Manuela Schwesigs Verkürzung der Regelarbeitszeit – eine Kehrtwende in der Familienpolitik?

Bild: Tobias M. Eckrich

von Thomas Küppers und Christiane vom Schloß

Auf den ersten Blick wirkt die Initiative der neuen Bundesminsterin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig, sinnvoll: Eltern sollen mehr Zeit für ihre Kinder haben – und deswegen weniger arbeiten. Von 40 Stunden auf 32 Stunden will die engagierte Politikerin Schwesig die Regelarbeitszeit verkürzen und hat damit für viel Furore gesorgt. Ein Grund für uns, den Vorschlag auf Herz und Nieren zu prüfen – oder anders: Ist Schwesigs Vorschlag sinnvoll und ist er überhaupt realistisch?

Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnte Schwesigs kühnen Vorstoß brüsk ab, indem sie betonte, sie werde keine 140 Millionen Euro Steuergelder in diese Vision investieren. Aber der Kreis der Unterstützer ist groß: Arbeitsministerin Andrea Nahles, Vizekanzler Siegmar Gabriel, sogar Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bekennen sich begeistert zur Familienförderung – hätten sie sich doch selbst vorgenommen, mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Finanzierbar sei das Konzept auch, so Schwesig, und zwar aus Steuermitteln. Zuerst ist die Einführung eines »Elterngelds Plus« geplant, um den Lohnausfall der Eltern auszugleichen. Ein »Partnerschaftsbonus« soll dazu führen, dass Paare gleichzeitig Teilzeitarbeit wählen können. Andrea Nahles will ergänzend ein Gesetz einbringen, das den Eltern ermöglicht, auf Wunsch in die Vollzeitarbeit zurückzukehren.

Im Grunde klingt das nach einer positiv zu bewertenden Maßnahme, die Familien nicht nur den Alltag erleichtert, sondern auch das Problem der seit Jahren rückläufigen Geburten in Deutschland lösen könnte. Denn die Geburtenraten sind seit Jahren konstant niedrig. Deutschland ist diesbezüglich mit einer durchschnittlichen Geburtenzahl von 8,4 pro 1000 Einwohner pro Jahr das Schlusslicht Europas – der Trend zum Einzelkind oder zur Kinderlosigkeit nach wie vor ungebrochen.

Die im Sommer veröffentlichte große Familienstudie des Ifo-Instituts und des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung stellte fest, dass die Geburtenraten nur dann steigen, wenn Frauen davon überzeugt sind, Beruf und Familie vereinbaren zu können. Ein Indiz dafür sieht die Studie in der steigenden Erwerbstätigkeit von Eltern mit unter 3-jährigen Kindern, wenn flexible Betreuungsangebote bereitstehen. In skandinavischen Ländern, wie Schweden – aber nicht bei uns. Denn hier wird auf althergebrachte Transferleistungen gesetzt: Ehegattensplitting, Betreuungsgeld und Kindergeld. Und nun laut Manuela Schwesig auch ein »Elterngeld plus«. So schafft man aber keine Planungssicherheit für Familien.

Kann Schwesigs familienpolitischer Vorschlag zum gewünschten Erfolg führen?

Aus der Wirtschaft erheben sich kritische Stimmen: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) lehnt ein zu regulierendes Eingreifen des Staates als überflüssig ab: Es gäbe bereits flexible Arbeitszeiten, jeder dritte Betrieb unterstütze die Eltern ohnehin bereits bei der Betreuung. Und insgesamt werde das Konzept für unfinanzierbar beziehungsweise undurchführbar gehalten.

Der Hintergedanke dabei: Firmen versuchen den Personalbestand möglichst gering zu halten, um den Verwaltungsaufwand zu vermeiden, der entsteht, wenn sich die Anzahl der Beschäftigten durch Teilzeitkräfte erhöht. Zudem sind viele Mitarbeiter so spezialisiert, dass sie kaum zu ersetzen sind.

Dabei gäbe es durchaus moderne Konzepte, die sowohl den Bedürfnissen der Wirtschaft als auch denen der Arbeitnehmer Rechnung tragen. Zum Beispiel stellt die Firma Google seit Jahren 20% der Arbeitszeit ihren Beschäftigten zur Verfügung. Der »fünfte Tag« dient der Kreativität – und hat entscheidend zum Erfolg des Unternehmens beigetragen: Alle kreativen Ideen, die an diesem Tag entstehen, kommen der Firma zu Gute. So entstanden viele erfolgreiche Projekte, z. B. Gmail, Google News und Google AdSense.

Zunehmend setzen sich auch deutsche Firmen für flexible Arbeitszeiten und Kitabetreuung ein, denn sie haben das Hauptproblem klar erkannt: Geburtenrückgänge führen unvermeidlich zu weiterem Fachkräftemangel und damit auch zu noch mehr Kampf um qualifizierte Arbeitnehmer, die sich natürlich für die Firma entscheiden, die ihnen die besten Leistungen bieten kann.

In den skandinavischen Ländern hat man längst erkannt, dass eine flexible, ganztägige Kinderbetreuung den Familien hilft. Arbeit zu Hause (»Home Office«) stellt eine weitere Möglichkeit dar, lässt sich aber nicht mit jedem Arbeitsplatz umsetzen. Obwohl viele Arbeitnehmer lange Anfahrten zum Arbeitsplatz bewältigen müssen, wird noch zu wenig an den Arbeitsplatz der Zukunft gedacht und Neues probiert. Gerade hier präsentieren sich deutsche Firmen eher konservativ. Dies kritisiert auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB): In deutschen Firmen gäbe es einen regelrechten »Anwesenheitswahn« – eine sehr präzise Beschreibung des Problems.

Wir sehen also: Manuela Schwesigs geplante Kürzung der Regelarbeitszeit für Eltern ist ein Schritt in die richtige Richtung – sie bezieht allerdings weder die Bedürfnisse der Arbeitnehmer noch die der Arbeitgeber ausreichend ein.

Aber was brauchen wir stattdessen in diesem Land?

Eine offene Diskussion aller Beteiligten, auch in der breiten Bevölkerung, mit dem Ziel einer grundlegenden Reform und Neuausrichtung unserer Familienpolitik und unserer Sozialpolitik. Punktuelles staatliches Eingreifen sehen wir in diesem Zusammenhang kritisch, denn die strukturellen Probleme des Arbeitsmarktes können nicht durch ein einzelnes politisches Konzept gelöst werden.

Hier sind der Wille, die Mitwirkung und die Bewusstseinsbildung der gesamten Gesellschaft gefragt – besonders der Firmen! Wir müssen über Heimarbeit reden, über die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, über Job-Sharing-Modelle und über flexible Lebensarbeitszeit. Bei den Unternehmen muss ankommen, dass die Menschen ihr größtes Kapital sind – und dass der kurzfristige Gewinn aus einer einseitigen Shareholder Value Perspektive heraus langfristig der Nagel im Sarg wirklicher Innovation und langfristigen Erfolges ist. Um diese Entwicklung umzukehren bedarf es des Willens, aus gewohnten Denkmustern auszubrechen und des Mutes, neue Lösungen auch umzusetzen. Und die Politik muss solche Konzepte flankieren und darf nicht in den Denkmustern von gestern verharren.

Wir Piraten freuen uns darüber, dass Manuela Schwesig mit ihrem mutigen Vorstoß wieder ein Schlaglicht auf dieses wichtige Thema geworfen hat. Unser Konzept der Mitmach-Partei ermöglicht es, innovative Ideen aufzugreifen und ernsthaft zu diskutieren – wie es moderne Unternehmen auch tun sollten. Viele der so entwickelten Ansätze haben so bereits ihren Weg in unser Wahlprogramm gefunden.

Wenn Du bei diesem Thema mitarbeiten möchtest, kannst Du uns in einer Sitzung der Sozialpiraten besuchen – egal ob Du Pirat bist oder nicht. Die Sitzungen finden jeden zweiten Sonntag um 20 Uhr im Mumble Brandenburg statt. Bitte informiere Dich auf der Homepage der AG über die Details.

Flattr this!


Für Kommentare gelten die hier einsehbaren Regeln.

Kommentare

7 Kommentare zu Manuela Schwesigs Verkürzung der Regelarbeitszeit – eine Kehrtwende in der Familienpolitik?

  1. feucht von lippwig schrieb am

    ich will keine kinder weil merkel in kurzer zeit zwangsarbeit zwangs vertträge und zwangsabgaben eingeführt hat trotz riesiger arbeitslosenzahlen hat mein kind kaum eine chance auf einen kitaplatz und der steigenden zahl der rechtstreite im bereich hartz 4 begegnete man mit der minderung der prozesskostenhilfe
    hinzu kommen stichworte wie mollath snowden und hannemann um die sache kurz zu halten ich möchte keinem kind dieses regime antun nicht mal für geld

  2. Richard Born schrieb am

    ich sehe es bei der leiharbeit – die verträge werden zwar zwischen arbeitnehmerüberlasser und mitarbeiter gemacht, aber die arbeitszeit diktiert der kunde, also der betrieb. Und selbst wenn der betrieb sich darauf einlässt, der überlasser findet garantiert für diese „familienzeit“ einen anderen auftrag, und das thema ist damit nur noch rein akademisch zu betrachten. Erst muss gegen die ausbeutung in der leiharbeit etwas getan werden. Mindestlohn und verkürzung der regelarbeitszeit sind die richtige richtung, aber gerade erst der anfang, erste schritte auf dem weg zu sozialgerechtigkeit.

    Mfg Richard Born
    Gesendet per handy

  3. Kristin schrieb am

    Warum ich mit 36 Jahren und in einer langjährigen soliden Partnerschaft keine Kinder bekommen will?
    Weil mein Kind in der Kita mit ultrakurz und so gut wie kaum ausgebildeten Ersatzerziehern betreut würde, wenn es überhaupt einen Platz bekäme.
    Weil mein Kind in völlig maroden Schulen mit völlig überaltertem , der Pension entgegendämmerndem Lehrpersonal und ( in Berlin zumindest) mangelhaft geputzten Schulhäusern in Kombination mit billig-schlechtem Schulessen Krankheiten bekäme.
    Weil in den Schulen und Unis nur noch Buliemielernendes, gleichgeschaltetes, unkritisches Humankapital erzeugt wird, anstatt junge Erwachsene die sich mit der Welt auseinandersetzen und sie verbessern wollen. Weil meine Kinder es sich nicht leisten könnten, mich im Alter gut getreut zu wissen….

    aber leider interessiert weder Frau Merkel noch Frau Schwesig warum junge Frauen keine Kinder bekommen…nur Bürokratie und Wirtschaft. Nichts anderes interessiert sie.

  4. „Das Problem der seit Jahren rückläufigen Geburten in Deutschland“ gibt es so nicht.
    Wieder einmal habt Ihr Euch von interessierten Kreisen etwas unterschieben lassen.

    Die Piraten sind doch angeblich so internationalistisch. Weltweit haben wir nach wie vor eine stark wachsende Bevölkerung, was immerhin große Probleme in Bezug auf die Übernutzung der natürlichen Ressourcen und die Versorgung all dieser Menschen verursacht.
    Unsere Gesellschaft ist ziemlich kinderfeindlich, das muss man kritisieren. Aber die Geburtenzahl ist etwas anderes und selbst wenn die Bevölkerungsdichte Deutschlands zurückgehen sollte (was derzeit überhaupt nicht der Fall ist), so ist das nicht per se ein Problem.

    Es sei denn man hat Angst um die edlen deutschen Gene oder dergleichen. „Die Deutschen sterben aus“ sind aber Erzählungen, die wirklich bei den Piraten nichts, aber gar nichts verloren haben.
    Wann fangt Ihr eigentlich mal an mit dem „selber denken“, das Ihr so gerne auf Wahlplakate druckt?

    • Dirk schrieb am

      Das „in Deutschland“ im Artikel bezieht sich selbstverständlich auf alle Menschen, die hierzulande sozial teilhaben. Und die Geburtenraten natürlich auch und die sind selbstverständlich ein Indikator dafür, wie kinderfreundlich ein Gemeinwesen sich gegenüber jungen Menschen darstellt. “Die Deutschen sterben aus” stammt von Dir, lieber Eric. Wir mehr so: .

      • Ja, „lieber Dirk“, ist das denn so?
        In dem ganzen Artikel ist kein Wort über Kinderfreundlichkeit zu finden, nur immer wieder über Geburtenzahlen – und die „Bedürfnisse der Arbeitnehmer und Arbeitgeber“ bzw. „der Wirtschaft“. Wie bei den Technokraten und den Nationalkonservativen, die das große böse „Demographieproblem“ beschwören.
        Und ob die Geburtenrate einfach so ein Indikator für Kinderfreundlichkeit ist? Könnte doch auch ein Indikator dafür sein, dass die Leute dem Rentensystem (soweit vorhanden) nicht vertrauen oder dass sie nicht mit Verhütungsmitteln umgehen oder sich diese nicht leisten können…? Kannst Du diesen Zusammenhang Geburtenrate=Kinderfreundlichkeit irgendwie belegen, ich meine wissenschaftlich? Und bitte nicht wieder so: http://www.cigarworld.de/blog/?p=489

        P.S. (bzw. @Moderation)
        Übrigens danke für das Freischalten meines Kommentars. Das kommt ja, jedenfalls wenn einer ein bisschen kritisch ist, in unserer Partei zunehmend aus der Mode.

        • Dirk schrieb am

          a) deswegen schrieb ich: „ein Indikator“ und nicht „der Indikator“, b) Kommentare werden nur dann nicht veröffentlicht, wenn sich Straftatbestände oder Beleidigungen enthalten.

Es können keine neuen Kommentare mehr abgegeben werden.

Weitere Beiträge: