Rede von Johannes Ponader, scheidender politischer Geschäftsführer der Piratenpartei Deutschland auf dem Bundesparteitag 2013.1

Bild: Tobias M. Eckrich

Piratinnen, Piraten, Eichhörnchen

ich bin sehr aufgeregt, und ich hoffe, ihr verzeiht mir, falls ich in den kommenden Momenten emotional werden sollte.

Danke sagen

Ich stehe hier, um euch Danke zu sagen.

Ich möchte euch Danke sagen für das Vertrauen, das ihr mir vor einem Jahr und zwei Wochen gegeben habt und Danke für die Unterstützung in dieser Zeit, für offenes und konstruktives Feedback und dafür, dass ihr mit mir zusammen in diesem Jahr in der Partei gelebt und gearbeitet habt. Ich sage euch Danke für die vielen Begegnungen an zahlreichen Orten in Deutschland, bei Debatten im Mumble und in den zahlreichen Mails, die ich in diesem Jahr gelesen und geschrieben habe.

Einiges ist gelungen in diesem Jahr, einiges ist misslungen. Wo ich etwas falsch gemacht habe, da möchte ich euch um Entschuldigung bitten. Ich habe versucht, das Amt nach meinen Kräften auszufüllen, und oft genug bin ich hinter den Ansprüchen, die ihr und auch ich selbst an mich gestellt habe, zurückgeblieben. Doch ich sehe auch die Punkte, wo ich Fehler vermeiden konnte oder wo ich sagen kann: hier ist etwas gelungen.

Themen

Denn natürlich fragt man sich in so einem Moment nicht nur, was ist misslungen, sondern auch, was gibt es, das bleibt und was hinterlasse ich der Partei. Ich möchte in dem Zusammenhang ein Wort sagen zu den Themenbeauftragten.

Obwohl mir sehr wichtig ist, und ich immer darauf geachtet habe, dass das nicht passiert, werden die Themenbeauftragten bereits jetzt nicht nur von der Presse, sondern teils auch parteiintern als Sprecher wahrgenommen, die stellvertretend für die Aktiven in ihrem Bereich reden. Das tun sie nicht, und das sollen sie auch nicht.

Die Themenbeauftragten sollen Netzwerkknoten sein, keine Flaschenhälse. Sie dürfen niemals den einzelnen Piraten oder die einzelne Piratin verdecken, sondern sie sollen sie mit ihrer inhaltlichen Kompetenz leichter findbar machen.

Ich bin in meiner Bewerbungsrede mit dem Anspruch und dem Versprechen angetreten, eine Brücke zwischen Vorstand und Partei zu sein.

Ich hatte versprochen, dass ich mich dafür einsetzen will, dass sich der Bundesvorstand (BuVo) niemals von der Partei ablösen kann, dass er keine Entscheidungen trifft, ohne vorher umfassend die Meinung von euch einzuholen und dass er seine Prozesse stets transparent hält. Das ist mir nicht in dem Maß gelungen, das ich mir gewünscht hätte. Ähnlich wie der politische Geschäftsführer sollen die Themenbeauftragten eine Brückenfunktion einnehmen.

Natürlich ist es auch Aufgabe der Beauftragten selbst, darauf zu achten. Aber ich selbst habe im vergangenen Jahr merken dürfen, dass man dazu auch den wachen Blick derer braucht, die um einen herumstehen. Bitte seid daher wachsam, ich möchte niemals dafür verantwortlich sein, dass eine Hierarchieebene in die inhaltliche Arbeit eingezogen wurde. Und wir brauchen keine Sprecher, die dazu führen, dass andere Sprecher verstummen. Wenn das jemals passiert, dass die Themenbeauftragten zu Themensprechern werden, dann beruft sie bitte ab und löst das Konzept wieder auf.

Themen

Ich sage es noch einmal in aller Deutlichkeit: Der Einzug in die Parlamente ist nur dann ein Gewinn, wenn wir auf dem Weg dorthin nicht unsere Ideale auf der Strecke lassen müssen.

Wir haben im letzten Jahr zum Teil geglaubt, wir müssten diese Partei wie ein Unternehmen führen, mit einer starken, sprechfähigen Spitze, hierarchischen Machtstrukturen und einer Top-down-Philosophie, die den einzelnen Piraten zu einem funktionierenden Rädchen im Getriebe macht, statt zu einem engagierten und selbstbewussten, auch unbequemen Mitglied einer großen politischen Bewegung. Die Piratenpartei ist aber kein Unternehmen. Wir sind eine große, starke und selbstbewusste Bewegung, die das Potenzial hat, die Gesellschaft und die Art, wie wir in Deutschland und auf der Welt Politik machen und Demokratie leben, grundlegend zu verändern.

Wertschätzung

Und wir haben vergessen, dass immer Zeit ist für Selbstreflexion, egal, wie nah oder wie weit weg die nächste Wahl ist. Die Linkspartei hat nach Gysis Wutrede in den Umfragen zugelegt. Die FDP hat nach einer Brandrede von Dirk Niebel eine Woche später mit 10% der Stimmen eine Wahl gewonnen, nachdem sie zuvor monatelang unter der Hürde herumgedümpelt war. Warum sollte es bei uns anders sein – warum sollte gerade bei uns jede Unruhe und jedes kritische Wort sofort zum Schaden für die Partei erklärt werden. Nein, der Schaden, der dadurch entsteht, dass Debatten unterdrückt werden, ist weitaus größer, als der Schaden, der durch eine Debatte entstehen kann – Debatten, die in sich menschenverachtend sind, selbstverständlich ausgenommen.

Nein, schaden können wir uns nur selbst, wenn wir statt sachlicher Debatten Shitstorms auslösen oder unserem Gegenüber unterstellen, dass er oder sie der Partei schaden will, anstatt nachzufragen, warum sein Verhalten in unseren Augen seltsam ist oder – anders ausgedrückt – nicht unserer Erwartung entspricht. Der Partei nutzen oder schaden, das kann niemals ein einzelner Pirat oder eine einzelne Piratin, egal ob im Vorstand oder an der Basis. Die Partei voranbringen können wir nur gemeinsam, viele Mitglieder unserer Partei, die an vielen Stellen inhaltlich, technisch, in den Servicegruppen und in der Verwaltung daran arbeiten, dass unser politisches Projekt vorankommt. Und dafür möchte ich Jedem und Jeder hier ganz ausdrücklich und von Herzen Danke sagen.

Frank

Einen Piraten, einen ganz besonderen Piraten, möchte ich aus dieser Menge herausheben, einen Einzelnen, der uns im letzten Jahr in einer schwierigen Zeit den Begriff von einem WIR gegeben hat.

Frank Schultz, Pirat 499, war einer von uns, und er wird immer einer von uns bleiben. Mit seinem großen Humor und seiner unnachahmlichen Verbindung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit hat er uns vorgelebt, wie man die Welt verändert, in dem man bei sich selbst anfängt.

Frank hat uns etwas geschenkt, das größer ist als eine gewonnene oder verlorene Wahl. Er hat uns mit seinem Spendenaufruf und allem, das damit verbunden wurde, wieder daran erinnert, dass wir eine große Gemeinschaft sind, die die Welt zum Besseren verändern will.

Dabei brauchen wir jeden und jede Einzelne.

Wir brauche alle, die die Kraft und Motivation für den Wahlkampf haben und dafür, die Partei voranzubringen. Und wir müssen denen, den augenscheinlich zwischendurch die Kraft abhanden kommt, zu Recht eine Auszeit gönnen.

Jedem Menschen, der sich mit Fug und Recht Pirat nennt, haben wir als Partei etwas zu verdanken, egal, ob im Vorstand oder an den zahlreichen Orten der Partei, an denen wir gemeinsam daran arbeiten, die Welt zu verändern. Bitte, vergesst das nicht.

Ich gebe heute das Amt, das ich 12 Monate lang ausgefüllt habe, an den Parteitag zurück, damit es neu besetzt werden kann mit einer Person, die die ständige Erneuerung unserer Partei von innen weiter voran treiben kann. Neben vielem Anderen war es meine Aufgabe auch, den Finger in Wunden zu legen und Schwachstellen aufzuzeigen. Ich hoffe, dass eine neue politische Geschäftsführerin oder ein neuer politischer Geschäftsführer daran mitwirkt, dass diese Wunden heilen und die Schwachstellen repariert werden können. Dabei wünsche ich ihm oder ihr viel Erfolg und den notwendigen Rückhalt und die Solidarität in der Partei.

Das Schöne bei den Piraten ist:

Wer bei den Piraten ein Amt niederlegt, tritt nicht zurück, er tritt nach vorne. In diesem Sinne stelle ich mein Amt dem Parteitag zur Verfügung und erkläre meinen Rücktritt vom Amt des politischen Geschäftsführers der Piratenpartei Deutschland. Ich bin Johannes Ponader, und ich bin Basispirat.

Ich danke euch.

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Kommentare

5 Kommentare zu Rede von Johannes Ponader, scheidender politischer Geschäftsführer der Piratenpartei Deutschland auf dem Bundesparteitag 2013.1

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  4. Thomas Bennemann schrieb am

    Ich bin so froh, dass J. Ponader weg ist. Was kann ich tun, dass er nie wieder auf der politischen Bühne erscheint?

  5. Thomas schrieb am

    Ahoi Johannes Ponader.
    Herzlichen Dank für deine Zeitaufopfernde und intensive Mitarbeit im Bundesvorstand der Piratenpartei im Arbeitsjahr 2012/13. Ich habe nicht viel über dich gelesen und gesehen. Das was ich gelesen und gesehen habe, zeigt mir einen „Leien- Politiker“, der im Sinne der Piratenpartei gearbeitet, gehandelt und gelebt hat. Ich hätte dir mehr Durchhaltevermögen gewünscht. Menschen mit deinem Arbeitseinsatz und Politikansatz, braucht die Piratenpartei. Normalerweise würde ich sagen: „Die Zeit wird es den Piraten zeigen.“ Aber in diesem Falle fürchte ich, das sich in spätestens 6 Monaten die Parteimitglieder nur an das erinnern können, was „ihrer Meinung nach“ schief gelaufen ist. Wenn es geht, bleibe den Piraten erhalten; arbeite, wenn es sein muß, im Hintergrund; scheue dich nicht, öffentlich Stellung zu beziehen.
    Danke.
    mfg, Thomas
    ———————–

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