Privatsphäre – wer braucht denn so was?

Am 1. Februar 2014 ist ›Internationaler Tag der Privatsphäre‹. Ein guter Anlass, sich daran zu erinnern, was das Wort ›Privatsphäre‹ eigentlich bedeutet – oder was es einmal bedeutet hat.

›Privatsphäre‹ zu haben ist ein Recht, das man für sich in Anspruch nimmt. Das Recht, selbst darüber zu entscheiden, was man anderen gegenüber von sich preisgeben will. Das Recht, selbst eine Linie zu ziehen, wenn es darum geht, sein Leben mit all seinen Gewohnheiten, Höhen und Tiefen, Gedanken, Gefühlen und Handlungen offen zu legen. Das Recht zu sagen:

Am 1. Februar ist #IDP14: International Day of Privacy. Auf stopwatchingus.info erfährst Du, wann und wo Demonstrationen geplant sind.

»Es reicht. Das ist privat. Das geht nur mich etwas an.«

Aus diesem Grund hängen wir Gardinen vor die Fenster, kleben unsere Briefe zu oder erzählen nicht jedem Fremden auf der Straße von einem Problem, das wir gerade haben und warum wir jetzt dieses oder jenes Medikament nehmen müssen.

Menschen brauchen diese Möglichkeit, Geheimnisse vor anderen zu haben. Jeder von uns braucht einen geschützten Raum, in dem er sich selbst ausleben, in dem er ›er selbst‹ sein kann.

Unter ständiger Beobachtung verändert der Mensch seine Gewohnheiten, er verhält sich nicht mehr ›wie immer‹, sondern passt sein Handeln so an, wie er glaubt, dass es von ihm erwartet wird.

Das zeigte schon 2006 ein berühmtes Experiment an der Universität Newcaste. Dort wurde neben der Kaffeekasse abwechselnd ein Blumenbild oder ein Bild eines Augenpaares aufgehängt. Die Einnahmen änderten sich ja nach Motiv drastisch: Unter der gefühlten Beobachtung der Augenpaare wurde fast dreimal soviel in die Kaffeekasse gelegt wie in der Wohlfühlatmosphäre der Blumenbilder. Ein besonders wachsames Augenpaar trieb den Betrag gar in schwindelnde Höhe.

Geschieht ihnen recht, den Zechprellern. Kein Problem also – oder? Doch! Denn es beweist, dass wir zur Konformität neigen, wenn wir uns beobachtet fühlen. Selbst wenn es unbewusst geschieht. Wenn man es krass ausdrücken will:

Überwachung macht uns zu Mitläufern.

Was uns im Fall der Kaffeekasse noch spaßig vorkommt, verliert schnell seine Unschuld. Denn die Verhaltensänderungen treten auch bei Menschen ein, die wirklich ›nichts zu verbergen‹ haben. Einen spannenden Feldversuch dazu gab es auf der CeBt 2010, wie uns Angelo Veltens in seinem Blog berichtete.

Spätestens hier wird klar: Das ist eine ungesunde Entwicklung. Das wollen wir nicht. So wollen wir nicht leben.

Andererseits: Wir – selbst wir Piraten – posten doch heute auf Facebook, wie oft wir uns gestern auf der Party übergeben haben und schicken noch einen ›Selfie‹ auf Twitter hinterher. Wir gewähren Unternehmen Einblick in unser Konsumverhalten – für die Gegenleistung von ein paar Cents Nachlass auf unseren nächsten Einkauf. Wir lassen uns eine Blackbox ins Auto installieren – wenn wir dafür einen günstigeren Versicherungstarif bekommen.

Kein Wunder, dass deswegen auch Politiker, Geheimdienste und Polizeigewerkschaften glauben, dass sie unsere Daten auf Vorrat speichern können, unsere Telefone abhören, unsere SMS und Briefe lesen. Im Gegenzug versprechen sie uns dafür einfach das vage und relative Gefühl von Sicherheit vor einer abstrakten – aber niemals definierten oder gar erklärten – Gefahr.

Schließlich haben wir alle doch nichts zu verbergen – oder?

Vielleicht meinen wir wirklich, dass wir nichts zu verbergen haben. Trotzdem ändert sich, wie die Experimente zeigen, unter Beobachtung unser Verhalten.

Hand aufs Herz – nehmen Sie ihr Handy mit, wenn Sie auf eine Überwachungsdemo gehen? Wie, Sie sind gar nicht so politisch? Da geht es Ihnen wie vielen Piraten noch vor wenigen Jahren. Wir lassen uns nicht einschüchtern. Aber die Hürde wird höher. Und mit der Änderung im Verhalten wird auch der Wille zur Meinungsäußerung in die Schranken gewiesen. Auch der Wille zur politischen Meinungsäußerng.

Das gibt uns zu denken. Das sollte vielleicht auch Ihnen zu denken geben!

Sie haben auf die Piraten-Webseite geklickt. Dieser Klick wurde protokolliert. Nicht von uns, aber von Ihrem Internet-Anbieter, vom britischen GHCQ, von der US-amerikanischen NSA und von wer weiß wie vielen noch. Und wissen Sie, was in einem Jahr ist? Wo ihre Daten dann sind? Wer sie dann auswertet?

Nein, die gesamte Argumentation für – scheinbare – Sicherheit durch anlasslose Überwachung basiert auf einem grundlegenden Missverständnis: Privatsphäre ist kein Recht, das dem Menschen großzügigerweise gewährt wird – sie ist ein Recht, das jeder hat. Als Teil seiner Würde, als Teil seiner Freiheit. Jeder bestimmt für sich selbst die Grenze, was und wieviel er wem gegenüber davon preisgeben will – solange er niemand anderen schädigt.

Diese Grenze willkürlich im Rahmen von sogenannten ›Antiterrorgesetzen‹ zu Gunsten einer Totalüberwachung im Namen einer angeblich effizienteren Strafverfolgung vorzugeben, verstößt gegen unsere Freiheit und Grundrechte. Es macht einen Unterschied, ob ich jemandem etwas erzählen möchte, oder ob ich es muss – im schlimmsten Fall ohne davon zu wissen.

Um Morgen noch dieses Recht des selbstbestimmten Lebens zu haben, müssen wir es schon Heute für uns beanspruchen. Wir müssen uns dagegen wehren, dass dieses Recht in unserem Namen umgedeutet und zu einer allgemeinen ›Auskunftspflicht‹ gegenüber staatlichen Institutionen gemacht wird.

Dies würde nämlich bedeuten, dass jeder als potenzieller Verbrecher betrachtet – und behandelt – wird, der nicht auf seine Privatsphäre verzichten und seine Lebensgewohnheiten offenlegen will. Sind wir Verbrecher, weil wir uns nicht überwachen lassen wollen? Sicher nicht. Wir wollen nur unser Recht. Und wir wollen Herr über unsere eigenen Entscheidungen sein.

Da unsere Regierung dies ganz offenbar nicht akzeptiert, müssen wir sie immer wieder an unser Recht auf Privatsphäre zu erinnern. Aus diesem Grund finden am 1. Februar in zahlreichen Städten Aktionen und Demonstrationen statt. Lasst uns diese Gelegenheit ergreifen, für unsere Privatsphäre einzustehen und durch unsere Teilnahme und Unterstützung deutlich machen, dass wir auch morgen noch die Möglichkeit haben wollen, über die Preisgabe unserer Meinungen, Hoffnungen, Ängste und Gefühle selbst zu entscheiden.

Und wer trotz der verfahrenen Situation vorher noch ein bisschen Spaß haben möchte, der kann – wieder einmal – bei Richard Gutjahr klicken.

Flattr this!


Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

6 Kommentare zu Privatsphäre – wer braucht denn so was?

  1. Anonymous schrieb am

    Wenn ich zum Supermarkt gehe, lasse ich mein Händi tatsächlich zu Hause. Grund: Ich möchte nicht, dass mein Mobilfunkanbieter erfährt, wann ich einkaufen gehe. Außerdem habe ich beim Einkaufen eh keine Verwendung für mein Händi.

    • carlo caperchiper schrieb am

      hallo,

      ..muß nicht unbedingt sei..:
      es gibt solche Folienkuchen / Herrenkuchen ca 1,xx EuR,
      …nsch Verzehr Tüte abwaschen, undrtehen( Silberfolie außen )2. Tüte Silberfolie innen,
      …. Hany rein, Tüte zu (geht auch für e_ Perso–RFID )Enden zusannenrollen, ok;

      just happy fun
      best regards
      carlo

  2. Anonym schrieb am

    Das übliche Sprücheklopfen. Große Segel, kleine Fahrt.

    • Dirk schrieb am

      Zur politischen Willensbildung beizutragen ist die Aufgabe politischer Parteien. Wir tun das, indem wir Themen erklären und auf die Lebenswirklichkeit der Menschen herunterbrechen. Und wenn Dir die Fahrt zu gering ist, kannst Du uns Wind in die Segel geben, indem Du am Wochenende eine Demonstration besuchst oder an einer coole Aktion teilnimmst oder sogar selbst eine planst.

      • Anonym schrieb am

        Wie wollen Sie jemandem „Themen erklären“, wenn Sie diese Themen nur vom Hörensagen statt aus eigener Anschauung kennen? „Indoktrinieren“ ist dann vielleicht das passendere Wort?!
        Es ist das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass Sie meinen, mir gegenüber auf meinen privaten Kommentar hin belehrend auftreten zu können. Empfindliche (und ungeliebte) Sachverhalte auf der Basis von Kenntnissen erklären und sogar durch Belege ergänzen zu können, diese reale Möglichkeit hatte ich Ihrer Piratenpartei sogar verschaffen wollen. Tatsächlich zeigten Sie sich zu — borniert? / rein propagandistisch orientiert? / ‚dezent‘ fremdgesteuert? / verschlagen und durchtrieben? — um bei zwei voneinander unabhängigen Versuchen auch nur einmal überhaupt zu reagieren. „Privatsphäre – wer braucht denn sowas?“ Diese Frage kann man nur noch als wörtliche Meinungsäußerung und nicht mehr als ironisierende Frage verstehen, wenn man kennengelernt hat, wie man sich bei Ihrer Piratenpartei hinter den Kulissen verhält! Das Thema ist ein zu heißes, eines, zu dem es etliche sehr unangenehme Wahrheiten mitzuteilen gibt. Und die Öffentlichkeit erscheint mir da als der einzige angemessene Adressat. Sicher ist jedoch leider auch, dass die Piratenpartei (entgegen ihrem Auftreten) definitiv NICHT geeignet ist, hier Interessenvertreter der Bürger/innen zu sein. Sie haben auf diesem Gebiet Ihre Glaubwürdigkeit im Prinzip längst freiwillig aufgegeben; wobei es noch eine wohlwollende Interpretation bedeutet, dass dies wirklich aus freien Stücken geschah. Denn „privat“ scheint mir vor allem die Kenntnis zu sein, zu wissen, wer beim Privatschiff (mittlerweile) tatsächlich das Ruder hält!
        Gruß von einem „staats.buerger“.

  3. Sven Snodder schrieb am

    Wer wann warum mit wem verkehrt,
    von wo nach wo wer wie auch fährt,
    wovon wer was und wieviel weiß,
    wer was wo kauft zu welchem Preis,
    wohin wer wann und wie verreist,
    und wie genau sein Passwort heißt,
    was und wieviel wer wo bestellt,
    wer was bezahlt mit welchem Geld,
    warum wer wo auf welcher Liste steht,
    zu wem wer wie oft in den Beichtstuhl geht,
    an wen wer welche Mails verschickt,
    wie oft sich wer auf welche Seite klickt,
    woran wer wann wie oft erkrankt,
    wer was und wo und wieviel tankt,
    wie hoch wer wo verschuldet ist,
    bis wann wo wer geduldet ist,
    seit wann warum und was wer wählt,
    zu welcher Käuferschicht er zählt,
    wie lange wer und was wer guckt,
    wieviel wovon wer wie oft schluckt,
    kurzum : wer wo mit wem warum und wann

    das geht euch einen Scheißdreck an.

    Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=9sxrGm31TW8

Es können keine neuen Kommentare mehr abgegeben werden.

Weitere Beiträge: