Restore the Fourth – Rede zum vierten Juli

Zwei Schimpansen – Stich aus der Zeitschrift »Die Gartenlaube« von 1876, Lizenz: Public Domain

(Folgende Rede wurde verfasst anlässlich der heute in über fünfzig Städten der Vereinigten Staaten von Amerika stattfindenden Proteste unter dem Motto »Restore the Fourth« zur Wiederherstellung des vierten Zusatzartikels zur amerikanischen Verfassung, der die Bürger vor staatlichen Übergriffen schützt.)

Ich möchte euch eine Fabel erzählen. Wie die meisten guten Geschichten dreht sich auch diese Fabel um Verrat, um Naivität und um Heldentum. Aber erlaubt mir, etwas auszuholen.
Es gab einmal ein Reich der Affen. In diesem Reich gab es Affen, die sich in ihren Gedanken über andere stellten, weil sie in erster Linie nach Macht im Reich strebten. Und Affen, die andere in Gedanken über sich stellten, weil sie in erster Linie das Wohl des Reiches und seiner Bewohner im Sinn hatten. Natürlich dachten und handelten die meisten Affen mal so, mal so.

Aber langfristig führte das im Reich zu Problemen; jene, die hauptsächlich nach Macht strebten, stießen dabei nicht auf Widerstand und hielten die Macht bald in den Händen. Und weil es sich so angenehmer regieren lässt, begannen sie, jene, die ihnen die Macht nicht streitig machen wollten, zu unterdrücken. Als die Unterdrückten das bemerkten, war es schon zu spät, und jeglicher Versuch, sich Macht zurückzuholen, um ihre Unterdrückung zu beenden, wurde niedergeschlagen.

Eines Tages jedoch, nach langen und blutigen Kämpfen, die vielen Affen auf beiden Seiten das Leben gekostet hatten, gelang es ihnen, einen Großteil der Macht für sich zurück zu gewinnen. Nun überlegten sie: Wenn wir es nun einfach so belassen, dann wird die Macht früher oder später wieder in die Hände jener fallen, die sich außerordentlich darum bemühen, und dann wird es uns nicht besser ergehen als früher. Da erinnerte sich ein alter Affe an etwas, das er aus alten Geschichten kannte.

Er sprach: „Nehmen wir an, jeder hätte gleich viel Macht, ungeachtet dessen, ob dies nun so ist oder nicht. Und nehmen wir an, wir würden nun unter dieser Annahme bestimmen, wen wir beauftragen, in unserem Namen zu handeln und uns zu regieren und das immer und immer wieder. Dann würde nicht jener bestimmt werden, den die meiste tatsächliche Macht unterstützt, sondern jener, den die meisten Affen unterstützen, und somit hätten auch jene Affen Mitsprache, die nicht nach Macht streben.“

Die Affen jubelten vor Begeisterung, und es wurde alles so gemacht, wie es der alte Affe vorgeschlagen hatte.
Für eine ganze Weile ging nun alles seinen guten Gang. Und auch wenn im Grunde weiterhin jene Affen regierten, die nach Macht strebten, so konnten sie immerhin die anderen Affen nicht mehr allzu schlimm behandeln, ohne kurz darauf von einer aufgebrachten Affenbande verjagt zu werden. Denn wenngleich sie oftmals hintergründig dennoch mächtiger waren als andere Affen, so konnten sie ihre Macht nicht offen ausnutzen.

„Wir können vordergründig nicht an noch mehr Macht kommen, dachten sich diese Affen, also müssen wir es im Hintergrund tun. Aber an welche Macht kann man hintergründig gelangen?„, dachten sie weiter.

Um diese Frage zu beraten, versammelten sie sich eines Nachts auf einer dunklen Lichtung fernab der anderen Affen. Dort trat ein Weiser unter ihnen vor und sagte:  „Es wäre natürlich sehr offensichtlich, wenn wir Waffen basteln oder Armeen Untergebener um uns versammeln würden. Aber wisst ihr, was nicht offensichtlich ist, und dennoch mächtiger als Waffen und Armeen? Wissen! Wir müssen mehr wissen als alle anderen, dann sind wir mächtiger, ach, was sage ich, wir müssen alles wissen, und dann ist unsere Macht nicht mehr von uns zu nehmen, denn wenn es jemand versucht, dann werden wir es bereits wissen, und dann können wir dagegen vorgehen, bevor er auch nur im Ansatz erfolgreich ist.
Ja, ich sage sogar: Wenn wir alles wissen, dann werden wir sogar wissen, dass er versuchen möchte, unsere Macht zu nehmen, bevor er es selber weiß! Und dann werden wir genug gegen ihn in der Hand haben, um ihn vor den anderen Affen unglaubwürdig zu machen.“

Die anderen machthungrigen Affen begrüßten diese Idee ganz außerordentlich, und sofort begannen sie, alles Wissen zu sammeln, das sie nur bekommen konnten.
Sie begannen, die anderen Affen sehr gründlich zu beobachten. Sie sahen, wie ein Affe heimlich mehr Bananen nahm als ihm eigentlich zustand, weil er eine Fledermausfamilie damit fütterte, die in seinem Baum wohnte. Und sie sahen auch, wie ein zweiter Affe manchmal Menschenkleider anzog und auf dem Dschungelboden herumtanzte, wenn er sich allein wähnte. Und sie sahen, wie wieder ein anderer Affe manchmal verstohlene Blicke auf einen weiteren Affen warf, obwohl dieser verheiratet war.
Mit der Zeit gewannen sie Wissen über alle Affen im Reich, und es stellte sich heraus, dass der Plan des weisen Affen aufging. Sobald jemand versuchte, etwas zu unternehmen, das die Macht der mächtigen Affen gefährdet hätte, erfuhren sie in Windeseile davon. Oftmals verschwand der Affe dann einfach, manchmal wurde er auch einfach nur vor den anderen Affen lächerlich gemacht. Aber auf jeden Fall gelang ihm sein Vorhaben nicht. Als die Affen dies bemerkten, war es bereits zu spät.

Welche Geschichte werden unsere Kinder und Kindeskinder dereinst über uns erzählen? Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder sie erzählen gar keine, weil sie genau wissen, was passiert, wenn sie es versuchen – ganz vielleicht wagen sie es, eine Fabel zu erzählen, die von Affen und Macht handelt. Oder sie erzählen, wie die Menschen im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts begonnen haben, die Erfindung, die sie mit dem Internet in die Welt gesetzt haben, zu begreifen und sich Untertan zu machen, bevor sie von jenen, die ihnen zuvorkamen, in finsterer Absicht Untertan gemacht wurden.

Ich frage mich, wie die Affen in der Fabel reagiert hätten, wenn einer von ihnen die Mächtigen nachts auf der Lichtung belauscht und den anderen Affen davon berichtet hätte. Wäre die Geschichte anders ausgegangen? Hätten die Affen ihm überhaupt Gehör geschenkt, hätten sie ihm Schutz geboten vor den Mächtigen?
Welche Geschichte werden unsere Kinder und Kindeskinder dereinst über uns erzählen?
Ich wende mich nun nicht an die Regierung, um die Aufnahme Snowdens in Deutschland zu fordern. Ich bin nur einer, und was ist schon meine Stimme anderes als eine unter vielen? Stattdessen wende ich mich an uns alle, den Souverän: Nehmen wir Edward Snowden, der sein altes Leben hinter sich ließ, um uns von jenen, die die Demokratie hintergehen wollen, Bericht zu erstatten. Wie verfahren wir dafür mit ihm? Verdammen wir ihn, weil er unangenehme Wahrheiten ausspricht oder versuchen wir, ihm Dankbarkeit zu zeigen für den Dienst, den er uns erwiesen hat? Wir können ihm sein altes Leben nicht zurückgeben. Aber wir können dafür sorgen, dass er in unserer Mitte ein neues beginnen kann.

Welche Geschichte werden unsere Kinder und Kindeskinder dereinst über uns erzählen?
Wir verdanken es Edward Snowden, dass wir nun darüber entscheiden können.

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Kommentare

8 Kommentare zu Restore the Fourth – Rede zum vierten Juli

    • Anonym schrieb am

      Solche Sprüche gelten grundsätzlich immer dann + für dort, wenn + wo die Sprücheklopfer nicht zur Einlösung herangezogen werden können. Daher gibt es auch bis heute keinerlei ernsthaftes Interesse an Personen, die in Deutschland vergleichbare Erfahrungen machen; bei der Piratenpartei bemerke ich davon genauso wenig wie anderswo (wie z.B. bei den Grünen oder den Linken).

      • Dr. Munzert schrieb am

        Blowin‘ in the wind or Info-Storm by Pirates?
        Liebe Piraten,
        Anonym behauptet, dass euch deutsche Whistleblower und deren Erkenntnisse am Heck vorbei gehen. Ich hoffe er irrt sich: Wir haben Erkenntnisse und Themen, die auf einen Information-Storm by Pirates warten. Ihr könnt es!
        Reinhard
        Reinhard

  1. Der Hobbit schrieb am

    Sehr schöne Fabel, es fehlt nur der Teil mit der subtilen Massenhirnwäsche, der die heutigen Affen permanent ausgesetzt sind. Mit diesem Teil gäbe es eine Vielzahl an weiterer möglichen Enden.

    Wie z.B. dem, dass unsere Kinder nur Blödsinn erzählen werden, weil sie beim Widerstand gegen diese Hirnwäsche komplett gegen das Knowhow der mächtigen Affen versagen. Ich denk, das ist das wahrscheinlichste Ende, da ja auch die heutigen Affen zu weit mehr als 50% bereits hirnlose Zombies und keine Affen mehr sind.

  2. MaWo schrieb am

    Sehr gut.
    Gleichwohl würde ein Asylantrag in Deutschland keine echte Sicherheit bieten können.
    Dazu ist der Kadavergehorsamt der Politiker gegenüber „dem großen Bruder“ (derzeit noch?!) einfach zu groß.

  3. dichnix schrieb am

    Ein grosses Ziel Deutschland sollte es in Zukunft sein uns unabhängiger von anderen Ländern zu machen . Es heisst wir sind das Volk der Dichter und der Denker . wir haben so schlaue Köpf nur nutzen wir unser potenzial leider nicht aus . Sobald irgendeiner “ Nazi“ schreit knicken wir wieder ein . Dadurch ist unsere Angst zum Spielball vieler Länder geworden .

  4. K. West schrieb am

    http://www.welt.de/wirtschaft/article117785327/Die-anderen-schnueffeln-Deutschland-schaut-nur-zu.html – jährlichen Schaden von 4,2 Milliarden Euro ( Dunkelziffer höher ).

    „Deutschland kommt in dem Bericht exakt viermal vor, jeweils als Ziel von Industriespionage.

    An einer Stelle bemerken die Amerikaner sogar mitleidig, den deutschen Behörden seien durch die Gesetzgebung derart enge Grenzen gesetzt, dass sie sich kaum gegen feindliche Spionageangriffe zur Wehr setzen könnten.“

    Wie sieht die FDP, die freiheitlich demokratische Partei Deutschland eine Lösung?
    => Wir müssen uns bewaffnen und Gegenspionage betreiben. Aufrüsten also. Hmm…

    „Den Unternehmen bleibt daher nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen.“
    Der deutsche Mittelstand ist bedroht und hilflos.

    „Wirtschaftsverbände sehen deshalb die deutschen Behörden in der Pflicht. Anders als Konzerne hätten Familienunternehmen nur selten eigene Stabsabteilungen zur Spionageabwehr, sagt etwa Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen: „Sie müssen sich daher für den Schutz der von ihnen gefundenen anspruchsvollen technologischen Lösungen auf den eigenen Staat verlassen können.

    Das ist jetzt eine äußerst dringende Aufgabe für die Bundesregierung.“

    Das ist eine primäre Aufgabe der Piraten Partei – gegen die Piraterie,
    die scheinbar nicht nur in Russland und China allgegenwärtig ist.

  5. K. West schrieb am

    Nach reiflicher Überlegung und weiter News sollte der Präsident des Verfassungschutzes, ggf. weitere zurücktreten. Die Verfassung ist in keinester Weise geschützt.

    Seit wann arbeitet die Deutsche Post direkt mit US-Behörden zusammen
    und SCANNT POST ein? Was ist das Ziel des Pilotprojektes mit enger
    Zusammenarbeit bzgl. Datenaustausch der Post?

    http://www.wz-newsline.de/home/politik/ausland/post-kooperieren-in-seltenen-faellen-mit-us-behoerden-1.1363809#commentsForm-498379

    Der Skandal weitet sich immer mehr aus. Keiner tut was. Ich bin entsetzt. Obwohl Firmen wie EADS sowie Mittelstandfirmen vor Wirtschaftsspionage Angst haben und davon berichten ( Corporate Trust- Studie ), wird nichts getan. Es ist doch kein Wunder, dass alles in Billigländern produziert – nein sogar erfunden wird.

    Auf welcher Rechtsgrundlage erhalten amerikanische Behörden Auskünfte „nach expliziter Aufforderung“ – mit oder ohne der Zustimmung und Prüfung von wem? Wie kann es sein, dass BND / BfV nicht nach Methoden fragt und sich äußert, dass sie auch Dinge nicht überprüfen können bzw. nicht alle Anfragen für „Bare Münze halten“, jedoch die Post direkt – ungeprüft (wie auch?!?) Daten weiter gibt? Was ist da los mit den Bürgerrechts-Parteien die kleinen und die Großen. Wir brauchen eine neue Parteienlandschaft – weg mit den Datenverkäufern und Schein-Datenschutz-Machthabern. Weg mit den Besatzern an der Spitze der eigenen Demokratie. Wem gehört das Volk?

    Es heißt längst nicht mehr „Made in Germany“, bald auch nicht mehr „Designed in Germany“,
    es müsste heißten: „Stolen by United Stasi of America“.

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Bild von Fabian Müller
Fabian Müller ist Bundestagskandidat der Piraten und Beisitzer im KV Starnberg.Website: http://feals.de/