Ich hatte neulich ein sehr interessantes Gespräch mit zwei Damen vom Chaos Computer Club in Düsseldorf. Diese sprachen über das Thema Gender und Piraten. Genau mein Lieblings-Hassthema. Da ich gerade den Raum betrat, rief man mir zu, dass ich mich doch bitte einklinken sollte. Dies tat ich gerne.
Besonders bemerkenswert an diesem Gespräch war die Info, dass die CCC-Damen die Ladies der Piratenpartei, ja die Partei selbst, ob ihrer Einstellung gegenüber Genderthemen bewunderten. Sie stellten fest, dass es in piratigen Gefilden wirklich keinen Bedarf für einen Genderdiskurs gibt. So sieht es für mich auch aus. Bisher habe ich in der Partei beobachten können, dass eine Quotierung überflüssig ist. Es gibt bislang natürlich viel zu wenige Piratendamen, jedoch werden die Damen, die sich engagieren, auch belohnt. Der Output zählt nämlich, und nicht das Geschlecht. Besonders bemerkenswert ist das ebenfalls vorhandene Bewusstsein für ein geschlechtlich ausgeglichenes Bild nach außen, trotz des Damenmangels in der Partei. Die ältere der beiden CCC-Damen, eine sehr sympathische Open Office-Entwicklerin, meinte jedoch, dass wir Piratenladies uns für die Öffentlichkeit doch bitte mehr in den Vordergrund spielen sollten, damit die Gender-lastigen Lager wie etwa die EMMA endlich aufhören würden, die Piraten fälschlicherweise als Männerpartei zu bezeichnen. Der letzte Parteitag in NRW zeigte deutlich, dass wir Damen uns nicht sehr bemühen müssen, uns zu produzieren. Unsere Parteifreunde männlichen Geschlechts haben mit großer Freude eine Lehrerin zum ersten Vorstand gewählt. Der zweite Posten ging dann an einen sehr engagierten männlichen Piraten. Prima quotiert, ohne zu quotieren. Es ist daher eine Wohltat, eine Frau in der Piratenpartei zu sein, ganz abgesehen von den vielen quirligen und klugen Persönlichkeiten, denen man auf diesem Wege täglich begegnet.
Andererseits hat mein letzter Urlaub im Bergland gezeigt, dass meine Parteiwelt und das Leben in der urbanen Umgebung jedoch angenehme Inseln sind. Es gibt immer noch genügend Gegenden, in denen das Frausein nicht gerade einfach gemacht wird. Immer noch werden Frauen nicht in einige Schützenvereine aufgenommen. Wenn eine dies gerne tun würde und mit dem Antidiskriminierungsgesetz ankäme, wäre sie in ihrer Gemeinde direkt unten durch. Dies ist nur ein trivialeres Beispiel für den immer noch lebendigen Sexismus in unserer eigentlich recht aufgeklärten Welt. Ich will sicherlich nicht in einen Schützenverein eintreten, hie und da werden Frauen doch akzeptiert, aber jeder Mensch an jedem Ort hat das Recht, sich so auszuleben, wie es ihm gut dünkt. Soweit sollten wir nun im 21. Jahrhundert doch bitte sein. Genauso sollten durch massive Eigeninitiative von Frauen gläserne Decken im Berufsleben zerbrochen und Vorurteile gegenüber dem anderen Geschlecht abgebaut werden.
Dies gilt im Übrigen für Damen und Herren. In meinen Ohren ist jeder männerfeindliche Spruch genauso schmerzhaft wie die bauchschmerzigen, misogynen Zoten mancher Kerle.
Ich denke, es ist eine Frage der Zeit, sich als Mensch wahrzunehmen und nicht als Opfer eines genitalen Zustands. Es gibt mittlerweile einen allgemeinen Konsens gegenüber dem Rassismus, dass dieser schlecht ist. Daher ist es sicherlich nicht allzu schwer, auch endlich den Sexismus ad Acta zu legen. Unterschiede sind Unterschiede. Ob mit oder ohne Hinzunahme von Political Correctness in Form von Genderpolitik.
Die Piratenpartei hat hier mit ihrer Post-Gender-Einstellung eindeutig die Nase vorn. Nutzen wir diese vorzügliche Stellung und machen was draus, anstatt uns über externe Kritik den Kopf zu zerbrechen. Denn je mehr wir uns mit uns selbst beschäftigen, desto weniger echte Politik wird gemacht.
Und was die Damen vom CCC betrifft: Eine der beiden ist mittlerweile den Piraten beigetreten.
Autor: em
Kommentare
"Post-was?" , "Was?-Gender" oder "Was?-Was?"
wenn Menschen als Menschen - vom Geschlecht unabhängig - behandelt werden sollen, dann lasst uns gleich morgen damit anfangen. Dann rufen wir heute abend noch schnell im Bundestag an und fordern, dass Menschen für gleiche Arbeit nicht weniger bzw.mehr Lohn als andere Menschen bekommen. Danach machen wir einen Abstecher in einige (z.B. besonders afrikanische) Länder und sagen da mal, dass Menschen wie Menschen behandelt werden sollen .. unabhängig davon, mit wem sie ihr Bett und ihr Leben teilen. Auf dem Rückweg halten wir nochmal kurz in Osteuropa und sagen dort den Menschenhändler-Menschen, dass wir Menschen im Westen gern mit unterschiedlicheren frichen Menschen versorgt werden wollen, nicht fast ausschließlich mit "Menschen mit Frontalloch".
So könnte meine Aufzählung jetzt noch ewig weitergehen. Und wenn wir das alles erledigt haben können wir ganz schnell und umkompliziert in einer Welt leben, in der Menschen einfach Menschen sind.
Aber mal Spaß beiseite:
NATÜRLICH sollen Menschen wie Menschen behandelt werden .. genau das ist doch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von gendersensibler Theorie und Praxis.
Wenn ihr in der Uni, auf der Arbeit, in der Schule (vermeintlich) einfach nur wie Menschen behandelt werdet, dann ist das Spitze ... vor 100 Jahren und länger hieß es an Unis, in Betrieben, in der Politik usw. usf. noch nicht Mensch=Mensch. Zum Glück hat sich da bis heute schon einiges getan. Und wem haben wir das zu verdanken?? RICHTIG: dem Genderdiskurs.
Ich freue mich riesig auf den Tag, an dem ich beim Begriff "Post-Gender" keine Gänsehaut mehr bekomme.