Elektronische Gesundheitskarte – Aber die alten Karten gelten weiter.

(CC-BY-SA) Wikipedia-User Lumu

Von Julia Groß.

Viele Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen erhielten in letzter Zeit Aufforderungen ihrer Krankenkassen, ein Foto für die angeblich unverzichtbare neue elektronische Gesundheitskarte (eGK) einzuschicken, da ihre alte Versichertenkarte ab Januar 2014 nicht mehr gültig sei. Bei Arztbesuchen sei mit hohen Kosten zu rechnen, die selbst bezahlt werden müssten. Nur mit der neuen elektronischen Gesundheitskarte sei das zu vermeiden. Dafür werde aber ein aktuelles Foto benötigt.

Bundesregierung und Kassenärztliche Bundesvereinigung widersprechen: Die alten Versichertenkarten können bis zum aufgedrucktem Ablaufdatum weiterverwendet werden. Versicherte werden auch in 2014 auf Kosten ihrer Versicherung und ohne Bargeld bei den Vertragsärzten behandelt.

Wenn es nach Wunsch der Gesetzlichen Krankenversicherung geht, soll die eGK künftig eine Art Zugangsschlüssel zu elektronischen Patientenakten und Arztbriefen werden. Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser und Krankenkassen wollen damit den Informationsaustausch vereinfachen und bauen dafür eine EDV-Infrastruktur (›Telematik-Infrastruktur‹) auf.

Welche Informationen genau neben den derzeit erfassten Mitgliedsdaten auf der eGK gespeichert werden sollen, steht allerdings noch nicht fest. Datenschützer sind skeptisch, ob alle Wünsche der Krankenkassen im Rahmen bestehender Gesetze erfüllt werden dürfen.

Keine-Experimente»Nicht erst die Enthüllungen um NSA und GCHQ haben uns vor Augen geführt, dass Sicherheitslücken durch Fehler bei der Implementierung von kryptografischen Systemen entstehen. Solange der verwendete Quellcode nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, können wir kein Vertrauen in die Sicherheit eines solchen Systems haben. Das gilt insbesondere für die elektronische Gesundheitskarte, da hier besonders sensible Daten elektronisch kommuniziert werden sollen. Solange bezüglich der Anwendungssysteme keine Transparenz hergestellt wird und Patienten keine Möglichkeiten erhalten, ihre Daten verschlüsselt direkt auf der Karte zu speichern, lehnen wir die eGK und die Etablierung der Telematik Infrastruktur ab« meint Christopher Lauer, der Sprecher des Ausschusses für Gesundheit und Soziales der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Eine unmittelbare Gefahr für Patientendaten besteht zum jetzigen Zeitpunkt indes nicht. Die eilige Ausgabe der Karten ist insbesondere dem Druck geschuldet, nach 7 Jahren Verzögerung im Projekt endlich sichtbare Erfolge vorzuweisen. Bis auf den Abdruck eines Lichtbildes auf der Kartenvorderseite wurde allerdings noch keine der angedachten Funktionen umgesetzt.

Anwendungen wie das ›elektronische Rezept‹ sind nach gescheiterten Feldtests kurzfristig nicht zu erwarten, und nach aktueller Gesetzeslage ist die Verwendung der Karte für Online-Dienste in der sogenannten Telematik-Infrastruktur freiwillig. Aber gerade bei Rezeptdaten wäre eine Sicherheitslücke besonders folgenreich, da sich aus ihnen sehr genau Diagnosen und Krankheitsverläufe rekonstruieren lassen, ohne dass die vollständige Patientenakte vorliegen muss. Ist die Infrastruktur erst einmal etabliert, können leicht Sachzwänge angeführt werden, um den Datenschutz aufzuweichen. Es wird dann heißen, dass aufgrund des Kostendrucks durch den demografischen Wandel die Prozesse effizienter werden müssen. Eine verpflichtende Nutzung des elektronischen Rezepts mittels der Telematik-Infrastruktur könnte die Folge sein.

Aber auch wenn die Freiwilligkeit zunächst bestehen bleibt, ist Wachsamkeit geboten. Denn mittelfristig sind auf jeden Fall finanzielle Anreize zu erwarten, wenn Patienten die Online-Dienste der Karte nutzen – etwa in Form von Beitragsrückzahlungen. Datenschutz könnte damit eine Frage des Einkommens werden.

Wenn Du bei diesem Thema mitarbeiten möchtest, kannst Du uns in einer Sitzung der AG Gesundheitspolitik besuchen – egal ob Du Pirat bist oder nicht. Die Sitzungen finden an jedem 1. und 3. Donnerstag im Monat um 20 Uhr im Mumble NRW im Raum Gesundheitspiraten statt. Bitte informiere Dich auf der Homepage der AG über die Details.

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Kommentare

14 Kommentare zu Elektronische Gesundheitskarte – Aber die alten Karten gelten weiter.

  1. blubb schrieb am

    Ich habe mir auch bis heute keine neue Karte ausgestellt. Kann ich auch eine Karte der selben Kasse nutzen, die ich zwar nicht mehr verwenden soll(cih bekam eine bis 2013 gültige Ersatzkarte), die aber noch bis 2017 gültig ist? Ich bin damals von der AOK Brandenburg zur AOK Berlin gewechselt, wobei beide ja als AOK-Nordost angeordnet sind?

    Danke für diesen aufklärenden Beitrag!

  2. Silam Sam schrieb am

    Mit den alten Versicherungskarten wurden weitreichende Betrüge unternommen. U.a. wurden über einen Namen diverse Personen abgerechnet. Teils vom Versicherten gezielt, teils unbeabsichtigt – wie z. B. bei Verlust der Karte. Insofern Behandlungen mit Eigenanteilen einhergehen, erfuhr der Versicherte erst bei Erhalt der Rechnung davon. Eine Rechnung, die er als eingelesener und behandelter Patient zahlen musste. Die durch Foto individualisierte Versicherungskarte bietet somit u.a. Schutz vor Missbrauch der Daten. Dieser überaus relevante Gesichtspunkt bleibt im Artikel leider unerwähnt.

    • Peter Pan schrieb am

      Was ist schlimmer?
      – Ein Fremder benutzt die geklaute Karte und es kostet die Kasse etwas Geld
      – Sie finden keinen Job, weil jeder Arbeitgeber Zugriff auf Ihre Krankenakte hat
      Man muss solche Prozesse rechtzeitig stoppen, und das wäre jetzt. Nieder mit der Gesundheitsakte!

    • Hausarzt aus Hessen schrieb am

      Missbrauchsverhinderung durch das Bild auf der eGK? Reingefallen!

      Es wird zu keinem Zeitpunkt wirksam geprüft, wen das eingesendete Bild zeigt. Bilder von Haustieren und Comicfiguren werden mittlerweile wohl nicht mehr akzeptiert, immerhin. Das Bild kann den behaupteten Zweck also nicht sichern. Die zukünftig möglichen Datensätze rund um die eGK sind für mich als Arzt wenig sinnvoll, denn durch den konsequent implementierten Datenschutz habe ich es zumindest mit unvollständigen Daten zu tun, da der Patient bestimmt, was gespeichert wird und was nicht.
      Auch die Mehrfach-Speicherung von Daten wird weiterhin nötig sein, denn gemäß der Planung bekomme ich als behandelnder Arzt keinen unbeschränkten Zugriff auf diese Unterlagen, sondern muss jeweils ein Zeitfenster hierzu beim Patienten beantragen. Rechtlich bin ich jedoch verpflichtet, Behandlungsunterlagen vollständig zu führen…
      Die eGK-Infrastruktur wird vieles ermöglichen – anders als von den Hauptinteressenten (Bundesregierung, GKV und Telematik-Betreibern) aber wenig bis nichts sinnvolles für Patient und Arzt.

  3. idee schrieb am

    Von wegen finanzieller Anreiz:
    Es steht im Raum, dass jegliche Kosten nur dann von der Krankenkasse übernommen werden sollen, wenn der Patient eine (funktionierende) elektronische Gesundheitskarte für ihren/seinen jeweiligen Fall beim Arzt (etc.) vorlegen kann. Bis zum Zeitpunkt der (gnädigen) Übernahme der Kosten, soll in gewissen Fällen der Patient wohl als privat versichert behandelt werden und die Kosten erstmal selbst tragen.

    Zur praktischen Seite:
    1. Es gibt – wie für den elektronischen Personalausweis auch – keine Lesegeräte, die der Staat/Kasse empfielt und schon gar nicht servicemäßig dazugibt. Wer eine solche Karte hat, kann selbst erstmal gar nichts mit irgendwelchen Funktionen des neuen Ausweises.
    2. Würde man sich ein solches Lesegerät besorgen, hat man gewisse sicherheitsrelevante Bedenken, ob das Gerät auch so tut wie es soll und ob und wielange es auch dem (künftigen) Datenschutz genügt.
    3. Bislang haben Praxen und Kliniken Schwierigkeiten Patienten mit einer elektronischen Gesundheitskarte zu erfassen. Viele Praxen verschwenden viel Zeit und Frust damit, die Patienten zu erfassen, da die jetztigen Lesegeräte eben nicht so tun wie sie sollen. Die meisten Patienten mit der elektronischen Gesundheitskarte und Erfahrung bei der Aufnahme ihrer Daten führen noch ihre alte mit sich.

    Der elektronische Personalausweis Pass ist zehn Jahre gültig, selbst wenn der Chip bereits kaputt ist. Das ist bei der Gesundheitskarte nicht der Fall. :)

    • carlo caperchiper schrieb am

      hallo,

      bitte eine Clubmate …;) nein;

      dieses ganze zeug war in den letzten 2 jahren auf der CEBIT zu sehen im PUBLIC- Pavilliom;
      …& noch mehr „Schäuble- Produkte“;
      letztes Jahr “ big Data“ , also das gesammte Abfassen „irgendwelcher “ Daten und das Zusammenfüren derer; In der zeit kaputtem Internet, und das ist zwingend bei Zentral- Server-..
      …Lösungen, hast Du dann ACTA in einem Rechenzentrum mit Ausfallsicherheit, wo der Kartenbesitzer allenfalls einen “ Antrag auf Löschung stellen kann, aber niemals kontrollieren & ausführen. Da ist wie jetzt bei Eddi ; ) ;
      Last , but not least, England will jetzt die Daten aus dem beerdigten „electronic krank Card“
      an Pharmafirmen verkaufennn ;)) ;

      Na dann Prost mit Gen_ Rice_ likör

      • Dirk schrieb am

        Hast Du zu der Bemerkung über die Absicht, in Großbritannien Patientendaten zu verkaufen, eine seriöse Quelle?

    • Hausarzt aus Hessen schrieb am

      Zur Durchsetzung der eGK wurde an vielen Schräubchen gedreht,
      so darf eine KBV-zugelassene Praxis-Software keine alte KV-Karte mehr annehmen, wenn einmal eine eGK des Versicherten eingelesen wurde.
      Neue Lesegeräte wurden flächendeckend installiert (zwar mit Zuschuss, aber keineswegs kostendeckend), es gibt noch Probleme mit einzelnen eGK-Serien an bestimmten Lesegeräten. Software-Updates sollen das lösen ;-)
      Bei Nicht-Lesbarkeit einer eGK ist das papiergebundene Ersatzverfahren anzuwenden.

  4. Marc schrieb am

    Na hätte ich das geahnt…nach 2 Nachfragen meiner Krankenkasse hab ich mir dann doch die neue Karte zugelegt…

  5. Mensch schrieb am

    Also ganz kurz: Meine „alte“ Karte ist bis 2016 gültig. Ich kann also ohne Bedenken diese auch bis zum Ablauf nutzen? Es kann kein Arzt mir die Behandlung auf Grund meiner „alten“ Karte verwehren und ich müsste also auch nichts dazu zahlen?

    • carlo caperchiper schrieb am

      hallo,

      Antwort auf die „alte Karte“:
      siehe Grundrtechtekommitee ( Bremen oder Schl-Holstein) der brd ;

      best regards

  6. carlo caperchiper schrieb am

    halllo,
    interessant, (kritik):das thema EGK wird im blog (aus AK_Vorrat) nicht (z zt.) bedient ;) ;
    aber
    Vorschlag: wie wäre es, wenn Falsch & Desinformatoinen von Krankenkasen-Filialleitern künftig
    mit Abmahnungen (z.B. durch Anwälte des Republikan. Vereins) belegt werden?? ;) ;) ;
    In Brandenburg ( Land) erzählen danze Filialen ( z.B. DAK) absoluten Unsinn.
    Fast keiner von denen weiß, was informationstechnisch wirklich passiert.
    …Wobei die Frage nötig ist, ob das biometrische Foto auf der EGK doch nicht etwa zu Fahndungszwecken dienen soll, wozu sonst Biometrie ??

    ANDOR verknüpfung mit Führerschein/ Auto & PKW- Maut zur Volllkontrolle ??

    best regards
    & volle Kraft voraus

    • Ansgar Hone schrieb am

      Ahoi,

      ich war „Kassenarzt“ und die elektronische Gesundheitskarte stößt auch bei den niedergelassen Ärzten auf erhebliche Skepsis wegen der dort gespeicherten Daten. Diese könne von keinem Beteiligten des Gesundheitswesen vollständig ausgelesen werden und insbesonderen nicht vom Patienten. Nur die gesetzlichen Krankenkassen haben Zugriff. Die neue Karte verzögerte sich auch wegen des massiven Einspruchs der Kassenärzte mit zahlreichen Protestaktionen, bei denen ich nur bei einer im Sommer 2007 teilnahm.
      Allgemein kann ich nach meiner Tätigkeit als Arzt nur sagen, dass der gerade im Gesundheitsbereich der Schutz der Privatsphäre äußerst löcherig und schwierig durchzusetzen ist, da auch fast jedes Gesetz Sozialleistungen an Gesundheitsauskünfte knüpft; kurz gesagt, man bekommt die gesetzlichen Leistungen nicht. Ein Beispiel sei der Kampf innerhalb der Hartz IV Gesetzgebung genannt.
      Und der § 8 a des KJHG (SGB VIII) geht noch darüber hinaus.
      Datenschutz und Mißbrauch persönlicher Daten insbesondere im Gesundheits- und Familienbereich mit „Einbeziehung“ unbeteiligter Dritter gibt es auch außerhalb der elektronischen Welt.

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