Vorstand für den ADAC kam von einem Menschen namens Ferdinand Dudenhöffer. Wenn Du Zweifel an der geschlechtsneutralen Natur seiner Ansichten hast, freut er sich bestimmt über einen entsprechenden Hinweis an seine im Internet veröffentlichte e-Mail-Adresse.

      Die Piratenpartei hat dazu eine klare Aussage formuliert, in der lookistische Aspekte keinen Platz haben.

  13. Thomas Rockmore schrieb am

    Jeden Tag steht scheinbar ein Komiker auf!

  14. Ex-ADAC-Mitglied (36) schrieb am

    SUPER! Spitzen-Bewerbung.
    Wenn diese Bewerbung angenommen wird, trete ich auch wieder in den ADAC ein.
    Viel Erfolg!

  15. zarathustra schrieb am

    moin

    also posten!

    wie komme ich nur zu der ansicht, dass es um posten geht und nicht um inhalte?

    (anstatt zu fordern, dass das grundgesetz geändert wird, damit einer der piraten bundespräsident wird, sollten die piraten sich mal inhaltliche forderungen kümmern – damit es für europawahl reichen tut
    verfassung ändern, damit posten…dafür wählt wohl kaum einer die piraten)

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